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Wissen

Wer ist der König des Schachs? - Mensch gegen Maschine

Das Duell geht in die zweite Runde. Wladimir Kramnik und Garri Kasparow treten gegen Deep Fritz 7 und Deep Junior, die besten Schach-Computer, ans Brett. Chip oder Champion, Gerät oder Genie, wer schaltet im entscheidenden Moment schneller?

Das Urteil der Experten fiel vernichtend aus. Er habe zu viele menschliche Züge gezeigt. Er sei aufgeregt gewesen, nervös, ängstlich, er habe geschwitzt, hyperventiliert und die Technik dämonisiert. Und dann dieser Verfolgungswahn. Nein, das konnte nicht gut gehen. Am 12. Mai 1997, so voreilige Chronisten, habe der Mensch endgültig das Duell gegen die Maschine verloren. Was war passiert? Das IBM-Monster Deep Blue, damals schnellstes Elektronengehirn der Welt, hatte Garri Kasparow, den besten Schachspieler, in New York mit 3,5:2,5 Punkten mattgesetzt. "Betrug!", zeterte der Champion. Sein Vorwurf: Der kühle Rechner hätte eiskalt menschliche Züge gemacht, Big Blues sekkanter Silizium-Spross sei in schwierigen Stellungen heimlich von Großmeistern gemanagt worden. Die Anschuldigungen blieben ungeklärt. Nach gewonnener (Medien-) Schlacht schraubte IBM das 17 Millionen Dollar teure Gerät auseinander und gewährte bis heute niemandem Einblick in den Datenschatz. Ein Revanchematch wurde Kasparow für immer verwehrt. Fünfeinhalb Jahre später kommt es zu einer neuen Runde im Wettstreit der Elektronen und Neuronen, der Schaltstellen und Synapsen. Diesmal in Nahost - und gleich an zwei Fronten. An beiden Orten stehen eine Million Dollar Preisgeld auf dem Spiel. Weltmeister Wladimir Kramnik (27) misst sich vom 4. bis 19. Oktober in Manama, der Hauptstadt Bahrains, in acht Spielen mit dem getunten Computer-Weltranglistenersten Deep Fritz 7, der menschliche Ranglistenkönig Kasparow (39) im Dezember in Jerusalem über sechs Partien mit dem aktuellen israelischen WM-Sieger Deep Junior. Beide Produkte vertreibt exklusiv das Hamburger Softwarehaus Chessbase für 99 Euro; Fritz wurde sogar hier entwickelt - und hatte im April 2001 in Spanien das Ausscheidungsmatch gegen Junior mit 14:12 entschieden. Während Deep Blue 1,5 Tonnen wog, auf 200 Prozessoren lief und rund 200 Millionen Schachstellungen in der Sekunde generieren und bewerten konnte, sind die Nachfolger des schnellen Brüters im CD-Format zu kaufen. Deep Junior wird gegen Kasparow von zwei AMD-Prozessoren angetrieben, Deep Fritz gegen Kramnik von acht Intel-Pentiums. Beide Programme bleiben damit etwa 50- bis 60-mal langsamer als Deep Blue, eine intelligentere Software aber trimmt sie wohl zu noch stärkeren Gegnern. Teilweise unabhängige Tests, bei denen Fritz und Junior Deep Blues Züge gegen Kasparow finden mussten, sind zu diesem Ergebnis gekommen. Ein Gigabyte große "Hash Tables", eine Art Gedächtnis, machen diesen Quantensprung möglich. Sie speichern Stellungen und deren Einschätzungen und verhindern, dass der Computer dieselben Verästelungen noch mehrmals prüft - was Deep Blue unnützerweise milliardenfach tat. Reine Rechen-Geschwindigkeit spielt beim Schach ohnehin eine untergeordnete Rolle. Dafür ist die Materie zu komplex. Zwar herrscht auf dem Brett vollständige Information, die Spielmöglichkeiten jedoch ufern schnell ins Unendliche aus. Am Anfang stehen jeder Partei 20 Züge, 16 mit acht Bauern und vier mit beiden Springern, zur Auswahl. Allein daraus entstehen 400 Abzweigungen. Nach vier Halbzügen, je zwei von Weiß und Schwarz, existieren bereits 2,6 Millionen, für eine Folge von 40 Zügen, der gewöhnlichen Länge einer umkämpften Partie, gibt es mehr Varianten als Atome im Universum. Diese Vorausschau kann auf Jahre hinaus kein Rechner leisten. Die Super-Maschinen müssen deshalb ihre Aber-Milliarden Operationen, von denen je nach Typ bis zu 99,999 999 Prozent ohnehin Zeitverschwendung, weil schachlicher Nonsens sind, irgendwann zwischen neun und 13 Halbzügen - mit vereinzelten Vertiefungen bei zwangsläufigen Folgen (Schlagabtausch) - abbrechen und zu einem Ergebnis kommen. Und hier fangen die Probleme der Programmierer an. Die gut 100 Kriterien für Stellungsbeurteilungen - Material, Raum, Zeit, Sicherheit des Königs, offene Linien und Diagonalen zum Beispiel, sind nicht exakt genug algorithmisch zu beschreiben. Während Schachspieler die strategische Bedeutung der Steine und Strukturen auf Grund ihrer Erfahrung, ihres Wissens oder ihrer Intuition einschätzen lernen, mangelt es den Computern an dieser Art qualifizierter Weitsicht. "Den Maschinen fehlt noch die Flexibilität im ,Denken', sie bleiben ausrechenbar", sagt Kramnik, "ich kann zwar nicht alles kalkulieren, aber ich fühle genau, das ist der richtige Zug." Etwa 50 000 verinnerlichte "Schachwörter" helfen ihm dabei. Der Umfang liegt in der Größe des Gesamtwortschatzes einer Sprache (Grundwörter, Stämme, Flexionsformen). Ein Schachwort kann ein relativ einfacher Begriff wie "weiße Felder" sein, aber ebenso ein umfangreicheres Muster wie "Fianchetto" beinhalten. Damit wäre nicht nur die seitliche Entwicklung des Läufers gemeint, daraus resultieren auch eine entsprechende Bauernformation und bestimmte langfristige Absichten. Die wiederum sind den auf Ja-Nein-Entscheidungen reduzierten schachspielenden Schaltkreisen - Strom ein, Strom aus - in ihrer Vielfalt nicht präzise zu vermitteln. Schon minimale Bewertungsunterschiede können Züge gravierende Auswirkungen zeitigen, die kaum zu korrigieren sind. Kasparow und Kramnik werden daher ihre Partien nicht auf kurze Scharmützel anlegen, bei denen sie gegen die Chips chancenlos wären, sondern blockierte Positionen anstreben, in denen die charakteristischen Merkmale erst jenseits des Rechnerhorizonts virulent werden. Deep Blue kümmert das alles nicht mehr. Er/Sie/Es betreibt jetzt Datamining, Datenbergbau, und erforscht unentdeckte Zusammenhänge. Dabei fand die Maschine heraus, dass in US-Supermärkten der Verkauf von Windeln und Bier korreliert. Fortan wurden beide Produkte weit auseinander gestellt. Ähnlich grundlegende Erkenntnisse, fürchtet Kramnik, werden Fritz und er der Nachwelt nicht hinterlassen. Dennoch hat er Großes im Sinn: "Ich möchte zeigen, dass der Mensch noch zu etwas taugt." Die Wettkämpfe im Internet: www.chessbase.de; www.kasparov.com; www.brainsinbahrain.com

 

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