Geballtes Wissen im TV
Forschung: Im Fernsehen boomen Sendungen über unsere immer komplizierter werdende Welt. Ein Wegweiser durch den Dschungel.
Wissenschaft im deutschen Fernsehen - kaum ein anderes Thema erlebt derzeit einen vergleichbaren Boom. Das Ziel: Unsere immer komplizierter werdende Welt allgemeinverständlich darzustellen. Dahinter steckt auch die Erkenntnis: Jeder ist auf vielfältige Informationen angewiesen, um sich im Alltag zurechtzufinden oder um wichtige Entscheidungen zu treffen. Studien belegen, daß sich Laien vor allem deshalb für Wissenschaft interessieren, weil sie persönlich etwas davon haben. Sie bekommen bisher Unverständliches erklärt, ein Wetterphänomen, das Verhalten von Tieren oder das Antiblockiersystem im Auto. Andererseits haben auch Wissenschaftler ein verstärktes Interesse daran, ihre Ergebnisse einem breiten Publikum zugänglich zu machen - zum Beispiel als Rechtfertigung dafür, daß ihre Arbeit aus Steuergeldern finanziert wird. Ein weiteres Argument nannte kürzlich Professor Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich: "Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Das bedeutet, daß Wissen eine entscheidende Ressource ist. Und vor allen Dingen auch, daß sich Politik und Gesellschaft auf diese Wissensproduktion einstellen."
Der Münchner Astrophysiker Prof. Dr. Harald Lesch (44) ist einer der Naturwissenschaftler, der sich vor die Tür des Elfenbeinturms wagt, um Wissenschaft populär zu machen. In seiner Fernsehsendung "Alpha Centauri" beantwortet er Fragen wie: "Was sind Schwarze Löcher?" oder "Was ist Zeit?" Für seine Vermittlung wissenschaftlicher Themen wurde Lesch mehrfach geehrt. Im November erhält er die "Medaille für Naturwissenschaftliche Publizistik" in Silber der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG). Im Juni erhielt er den mit 50 000 Euro dotierten Communicator-Preis des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft und der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Das Abendblatt sprach mit ihm.
ABENDBLATT: Herr Lesch, was soll Popularisierung der Naturwissenschaften leisten?
HARALD LESCH: Die Bevölkerung, die nichts mit Unis zu tun hat, darf nicht den Eindruck bekommen, daß Wissenschaft nichts mit ihnen zu tun hat. Wenn eine Gesellschaft Schulen und Hochschulen finanzieren soll, dann müssen die Leute auch wissen: Machen die etwas Sinnvolles oder treiben die dort nur ihr intellektuelles Spiel? Die Leute sollen erkennen können, daß die Arbeit der Wissenschaftler wichtig ist für ihre Zukunft. Diese Verbindung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft darf nicht abreißen, ansonsten verliert die Wissenschaft ihre Wurzeln. Darum betreibe ich Popularisierung.
ABENDBLATT: Wie kann man am besten Wissenschaft vermitteln?
LESCH: Durch Erklären, mit Sprache. Ich nutze keine 3D-Animationen. Durch die Bilderflut werden viele überfordert. Manchmal muß man ganz von vorne anfangen: Warum ist das Wasser naß? Und man muß von den Fachbegriffen weg, hin zu alltagssprachlichen Bildern.
ABENDBLATT: Aber viele Wissenschaftler sträuben sich dagegen. Darf man Kompliziertes vereinfachen, auch wenn es dabei ungenau wird?
LESCH: Aber selbstverständlich. Man muß es sogar, um den Menschen auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. Man sollte nicht als Lehrer auftreten, der die Leute mit Wissen übergießt. Man darf auch mal sagen: "Das weiß ich jetzt auchnicht. Da muß ich nachgucken." Das macht klar: Der ist auch nur ein Mensch. Also, bevor man auf die wissenschaftliche Genauigkeit setzt, sollte man den Leuten das Grundsätzliche beibringen.
ABENDBLATT: Was bedeuten Ihnen die DPG-Medaille und der Communicator-Preis?
LESCH: Die Preise bedeuten mir sehr viel. Denn wenn man Öffentlichkeitsarbeit macht, steht man immer ein bißchen in dem Verdacht: "Ach, jetzt hat er keine Lust mehr zu forschen und er hat keine Ideen mehr. Jetzt fängt er an mit Öffentlichkeitsarbeit." Diese Preise bestärken mich.
ABENDBLATT: Sie sind auch Dozent für Naturphilosophie. Wozu braucht eine hochtechnisierte Wissensgesellschaft überhaupt Philosophie?
LESCH: (lacht) Ohne Philosophie, also ohne das Hinterfragen: "Was tue ich hier eigentlich?" - ohne das kann keine Wissenschaft auskommen. Die Frage "Was steht zwischen den Zeilen, was bedeutet das?" ist zum Beispiel eine philosophische oder theologische Frage. Und zur Beantwortung braucht es Philosophie. Sie ist heute wichtiger denn je. Die Philosophen haben die dringende Aufgabe zu fragen: "Ist das nötig, was da gemacht wird?" Und was bedeuten die naturwissenschaftlichen Theorien?
ABENDBLATT: Was muß sich an den Unis ändern, damit Wissenschaftler mehr über den Tellerrand schauen?
LESCH: In den neuen Bachelor- und Master-Studiengängen werden ja Sekundärtugenden wie Vortragsstil etc. stärker betont. Ich finde das gut. Und man sollte auch Nebenfächer studieren, zum Beispiel Philosophie oder die Geschichte der Naturwissenschaften. Auf der anderen Seite stehen leider genau diese interdisziplinären Fächer auf der Liste der existenzbedrohten Arten weit oben. Allein die Tatsache, daß die Wissenschaftsgeschichte ihre Existenz rechtfertigen muß, ist schon ein Armutszeugnis. Ich finde es ungeheuerlich, daß die geisteswissenschaftlichen Fächer als bedeutungslos angesehen werden. Stattdessen werden nur die produzierenden Wissenschaften aufgepäppelt. Die Uni ist aber kein Industrieunternehmen und kein Zulieferungsbetrieb für die Industrie.
ABENDBLATT: Welchen Nutzen kann denn zum Beispiel die Geschichte der Naturwissenschaften für die Naturwissenschaftler haben?
LESCH: Es ist wichtig, herauszufinden: Wie ist Wissenschaft abgelaufen, welche Fehler wurden gemacht? Es gibt für Studenten nichts Nützlicheres als zu erkennen: Die großen Namen haben auch nur mit Wasser gekocht, die haben auch Böcke geschossen. Aber sie haben aus ihren Fehlern gelernt. Von diesen wissenschaftshistorischen Erkenntnissen leben wir, wenn wir Vorlesungen halten. Für die didaktische Aufbereitung eines Faches ist die Wissenschaftsgeschichte von fundamentaler Bedeutung.




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