24.07.08

Lebensmittel: Hamburger Museum klärt über Zusatzstoffe auf

Wie viel Himbeere steckt im Joghurt?

Das Aroma wird aus Sägespänen des Zedernholzes gewonnen. Über Risiken der Fremdstoffe können sich Verbraucher auf dem Großmarkt informieren.

Von Angela Grosse
Foto: Rights protected
Vieles, was wir schlucken, kennen wir nicht. Mehr als 2000 Substanzen werden den Nahrungsmitteln zugesetzt, nur 316 davon müssen deklariert werden.

Ob Saft oder Butter, Fertigsuppen, Kekse oder Brot, fast alle Lebensmittel enthalten Zusatzstoffe. Diese Helfer der Industrie haben jetzt im Deutschen Zusatzstoff-Museum auf dem Hamburger Großmarkt ihren Auftritt. Über 160 dieser Substanzen, die sich auf den Verpackungen hinter eher kryptischen E-Nummern verbergen, informiert das neue Museum, das wie ein Supermarkt gestaltet ist. "Es ist das einzige Museum in Deutschland, das sich mit Zusatzstoffen, die ja eigentlich Fremdstoffe heißen müssten, befasst", sagt Ernährungsexpertin Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg, die das Abendblatt durch diese Ausstellung begleitet. "Eigentlich gibt es 316 Zusatzstoffe, die deklariert werden müssen. Doch insgesamt werden wohl mehr als 2000 Substanzen zugesetzt. Das haben Prof. Georg Schwedt und Udo Pollmer, die das Museum entwickelt haben, ermittelt. Denn Aromen und Enzyme müssen nicht deklariert werden", erzählt Friederike Ahlers, Leiterin des Museums. Initiator des Museums ist die Hamburger Lebensmittelstiftung, die von der Familie Ahlers ins Leben gerufen wurde. Diese Familie ist Mehrheitsaktionär der Frosta AG mit Firmensitzen in Bremerhaven und Hamburg.

Ein Blick auf das Banner am Eingang, das die Geschichte der Zusatzstoffe erzählt, zeigt: Das Thema hat die Menschheit schon immer begleitet. Zunächst ging es nur darum, Lebensmittel zu konservieren, um die Zeit zwischen den Ernten zu überbrücken. Doch schon bald wurden Fremdstoffe genutzt, um beispielsweise den Geschmack von Lebensmitteln zu verändern. So setzten die Römer dem Wein Bleizucker zu, ein Bleisalz der Essigsäure, das süß schmeckte und in Wasser gut löslich ist. "Die Folgen für den Adel könnten verheerend gewesen sein. Denn Blei zerstört das Nervensystem so langsam, dass ihre Vorkoster die Adeligen vor diesen Folgen nicht schützen konnten", erzählt Friederike Ahlers. Mozart könnte - so er denn Pralinen verzehrte - einer künstlichen Verfeinerung von Schokolade seinen frühen Tod schulden. Zu seiner Zeit war es gerade in Mode, Pralinen mit Schwermetallen wie Arsen, Quecksilber oder Blei zu färben.

Meistens jedoch wurden diese Substanzen genutzt, so Schwartau, um die Produkte billiger zu machen. Ein Blick in einen der kleinen Glaskästen, der vor den täuschend echt gestalteten Supermarktregalen im Verkaufsraum steht, lehrt: Wer Himbeer-Joghurt aus Himbeeren herstellen will, muss mehr als 30 Euro investieren, um ein Kilogramm herzustellen. Wer auf Kunst-Aromen setzt, den kostet das nur 0,06 Cent. Kein Wunder: Bananenaroma, das lässt sich im Museum an einer Riechstation erleben, wird aus Essigsäure und Alkohol gemischt.

Die eigentliche Überraschung ist: Natürliche Himbeer-Aromen müssen nichts mit Himbeeren zu tun haben. "Die Weltproduktion deckt nicht einmal fünf Prozent des Bedarfs an fruchtigen Aromen. Himbeeraroma wird deshalb oft aus Zedernholz gewonnen. Dabei werden die Sägespäne mit Wasser, Alkohol und einem Cocktail aus Substanzen, die nur die Unternehmen kennen, verkocht. Und die Verbraucher erfahren nichts davon. Denn die Aromen dürfen 'natürlich' genannt werden, weil der Ausgangsstoff aus der Natur kommt", ärgert sich Ernährungsberaterin Schwartau.

Was in Zukunft drohen könnte, auch das skizziert das Museum. Die Nanotechnologie könnte es ermöglichen, berichtet Ahlers, dass eine Pizza, je nach Back-Temperatur, nach Salami oder Thunfisch schmeckt. Dabei bleibt dann sicherlich nicht nur das Auge auf der Strecke, sondern auch der Geschmacks- und Geruchssinn. Schon heute, warnt Schwartau, mögen manche Kinder keine Erdbeeren oder Kirschen mehr, weil die künstlichen Aromen ihren Geschmackssinn verwirrt haben. Ein zusätzlicher Nachteil sei, dass der intensive Geschmack dazu verführe, zu viel zu essen, er begünstige also Übergewicht.

"Das Museum bietet den Verbrauchern die Chance, die Qualität ihres Essens wirklich zu durchschauen. Sie werden hier gut darüber informiert, was diese Zusatzstoffe für ihre Gesundheit bedeuten", freut sich Schwartau, die hofft, dass noch mehr Firmen sich an diesem Museum beteiligen. Noch engagieren sich nur Frosta, das seit 2003 Tiefkühlkost ohne Zusatzstoffe produziert, und die Kelterei Walther in Sachsen für dieses Museum. Letztere stellt noch heute Fruchtsäfte nach den Rezepten der Großeltern ohne Konzentrat und chemische Helfer (Enzyme) her. "Es wäre schön, wenn mehr diesen Pionieren folgen würden", so Schwartau, die im Herbst im Museum auch Vorträge halten wird.

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