14.09.12

Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Wie Hochwasser ausgetrickst werden soll

Nordseeanrainer entwickeln mit "SKINT" neue Wege zur Abwehr von Überschwemmungen. Hamburg ist bereits gut aufgestellt.

Foto: picture alliance / dpa/DPA
Fish Market under Water in Hamburg
Land unter am Fischmarkt im Dezember 2011. Die vierjährige Lena sieht das spielerisch

Hamburg. Ein Starkregen ließ die Straßen von Egmond, einem kleinen niederländischen Küstenort, im Wasser versinken. Von parkenden Autos sind nur noch die Fenster und Dächer zu sehen. Zum Glück spielt diese Szene nicht in der Realität, sondern im Internet-Computerspiel "WasserStadt". Dort können die Spieler erfahren, wie sie durch ein umsichtiges Wassermanagement mit Regenwasser-Rückhaltebecken und Versickerungsflächen dafür sorgen können, dass der nächste virtuelle Wolkenbruch glimpflicher abgeht - und die Erkenntnisse womöglich in die Realität übertragen.

"Das Spiel fasst all das zusammen, was wir in vier Jahren erforscht haben", sagt Prof. Walter Leal. Er arbeitet an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) an Themen wie Technologietransfer und Projektmanagement. Leal spricht vom Forschungsprojekt SKINT, in dem die Nordseeanrainer gemeinsam das Wassermanagement in ihren Kommunen verbessern wollen. Am kommenden Dienstag treffen sich die Teilnehmer zur Abschlusskonferenz an der HAW.

Der vollständige Projektname "North Sea Skills Integration and New Technologies" verrät das Ziel des Forschungsverbundes: Es galt seit dem Projektstart im Jahr 2008, das Wissen von Hochschulen und anderen Institutionen der Nordseeanrainer auszutauschen sowie neue Technologien im Hochwasserschutz und generell im Wassermanagement voranzutreiben. Hamburg sei da bereits ganz gut aufgestellt, urteilt Leal: "Die Stadt geht mit dem Wassermanagement sehr sorgfältig um, engagiert sich auch stark im SKINT-Projekt." Vorbildlich sei beispielsweise die Sturmflut-Vorsorge, einerseits in Form des (bereits weitgehend umgesetzten) Deicherhöhungsprogramms, andererseits mit der Strategie, das Wasser nicht überall auszuschließen, sondern kontrolliert in Gebäude fließen zu lassen.

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Leal: "Bei der Fischauktionshalle ist es normal, dass sie bei hohen Wasserständen überflutet wird, ohne dass große Schäden entstehen." Dieses Konzept wurde unter anderem in der Speicherstadt übernommen. Für die HafenCity entstand dagegen ein "Warftkonzept", bei dem die Häusersockel (von innen) trocken bleiben sollen. Werden sie beispielsweise als Tiefgarage genutzt, müssen bei Hochwassergefahr mobile Sperranlagen die Einfahrten sichern.

Auch den Umgang mit der Elbe hält Leal für vorbildlich: "Der Integrierte Bewirtschaftungsplan Elbe-Ästuar sucht den Ausgleich zwischen Wirtschaftsinteressen und ökologischen Belangen des Naturraums der Unterelbe. Er beteiligt die Regionen, wenn es um die Fahrrinnenvertiefung oder um die Schaffung von Flachwasserzonen geht." Das führe nicht nur zu einer integrierten Planung für den Bereich der Tideelbe, sondern sorge auch Akzeptanz bei den Anrainern.

Dennoch könne die Stadt im Rahmen des SKINT-Projekts auch von anderen lernen, betont der gebürtige Brasilianer. Zum Beispiel von den Niederlanden beim Umgang mit dem Hochwasserrisiko: "Sie haben Technologien, mit denen sie bei Hochwassergefahr flexibel reagieren können, etwa mobile Deiche. Sie können ihre Maßnahmen an die jeweilige Lage anpassen und entscheiden: Wo lohnt sich ein riesiger Einsatz, und wo dulden wir eine Überflutung?"

Auch Hamburg könne ergänzend solche flexiblen Systeme einsetzen, sagt der Umweltwissenschaftler. Zudem empfiehlt er, in Neubaugebieten potenzielle Überflutungsbereiche einzurichten und entsprechend zu gestalten, etwa als Grünanlagen. Auch der generelle Umgang mit Regenwasser könne verbessert werden: "Die Stadt müsste es mehr fördern, Regenwasser versickern zu lassen. Und nach starken Schauern müsste mehr Wasser aufgefangen und zwischengespeichert werden."

Innovative Lösungen beim Wassermanagement seien verfügbar, würden aber nur selten realisiert, so Leal. Er kritisiert die mangelnde Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Fachdisziplinen, die an der Stadtentwicklung beteiligt sind. Neben den kommunalen Raumplanern beschäftigen sich Ingenieure und Techniker, Ökologen, Juristen, Ver- und Entsorger mit Wasserfragen. Leal: "Wir brauchen ein umfassendes Wasserrecht und kein sektorales Denken."

Am 18. September wird Walter Leal die rund 60 Teilnehmer der SKINT-Abschlusstagung mit auf die Elbe nehmen und ihnen Hamburgs Umgang mit dem nassen Element von der Wasserseite aus zeigen. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass die Teilnehmer in einem Boot sitzen: Das Projekt solle fortgesetzt werden, sagt Leal, ein entsprechender Antrag werde gerade vorbereitet.

Das Computerspiel "WasserStadt" wird derzeit noch erarbeitet. Die deutsche Version ist demnächst über die internationale Projektseite www.skintwater.eu ("Game Watertown") aufzurufen

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