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Wissen

Vorträge: Professor erklärt Zahlen und Formeln unterhaltsam

Mathematik stärkt das Rückgrat

Berührungsängste mit einer von vielenungeliebten Wissenschaft abbauen, das ist das Ziel von Albrecht Beutelspacher.

Viele glauben, Mathematik sei ein Hantieren mit Formeln, damit neue Formeln entstehen. Doch das ist eine Verwechslung", sagt Prof. Albrecht Beutelspacher. Der Virtuose im Übersetzen der Mathematik in Alltagssprache, der mit seinen mathematischen Experimenten seit Jahren Jung und Alt, Laien und Experten begeistert, verriet kürzlich Hamburger Mathematik-Lehrern seine Tricks.

Er habe nie schlechte Erfahrungen gemacht, wenn er versucht habe, verständliche Vorträge zu halten oder Artikel zu schreiben. "Allerdings war das zunächst eine Mutprobe. Als ich 1996 das Buch 'In Mathe war ich immer schlecht' fertig hatte, da hatte ich schon Sorge, dass ich keine ordentliche Stelle mehr bekommen, mein Ruf als Wissenschaftler dahin sein würde", erinnert sich Beutelspacher im Gespräch mit dem Abendblatt. Doch diese Sorge war unberechtigt. Denn nicht nur die Laien, auch seine Kollegen waren begeistert von seiner Art, diese Wissenschaft verständlich zu machen.

Seinen ersten Erfolg verbuchte er mit einem Vortrag, den er zuvor vor Schülern gehalten hatte. "Über mir war die Arbeit zusammengebrochen, ich fand keine Zeit, einen richtigen Kolloquiumsvortrag auszuarbeiten, also hielt ich meinen Vortrag vom Vortag noch einmal. Danach kamen die Kollegen zu mir und erklärten hocherfreut, das sei endlich mal ein Vortrag gewesen, den sie verstanden hätten."

Im Hauptberuf ist Beutelspacher Professor für Geometrie und Diskrete Mathematik an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, erforscht Grundlagen und Anwendungen zugleich. So war er maßgeblich an der Nummerncodierung der ab 1989 in Deutschland eingeführten Banknoten beteiligt. "Doch im Jahr der Mathematik werde ich wohl die meiste Zeit damit verbringen, Mathematik unter die Leute zu bringen", schmunzelt Beutelspacher, der seit 2002 Direktor des Mathematikums in Gießen ist, des ersten mathematischen Mitmach-Museums der Welt. Das größte Defizit sei, dass die Menschen keine gefühlsmäßige Vorstellung davon haben, was Mathematik ist. "Zu Biologie, Kunst oder Literatur, sogar zu Disziplinen wie Jura oder Volkswirtschaft haben die meisten Menschen einen Bezug, doch zu Mathematik? Das fallen allen nur Rechnen, Formeln und Beweise ein. Dabei ist Mathematik ganz anders. Formeln sind nur das Endprodukt, Mathematik gründet auf Formen und Mustern. Die Mathematik schult zudem den Blick für natürliche Formen. Haben Sie schon einmal wahrgenommen, wie viele Kreise es in der Natur gibt? Mit Geraden ist sie hingegen sehr sparsam, der Horizont, das Lot, das war es schon." Daran könnte man jetzt eine philosophische Betrachtung anschließen, wie auch über den Satz von Beutelspacher: "Mathematik ist eine emanzipatorische Wissenschaft. Sie stärkt jedem Menschen das Rückgrat." Den werden viele Schüler nicht unterschreiben, doch das sei einfach richtig, betont Beutelspacher eindringlich. Der Grund: Um beurteilen zu können, ob eine Aufgabe richtig gelöst ist, brauche niemand einen Lehrer. "Im Unterschied zu anderen Fächern wie Deutsch oder Philosophie. Wenn der Fachlehrer gut ist, kennt er Hunderte von Büchern und Interpretationen und hat damit einen unglaublichen Vorsprung vor den Schülern. Als Schüler bin ich in diesen Fächern ein Anfänger, in Mathe kann ich gleich mitreden. Das stärkt das Selbstvertrauen."

Im Jahr der Mathematik will Prof. Beutelspacher zunächst einmal die Berührungsängste abbauen. Mit einem Vortrag in Hamburg hat er erneut dazu beigetragen.


Informationen im Internet: www.beutelspacher.info/

A. Beutelspacher "In Mathe war ich immer schlecht . . .", Vieweg-Verlag, ISBN 3528 267 836, 19,80 Euro.

 

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