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Wissen

ADHS: Fakten statt Mythen

Zappelphillip: Was steckt hinter dieser auffälligen Verhaltensstörung? Experten geben Eltern nützliche Ratschläge

Moritz, das dritte Kind der Hamburger Familie Schäfer, war ein "Schreibaby". Er brauchte wenig Schlaf und war immer in Bewegung. Ganz anders sein ein Jahr älterer Bruder Max. Er wirkte ständig abgelenkt und verträumt und nach dem ersten Schulhalbjahr sah es so aus, als würde er die erste Klasse nicht schaffen. Die Mutter, Birgit Schäfer, spürte, dass mit ihren Kindern irgendetwas nicht stimmt. Vielleicht lag es ja an ihr, grübelte sie: "Drei Kinder in drei Jahren, vielleicht leiden die Kinder nur unter einer überforderten Mutter?" Und der Kinderarzt beruhigte sie: "Das wächst sich zurecht." Dann gab eine Freundin ihr ein Buch über ADHS. Die vier Buchstaben stehen für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. "Hier fand ich alle unsere Probleme beschrieben", sagt Birgit Schäfer. Eine Spezialistin für Kinder- und Jugendpsychiatrie bestätigte nach umfangreichen Tests ihren Verdacht. Das war vor fünf Jahren.

Seit ihre Söhne Medikamente nehmen, stabilisierten sich ihre Schulleistungen. Heute gehen sie aufs Gymnasium. Aber Birgit Schäfer weiß auch: "Medikamente allein helfen nicht. Elterntraining, Verhaltens- und Lerntherapie sind weitere wichtige Bausteine."

Der "ganz normale Alltag" mit einem ADHS-Kind zehrt an den Nerven. Hinzu komme der "Rechtfertigungszwang", sagt Birgit Schäfer. Immer wieder höre sie Sprüche wie diese: "Überforderte Eltern stellen ihre Kinder mit Medikamenten ruhig." Dabei ist Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort, stellvertretender Direktor der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Uniklinikum Eppendorf (UKE) sicher: "Die Erfolgsquote der Medikation liegt bei 70 bis 80 Prozent." Prof. Dr. Manfred Döpfner, Leitender Psychologe an der Kinderklinik der Uni Köln, ergänzt: "Ich würde lieber sagen, dass generell eine Psychotherapie hilft, aber bei sehr starken Symptomen stimmt das eben nicht."

Gerade die schweren Fälle würden von einer Therapie mit Medikamenten am meisten profitieren. Voraussetzung sei aber immer eine gesicherte Diagnose. Wann besteht Verdacht auf ADS oder ADHS?

Die Symptome Bei den genannten Symptomen ist wichtig, dass sie deutlich stärker als bei anderen Gleichaltrigen auftreten.

. Merkmale der Aufmerksamkeitsstörung: mangelnde Ausdauer und Konzentration, Anstrengung wird vermieden, Betroffene verlieren viel, sind leicht ablenkbar.

. Merkmale der Impulsivität: Kind platzt häufig mit Antworten heraus, kann nicht warten, unterbricht andere, redet häufig übermäßig viel, kann Handlungen nicht unterbrechen. Prof. Schulte-Markwort: "Diese Kinder können sich nicht 30 oder 40 Minuten mit einer Sache beschäftigen."

. Merkmale der Hyperaktivität: Kind zappelt mit Händen und Füßen, steht oft auf, läuft herum, kann nicht ruhig spielen, wirkt getrieben, ausgeprägter Bewegungsdrang, Gefühl der Unruhe.

Besondere Merkmale Die Schwierigkeit: Alle Symptome treten zeitweise auch in normalen Erziehungssituationen auf. Das Besondere bei ADHS-Störungen:

. Sie müssen schon vor der Einschulung aufgefallen sein;

. Sie müssen deutlich stärker als bei Kindern gleichen Alters und gleicher Intelligenz auftreten;

. Sie müssen in unterschiedlichen Situationen auffallen, etwa in der Familie, in Schule und Freizeit.

Die Diagnose "ADHS ist keine Blickdiagnose", sagt Prof. Schulte-Markwort. Sie könne nur nach aufwendigen Tests erfolgen. Das sei nicht so einfach "wie bei Masern oder Mumps", sagt Prof. Döpfner, "eher so wie bei Bluthochdruck oder Übergewicht, es gibt keine Erreger, die Grenzen sind fließend". Doch sei die Störung geprägt durch kontinuierlichen Verlauf (nicht ein Auf und Ab wie bei Depressionen) und werde zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr deutlich.

Der weitere Lebensweg Meist lassen sich die schlimmsten Folgen der Störung in den Griff bekommen - durch eine Psychotherapie oder begleitend mit Medikamenten. Friedrich Schiller und Churchill sollen ADHS gehabt haben. Zu der Störung bekannt haben sich die US-Filmstars Dustin Hoffmann und Whoopi Goldberg, auch Microsoftgründer Bill Gates. Prof. Döpfner: "ADHS-Betroffene sind meist gut gelaunt, hyperaktiv und offen, die motorische Unruhe nimmt im Alter ab."

Die Hamburger Kinderärztin Dr. Kirsten Stollhoff berichtete kürzlich von einem auffällig aggressiven Jungen mit erheblichen Schul- und Verhaltensproblemen. Nach der Diagnose ADHS und einer individuellen Therapie entwickelte sich Jens zu einem guten Schüler, hatte Freunde und erstmals Hobbys.

 

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