Eine "Rufmordkampagne"
Falsche Titel ? - Ein Professor der Hochschule für Musik und Theater Hamburg wird öffentlich angegriffen. Der Fachmann soll seinen Doktor zu Unrecht führen. Der Streit und die Hintergründe.
Niemand kann das bestreiten: Der Hamburger Professor Hans-Helmut Decker-Voigt (57) ist ein international anerkannter Experte der Musiktherapie. In den Klappendeckeln seiner Bücher - mehr als 25 hat er geschrieben - ist sein akademischer Werdegang nachzulesen. Seit 1984 trägt er den Titel "Ph.D.", die amerikanische Bezeichnung für den Doktorgrad. Niemand in der Fachwelt hat sich je daran gestört. Doch jetzt wird dem Professor der Hochschule für Musik und Theater Hamburg vorgeworfen, er trage einen "falschen Doktortitel". Im Internet und in mehreren Zeitungsartikeln, zuletzt vergangenen Donnerstag in der "Berliner Zeitung", behauptet stets derselbe Autor, der Hamburger Professor habe seinen Doktor von einer kalifornischen Universität, die als "reine Titel-Fabrik berüchtigt" sei. Gegen diese "falsche Behauptung" habe er eine "Unterlassungs- und Widerrufsklage" eingereicht, sagte Decker-Voigt dem Abendblatt. Seine Entgegnung: Er habe in den Achtzigerjahren zunächst einen Hochschulabschluss (Master's Degree) am renommierten Lesley College in Cambridge (USA) gemacht im Fach Ausdruckstherapie/Musiktherapie. Seine Lehrer dort hätten ihm für weiterführende Studien die Columbia Pacific University (CPU) in Kalifornien empfohlen. Im Rahmen eines speziellen "Überseeprogramms" habe er dann an der Medizinischen Hochschule in Hannover geforscht und die Dokumentation seiner Arbeit als Doktorarbeit in Psychologie an der CPU eingereicht. Mit der Benachrichtigung der CPU sei er davon ausgegangen, der Titel sei international anerkannt. Dieser Abschluss an der CPU sei in Deutschland jedoch nicht anerkannt, heißt es in den Vorwürfen mit Berufung auf die Kultusministerkonferenz. Darauf habe ihn in all den Jahren niemand hingewiesen, entgegnet Decker-Voigt. Ob er den Titel habe führen dürfen, will jetzt auch die Hamburger Wissenschaftsbehörde klären. Was die Sache nicht erleichtert: Die CPU existiert inzwischen nicht mehr. Für Hochschul-Chef Prof. Hermann Rauhe ist die ganze Angelegenheit eine "Rufmordkampagne". Der Vorsitzende des Bundesverbandes für Kunst-, Musik- und Tanztherapie, Walther Zifreund, habe gegen Decker-Voigt Strafanzeige wegen "unberechtigter Führung des Doktortitels" und "Anstellungsbetrugs" gestellt, hieß es in der "Berliner Zeitung". Das nennt Rauhe "absurd". Er selbst habe Decker-Voigt 1986 "händeringend gebeten", als hauptamtlicher Professor (Besoldungsgruppe C4) an die Hamburger Hochschule zu kommen, nachdem dieser seine Bewerbung schon zurückgezogen hatte, weil ihm zwischenzeitlich eine besser dotierte Hochschullehrerstelle in der Schweiz angeboten worden war. Rauhe: "Wir wollten Decker-Voigt aber unbedingt haben." Von "Anstellungsbetrug" könne deshalb keine Rede sein. Die Vorwürfe gegen den Hamburger Wissenschaftler, der 1999 den Weltkongress der Musiktherapie in Hamburg leitete, gehen noch weiter: Er vermittle "faule" Titel über das "Internationale Hochschulprogramm für musik- und ausdruckstherapeutische Methoden in Beratung und Coaching" (IHMA) im badischen Freiburg. Dort gebe es nach Abschluss der berufsbegleitenden Ausbildung in Block- und Intensivseminaren (Kosten: 15 800 Euro) den Titel "Master of Art". Den wiederum vergibt die Schweizer Privat-Uni EGS (European Graduate School Leuk/Wallis), die im Deutsch-Schweizerischen Kulturabkommen nicht aufgeführt ist. Die Folge: Ihre Titel sind in Deutschland nicht anerkannt. Die Schweizer Privat-Uni EGS ist eine "staatlich anerkannte private Elite-Universität", so Rauhe, "bei deren Gründung Decker-Voigt und ich maßgeblich mitgewirkt haben". Die Schweizer Hochschule und die Hamburger Musikhochschule haben 1999 eine Kooperation vereinbart. Dass die Anerkennung der von der EGS verliehenen Titel von deutscher Seite noch nicht erfolgt ist, sei nur eine Formalie, sagt Rauhe. Die allerdings könnte Folgen haben: Denn Rauhes zweiter Doktortitel mit dem Zusatz h.c. (honoris causa, ehrenhalber) stammt von der EGS. Rauhe: "Dass ich den angeblich nicht führen darf, habe ich nicht gewusst, ich werde ihn aber aus meinem Briefkopf sofort streichen lassen." Ungeachtet der Streitigkeiten kann Prof. Decker-Voigt neuerdings einen Doktortitel führen, ohne alte Dokumente vorlegen zu müssen. Denn vor zwei Wochen, so bestätigte Rauhe, habe Decker-Voigt vor einer Promotionskommission der Hamburger Hochschule für Musik seine Doktorprüfung bestanden. Nun hofft Rauhe, dass die "Diffamierungen" bald beendet sind.



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