25.10.12

Gesundheit

Brauchen wir im Winter zusätzliches Vitamin D?

Experten diskutieren, ob entsprechende Nahrungsergänzungsmittel unbedingt nötig sind. Die Universität Harvard startete 2010 eine Studie.

Von Marc Hasse
Foto: Getty Images/cultura
Frau Bikini Schnee
Durch die UVB-Strahlung der Sonne bildet sich in unserer Haut Vitamin D. Doch im Winter reicht dies in der Regel nicht, um unseren Bedarf zu decken

Hamburg. Michael Amling bringt das Problem so auf den Punkt: "Im Winter könnten Sie sich sogar nackt an die Alster legen - und trotzdem würde ihre Haut kein Vitamin D bilden." Die Sonne steht in den kommenden Monaten so tief am Himmel, dass der Weg durch die Atmosphäre für ihre kurzwellige UVB-Strahlung zu lang ist, diese wird von der Ozonschicht verschluckt. Der Vorteil: Ein Sonnenbrand ist dann zumindest in unseren Breiten praktisch ausgeschlossen. Der Nachteil: Es entsteht weniger von jenem Stoff, der den Calciumspiegel reguliert und damit die Härtung unserer Knochen fördert - Vitamin D.

Amling ist Direktor des Instituts für Osteologie und Biomechanik des Uniklinikums Eppendorf (UKE), er hatte im vergangenen Jahr eine aufsehenerregende Studie veröffentlicht: 80 Prozent von 675 untersuchten gesunden Hamburgern hatten einen Mangel an Vitamin D. Wenn sie ihre Zufuhr nicht bald erhöhen, müssen sie mit Knochenschäden rechnen, denn die Festigkeit des Skeletts hängt maßgeblich vom Vitamin-D-Spiegel im Blut ab. Bei 25 Prozent der Teilnehmer zeigte sich in den Knochen eine Mineralisationsstörung.

Ein Problem nur in Hamburg? Wahrscheinlich nicht. Wie das Robert-Koch-Institut (RKI) bei bevölkerungsrepräsentativen Stichproben feststellte, wiesen von 10 015 Kindern und Jugendlichen hierzulande im Jahresdurchschnitt fast zwei Drittel der Jungen und Mädchen einen Vitamin-D-Spiegel unter 50 Nanomol pro Liter Serum auf. Erst oberhalb dieses Wertes könne man von einer "ausreichenden Versorgung" sprechen, so das RKI. Kaum besser schnitten Erwachsene ab: Stichproben aus einer Studie mit 4030 Teilnehmern ergaben, dass mehr als die Hälfte der Männer und Frauen einen Vitamin-D-Spiegel unter 50 Nanomol aufwiesen. Im Winter waren die Werte deutlich niedriger als im Sommer.

Experten streiten, ob die Versorgung mit Vitamin D tatsächlich schlecht ist

Besteht demnach Handlungsbedarf? "Ja", sagt Michael Amling vom UKE. "Jein" sagen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das ebenfalls bundeseigene Max-Rubner-Institut und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Sie verstehen die Daten vom RKI so, dass "bei einem Großteil der gesunden Bevölkerung nicht von einem Vitamin-D-Mangel auszugehen" sei. Allerdings gehe aus den Statistiken hervor, "dass ein großer Anteil der Bevölkerung das präventive Potenzial von Vitamin D für die Knochengesundheit nicht ausnutzt und somit nicht ausreichend versorgt ist", heißt es in einem Papier, das die drei Einrichtungen kürzlich veröffentlichten. Worin der Unterschied zwischen "mangelhaft" und "nicht ausreichend versorgt" besteht, sei schwer zu vermitteln, sagt BfR-Sprecherin Suzan Fiack auf Anfrage.

Vage bleiben auch Ausführungen der drei Einrichtungen zu der Frage, ob es sinnvoll ist, über die normale Ernährung hinaus Vitamin-D-Präparate einzunehmen. Dies sei nur dann ratsam, wenn ein Mangel nachgewiesen worden sei oder sich der Vitamin-D-Spiegel weder durch die Ernährung noch durch die Sonne erhöhen lasse. Zu diesen "Risikogruppen" zählten vor allem Personen, die sich selten im Freien aufhielten, insbesondere gebrechliche Menschen.

Während es etwa von Juni bis August relativ leicht möglich ist, durch eine tägliche Portion Sonne (je nach Hauttyp fünf bis 15 Minuten) zumindest ausreichend Vitamin D zu bilden, funktioniere dies von Oktober bis März nicht, sagt Michael Amling. Und da unsere Nahrung nur etwa zehn bis 20 Prozent zur Vitamin-D-Versorgung beitrage, helfe es auch wenig, mehr Vitamin-D-reiche Lebensmittel wie bestimmte Fische (Hering, Wildlachs, Makrele) und Eier zu verzehren.

Amling setzt den Schwellenwert für einen Vitamin-D-Spiegel im Blut, den man mindestens brauche, um gesunde Knochen zu haben, höher an als das RKI, nämlich bei 75 Nanomol. Dabei bezieht er sich auf Empfehlungen der US-amerikanischen Endocrine Society und auf Ergebnisse seiner eigenen Studie. "Zwar hat nicht jeder, der unter diesem Wert liegt, automatisch Knochenschäden. Aber oberhalb kommen sie nicht mehr vor", sagt der Forscher. Um diesen Wert allein mit Nahrung zu erreichen, müssten wir allerdings jeden Tag einen Hering oder 17 Eier essen.

Also doch zumindest im Winter ein Vitamin-D-Präparate nehmen - und wenn ja: wie viel davon? Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat Anfang des Jahres ihre Empfehlung für die tägliche Vitamin-D-Zufuhr von fünf auf 20 Mikrogramm angehoben - unter der Annahme, dass der Körper nicht selbst durch Sonnenlicht Vitamin D bildet. Diese Empfehlung gilt ab dem ersten Lebensjahr (Säuglinge erhalten standardmäßig Vitamin-D-Tabletten, um Rachitis vorzubeugen). Kinder und Erwachsene nehmen der DGE zufolge durch die Ernährung normalerweise zwei bis vier Mikrogramm pro Tag auf - der Rest sei gegebenenfalls durch ein Präparat zu decken. 20 Mikrogramm entsprechen 800 internationalen Einheiten. "Ich wäre schon froh, wenn alle Menschen diesen Wert erreichen würden", sagt Michael Amling. Ihm zufolge lässt sich aus Studien eine empfohlene Zufuhr von 800 bis 2000 Einheiten ableiten. Amling ist dafür, Vitamin-D-Präparate ganzjährig einzunehmen. Er selbst konsumiert 4000 Einheiten pro Tag. Ab dieser Grenze könnten laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit Nierenverkalkungen oder Nierensteine auftreten.

Die Universität Harvard hat 2010 eine Langzeitstudie zu Vitamin D gestartet

Zu mehr Skepsis gegenüber Vitamin-D-Präparaten rät hingegen der Lebensmittelchemiker und Autor Udo Pollmer. Es sei ja durchaus möglich, dass einige Menschen einen Mangel an Vitamin D hätten. Es gebe bisher jedoch keine hinreichenden Studien, ob die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten Nebenwirkungen haben könnte. "Die Bildung von Vitamin D in der Haut durch Sonnenstrahlen ist ein zuverlässiges System, das den Menschen vor Schaden schützt", sagt Pollmer. Welche Prozesse im Körper nach der Einnahme von künstlichem Vitamin D abliefen, sei noch nicht genug erforscht. Das stimme nicht, entgegnet Michael Amling. Die in Vitamin-D-Präparaten enthaltenen Vorstufen seien exakt die gleichen wie jene in der Haut, aus denen durch Sonnenstrahlung Vitamin D entstehe.

Die Universität Harvard hat 2010 die auf fünf Jahre angelegte Vital-Studie mit 20 000 Teilnehmern gestartet. Dort prüfen Forscher nun, wie sich die tägliche Einnahme von 2000 Einheiten Vitamin D auf die Gesundheit auswirkt. Bis die Ergebnisse vorliegen, wird der Streit über den Vitamin-D-Bedarf und den etwaigen Nutzen von Vitamin-D-Präparaten wohl weitergehen.

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