03.12.02

Sprachliche Köstlichkeiten

Über die Herkunft geflügelter Worte der Küchensprache wurde viel spekuliert. Der Autor Christoph Gutknecht aus Hamburg erklärt in seinem Buch, was es mit Pustekuchen, Eisbein und treuloser Tomate so auf sich hat.

Von Katrin Protze

Warum sagt man "Es ist mir wurscht", wenn einem etwas egal ist, und nennt einen unzuverlässigen Menschen "treulose Tomate"? Wurde der Kasseler Rippenspeer in Kassel und der Hamburger wirklich in Hamburg erfunden? Wie Lebensmittel in die Umgangssprache kamen und ob die Namen von Speisen auch halten, was sie versprechen, das untersucht der Hamburger Sprachforscher und emeritierte Anglistik-Professor Christoph Gutknecht (63) in seinem neuen Buch "Pustekuchen! - Lauter kulinarische Wortgeschichten".

Es ist das fünfte Werk des Autors, in dem es skurrile Enthüllungen zur Herkunft geflügelter Worte gibt. Nach "Lauter Worte über Worte" (1999), "Lauter böhmische Dörfer" (2000), "Lauter spitze Zungen" (2001) und "Lauter blühender Unsinn" (2002) konzentriert sich der Wissenschaftler diesmal allerdings auf Sprachliches aus der Welt der Kochlöffel und Küchenschürzen.

Alphabetisch geordnet finden sich auf 288 Seiten 174 kulinarische Einträge von Aalsuppe über Berliner und Eisbein zu Pumpernickel, Pustekuchen und Zimtziege. Neben den erstaunlichsten Ergebnissen aus der aufwendigen Recherche gibt es zu jedem Ausdruck Gutknechts heißeste Spekulation zum Wortursprung. "Über die Herleitung der meisten Wörter wurde viel gemutmaßt", sagt der 63-Jährige und fügt lächelnd hinzu: "Entschieden habe ich mich für die Erklärung, die am meisten Sinn macht."

So führt der Professor die Wendung "Es ist mir wurscht" auf den Scherzreim "Der Inhalt der Wurscht bleibt ewig unerfurcht" zurück. Heißt also: Es ist ganz egal, ebenso egal, wie das, was in die Wurst hineinkommt. Für den Ausdruck "treulose Tomate" gibt er vier mögliche Antworten aus der sprachgeschichtlichen Forschung, bevor er sich festlegt: Schuld an der blumigen Formulierung ist die begrenzte Haltbarkeit von Tomaten. Gemeint ist: Auf den Tomatenhandel kann man sich als Einnahmequelle genau so wenig verlassen wie auf unzuverlässige Personen.

"Angefangen hat alles mit einem Essen bei Freunden und der Frage, ob Aalsuppe wirklich Aal enthält oder - wie viele vermuteten - alles Mögliche, nur kein Aal", sagt Gutknecht. Zu Hause habe er dann in seiner Bibliothek so lange historische Lexika und antike Kochbücher gewälzt, bis er den Beweis gefunden hätte: Die Hamburger Aalsuppe enthalte nach der Tradition neben Gemüse auch gekochten Aal, so ein Hamburger Kochbuch von 1788.

"Verrückt", dachte sich der von Natur aus neugierige Wissenschaftler und fragte sich: "Wenn Aalsuppe wirklich Aal enthält, wie viel haben dann die bildhaften Ausdrücke Pustekuchen, Eisbein und Pumpernickel mit Kuchen, Eis und rostbraunem Metall zu tun?"

Er recherchierte und entdeckte, dass der Ausdruck "Pustekuchen", der im Sinne von "Denkste" gebraucht wird, kein fortgewehtes Gebäck bezeichnet: "Pustekuchen" geht vielmehr auf zwei jiddische Worte zurück: poschut (dt. wenig) und chochem (dt. klug, wissend). Quittiert man eine Äußerung mit dem Ausruf "Pustekuchen!", so qualifiziert man sie als "wenig klug", unklug oder dumm.

Eisbein, das außerhalb von Berlin und dem norddeutschen Raum Schweineknochen oder Schweinshaxen heißt, hat dagegen etwas mit Eis zu tun: Holländische Einwanderer brachten im 17. Jahrhundert das Eislaufen nach Berlin. Als Kufen benutzten sie die Hinterbein-knochen der Schweine.

Unter den unterschiedlichen Herleitungsversuchen für das Wort "Pumpernickel" entschied sich der Forscher für eine alte Spekulation - sie spielt auf die blähende Wirkung des gewürzten Roggenschrotbrotes an: "pumpern" bedeutet "einen Wind streichen lassen", und Nickel ist die Koseform von Nikolaus. Das Brot heißt also übersetzt so viel wie "Furzheini".

So einfach lässt sich aber nicht alles herleiten - so mutet Gutknechts Recherche-Ergebnis zur Herkunft der Worte "Berliner" und "Kasseler" sehr kurios an: Das krapfenähnliche Gebäck, das anderswo "Berliner Pfannkuchen" oder "Berliner" und in Portugal "Bolas do Berlin" (Berliner Bällchen) genannt wird, heißt in der Hauptstadt "Pfannkuchen" - hat also seinen Ursprung auf keinen Fall in Berlin. Während dagegen das gepökelte Schweinebruststück mit Rippen, das "Kasseler Rippenspeer", nicht in Kassel, sondern in Berlin erfunden wurde. Kochkunsthistoriker haben bewiesen, dass "das Kasseler" nach dem Berliner Schlachtermeister Cassel benannt wurde, der das Gericht einst in der Potsdamer Straße 15 kreierte.

Bleiben nur noch die Fragen: Kommt der Hamburger wenigstens aus Hamburg? Oder was hat eine Betriebsnudel mit Pasta zu tun? Auch darauf hat der Autor, dessen Hobbys das Lesen und Essen sind, eine Antwort.

Buchtipp :

Gutknecht, Christoph: Pustekuchen! Lauter kulinarische Wortgeschichten. München: C. H. Beck 2002, 9,90 Euro, ISBN 3-406-47621-X.

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