23.10.12

Nationalpark Wattenmeer

Salzwiesen: In der Kinderstube der Fische

Welche Arten leben in Salzwiesen? Hamburger Forscher untersuchen die Veränderungen im Nationalpark Wattenmeer.

Foto: Veit Hennig
Forschung mit Tiefgang: Veit Henning mit den Studentinnen Wencke Krings (M.) und Daniela Kühns beim Ausbringen der Reusen
Forschung mit Tiefgang: Veit Henning mit den Studentinnen Wencke Krings (M.) und Daniela Kühns beim Ausbringen der Reusen

Hamburg/Friedrichskoog. Der Wecker klingelt an manchen Tagen bereits morgens um vier. Wer im Wattenmeer forschen möchte, muss sich nach Ebbe und Flut richten, um Ergebnisse zu bekommen. Das haben Hamburger Studenten der Zoologie und Botanik als Erstes in einem Projekt gelernt, das erstmalig umfassend Aufschluss geben soll über die Zusammensetzung und den Wandel im Ökosystem Salzwiesen.

Salzwiesen, das sind die saftig grünen Flächen zwischen Nordsee und Deich, die meist von Schafen beweidet und immer von Prielen durchzogen werden - natürlichen Kanälen, durch die das Wasser bei Flut hinein- und bei Ebbe wieder hinausläuft. Die Salzwiesen stellen einen besonderen Lebensraum dar, denn die Zusammensetzung des Grundwassers ist hier nicht immer konstant. "Durch die Überspülungen des Meeres ist es meist sehr salzig. In Phasen, in denen es häufig regnet, kommt dann eine Menge Süßwasser hinzu. Diese wechselhaften Bedingungen erlauben es nur wenigen Pflanzen, dort zu leben", sagt Dr. Veit Hennig. Der Zoologe leitet gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Botaniker Dr. Kai Jensen, die Untersuchungen in der Nähe von Friedrichskoog, für die sie einen Kooperationsvertrag mit der Nationalparkverwaltung in Tönning abgeschlossen haben. Ohne Sondergenehmigung wäre ihre Arbeit im Weltnaturerbe Wattenmeer nicht möglich.

Welche Tier- und Pflanzenarten sich auf die wechselnden Bedingungen im Lebensraum Salzwiese einlassen und wie sie mit den Schwankungen umgehen, wollen die Forscher herausfinden. Außerdem soll festgestellt werden, welche Fischarten in den Prielen leben. "Wir wollen Aufschluss darüber erhalten, inwieweit die Priele von Fischen als Kinderstube genutzt werden und welche Fische hier heimisch sind", erklärt Veit Hennig.

Schon jetzt, nach der ersten Kartierung, zeige sich, dass sich in den vergangenen Jahren viel geändert hat in der Artenzusammensetzung, sagt der Zoologe: "Früher, wurde uns erzählt, schickten die Bauern und Schäfer der Umgebung ihre Kinder vor dem Mittagessen in die Priele mit der Bemerkung 'Hol mal Butt!'. Damit wurden umgangssprachlich alle Plattfische bezeichnet - und die Kinder kamen damals mit tellergroßen Schollen und auch Aalen zurück. Doch die sind jetzt verschwunden."

Zu dieser Erkenntnis zu gelangen war für die Forscher kein steiniger, sondern ein schlammiger Weg: Die Dozenten und ihre Studenten brachen immer dann in die Priele auf, wenn die Ebbe ihren Tiefpunkt erreicht und das Wasser die Priele verlassen hatte. Nur dann konnten die Reusen, tunnelförmige Netze, mit Pflöcken im Watt befestigt und Wattproben für bodenkundliche Analysen genommen werden. Doch Niedrigwasser bedeutet nicht, dass man leichtfüßig durchs Watt spazieren kann. Denn der Schlick am Prielgrund ist so weich, dass man bis zu den Knien, manchmal sogar bis zur Hüfte einsinkt. "Dann wird natürlich viel gekreischt, aber gefährlich ist das nicht. Bis jetzt ist noch niemand aus unserem Team im Watt versunken", beruhigt Hennig.

Mehr als 18 Fischarten konnten die Hamburger Forscher bei Ebbe aus den Reusen sammeln, darunter Arten wie den Dreistachligen Stichling, die Strandgrundel oder den Stint. "Von den Stinten haben wir nur Jungfische in den Prielen gefunden. Sie sind die Hauptnahrungsquelle der Flussseeschwalben, die bei Neufeld an der Elbmündung mit 1500 Paaren die größte Kolonie Deutschlands bilden", sagt Hennig.

Bei diesem Nahrungsgefüge macht sich die Ökosystemveränderung besonders bemerkbar, so der Zoologe: "Durch das Verschwinden von Fischarten aus den Prielen und dem Wattenmeer, die vielen Vögeln im Salzwiesenbereich bisher als Nahrung dienten, erhöht sich der Prädationsdruck auf seltene Brutvogelarten." Das heißt: Möwen, die in den Prielen nicht mehr fündig werden und durch geänderte Fangbestimmungen zum Beispiel auch weniger Beifang von der Krabbenfischerei im Wattenmeer abbekommen, vergreifen sich dann vermehrt an Küken von Salzwiesen-Brutvogelarten wie Rotschenkel oder Küstenseeschwalbe. Wobei deren Altvögel, durch ein geringeres Nahrungsangebot, generell schon weniger Nachwuchs großziehen .

Die Idee für dieses Projekt hatte Veit Hennig vor zwei Jahren. Denn bis dahin gab es noch keine Studien über Flora und Fauna in den Salzwiesen und Prielen. Heute hat er jedoch bereits einige Erkenntnisse über die besonderen Bedingungen dort: "Um ein guter Lebensraum zu sein, muss ein Priel den optimalen Querschnitt haben. Deshalb kommt nicht jeder Priel als Kinderstube für Fische in Betracht. Erfüllt er jedoch die Voraussetzungen einer bestimmten Tiefe und Länge, bietet er tolle Bedingungen. Dort findet sich viel Nahrung für die Jungtiere, und es schwimmen so gut wie keine großen Fressfeinde in die Priele - denen ist das Risiko mit den schwankenden Wasserständen einfach zu groß." Eine recht hohe Wassertemperatur durch geringe Pegelstände macht die Priele zu einem regelrechten Brutschrank, auch für die Nordseegarnelen; das recht trübe Wasser erschwert zudem großen potenziellen Feinden wie Graureihern die Jagd.

Im zweijährigen Rhythmus wollen Hennig und Jensen ihre Forschung mit den Studenten in den Salzwiesen fortsetzen. Immer zehn Tage sind die Gruppen vor Ort; fünf Tage wird dabei die Tierwelt untersucht, fünf Tage werden die typischen Pflanzen der Salzwiesen wie die Halligwermut, der Salzdreizack und die Strandaster kartiert.

Bisher gibt es ähnliche Untersuchungen nur in England. "Wir haben in Bezug auf das Weltnaturerbe Wattenmeer eine nationale Verantwortung", sagt Veit Hennig. Daher gelte es, mit Grundlagenforschung wie der ihren mehr Wissen über den Lebensraum Salzwiesen zu erlangen. Das Projekt solle deshalb künftig auch durch eine Doktorarbeit zu Jungfischen im Wattenmeer ergänzt werden. Warum nämlich einige Fischarten hier und in den Prielen nicht mehr vorkommen, das können die Forscher noch nicht sagen.

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