Uni Hohenheim
Agrarexperten fordern Umdenken beim Umgang mit Biosprit
Preise für Lebensmittel steigen, der Anbau von Biomasse schädigt das Klima. Experten fordern ein radikales Umdenken beim umstrittenen Biosprit.
Stuttgart. Mit Blick etwa auf steigende Kosten für Lebensmittel fordern Agrarexperten der Universität Hohenheim ein radikales Umdenken beim Umgang mit dem umstrittenen Biosprit. "Wir sollten weiter Forschung und Entwicklung vorantreiben und nicht Biosprit aus der ersten Generation von Biokraftstoffen durch die Tankstellen jagen", sagte Sozialökonom Harald Grethe am Donnerstag in Stuttgart. Der Anbau von Biomasse führe zu einem weltweiten Anstieg der Lebensmittelpreise und wirke sich schädlich auf die Ernährungssicherheit und das Klima aus.
Vielmehr lohne es sich, auf die sogenannte zweite Generation von Ressourcen zu setzen, sagte die Leiterin des Zentrums für Bioenergie und Nachwachsende Rohstoffe, Iris Lewandowski. Denn Holz, Stroh, Gräser und Algen würden nicht mit Lebensmitteln konkurrieren. Um diese effektiv nutzen zu können, müssten aber teure Technologien entwickelt werden. Diese seien jedoch erst in 15 Jahren marktreif.
Der baden-württembergische Bauernverband begrüßte sowohl die Forderungen als auch die Tatsache, dass sich an der Uni Hohenheim mehr als 70 Forscher mit den Themen Biokraftstoffe, Missernte und Hunger auf der Welt befassten. Ein Verbandssprecher sagte, er sehe beim Schwerpunkt auf Ressourcen der zweiten Generation auch keinen Widerspruch zu den Interessen der Landwirte im Südwesten.
+++ Maisanbau im Norden hat sich verdoppelt +++
Der Landesverband des Naturschutzbundes ging hingegen deutlich weiter: "In Zukunft sollten Autos nicht mit Flüssigtreibstoffen weder aus der ersten noch aus der zweiten Generation des Biosprit betankt werden, denn diese Flüssigtreibstoffe werden bei der Kerosinsubstitution benötigt." Und im Gegensatz zu Flugzeugen müssten Autos nicht mit Flüssigbrennstoffen betrieben werden.
Um bei der Biosprit-Produktion von Kraftstoffen wie E10 keine Lebensmittel zu verfeuern, hat Thomas Senn vom Fachgebiet Gärungstechnologie ein aus seiner Sicht "nachhaltiges Bioenergie-Konzept" entwickelt: Bundesweit wäre schon heute möglich, dass bis zu 400 regionale Kleinbrennereien Ethanol aus Mais, Hanf und anderen Nutzpflanzen herstellen. Die Infrastruktur sei vorhanden.
Das Problem: "Im Moment besteht kein Interesse, eine dezentrale Produktion in den Markt zu lassen", sagte Senn. Ein nötiges Umrüsten der Anlagen würde hohe Kosten verschlingen. Das Vorhaben gilt unter den Betreibern daher als relativ unrentabel.
Bis 2020 soll die Biokraftstoffquote auf knapp zehn Prozent steigen. Diese Vorgabe wird unter anderem von Agrarexperten wie Grethe kritisiert. Angesichts der Debatte um hohe Getreidepreise und Zweifeln am ökologischen Nutzen stehen nur noch zwölf Prozent der Deutschen hinter dem Biosprit E10, wie eine aktuelle Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF-Politbarometer ergeben hatte.












