Terroranschlag
Heute vor 40 Jahren - Als Olympia seine Unschuld verlor
Terroristen stürmten das olympische Dorf in München. Neun Israelis, ein Polizist und fünf der acht Täter starben. Aber die Spiele gingen weiter.
Wo vor Kurzem noch frohe Gelöstheit herrschte, zeichnen jetzt Ohnmacht und Erschütterung die Gesichter der Menschen. Fassungslos stehen wir vor einem wahrhaft ruchlosen Verbrechen. In tiefer Trauer verneigen wir uns vor den Opfern des Anschlags. Unser Mitgefühl gilt ihren Angehörigen und dem ganzen Volk Israel."
Auch Bundespräsident Gustav Heinemann wirkt gezeichnet, als er diese Worte am 6. September 1972 spricht. Bundeskanzler Willy Brandt sitzt versteinert neben ihm. Gerade haben die Münchner Philharmoniker den Trauermarsch aus Beethovens "Eroica" gespielt. Ein Stück, das immer zum Zuge kommt, wenn tiefste Erschütterung das öffentliche Leben unterbricht. Und an diesem grauen Septembermorgen wirken alle wie gelähmt. Die Politiker und die Funktionäre, die Sportler und die 70 000, die ins Olympiastadion gekommen sind, um das Unbegreifliche zu fassen: den Terroranschlag auf das olympische Dorf, den gewaltsamen Tod von elf israelischen Sportlern. Niemand glaubt, dass diese Spiele weitergehen können. Dürfen. Doch dann spricht IOC-Präsident Avery Brundage trotzig den historischen Satz: "The games must go on!"
+++ Die Flaggen in Kiel wehen heute auf halbmast +++
Heute jährt sich das Attentat, das die palästinensische Terrororganisation "Schwarzer September" in München verübte, zum 40. Mal. Heute weiß man, dass am 5. September 1972 schiefgegangen ist, was überhaupt nur schiefgehen konnte. Die laschen Sicherheitsvorkehrungen der "heiteren Spiele" machten den palästinensischen Attentätern ihren Überfall leicht. Sehr leicht. Die Eingangstür zum Wohnblock, in dem man die israelische Mannschaft einquartiert hatte, war nicht einmal abgeschlossen! Die Münchner Polizei erwies sich als völlig überfordert. Keiner der Beamten war für den Sturm eines von Geiselnehmern besetzten Gebäudes ausgebildet. Es fehlten schusssichere Westen (die US-Militärpolizei musste aushelfen), nur drei Beamte galten als gute Schützen. Weil die Sicherheitsbehörden sogar unfähig waren, eine Nachrichtensperre durchzusetzen - sie kapitulierten vor den Fernsehteams, die sich rund um die Connollystraße aufgebaut hatten -, wussten die Attentäter jederzeit, was um sie herum geschah. Die Live-Bilder von den Polizisten, die versuchten, über das Dach zu ihnen vorzudringen, bekamen sie frei Haus geliefert. Am Ende war es eine Mischung aus Inkompetenz, mangelnder Erfahrung und Fehleinschätzungen, die auf dem Militärflugplatz von Fürstenfeldbruck zum furchtbaren Fiasko führte: Knapp 19 Stunden nach dem ersten Alarm im olympischen Dorf starben neun Israelis, ein Polizist und fünf der acht Terroristen.
Zwei Israelis, Mosche Weinberg und Josef Romano, hatten die Attentäter bereits in der Connollystraße erschossen. Die anderen Opfer waren David Berger, Seew Friedman, Josef Gutfreund, Elieser Halfin, André Spitzer, Amitzur Shapira, Kehat Shorr, Mark Slavin und Jaakov Springer.
Die israelische Mannschaft ist damals nach Hause geflogen, die Spiele gingen - nach eintägiger Unterbrechung - weiter. Viele sind mit dieser Entscheidung nicht einverstanden gewesen. Einer von ihnen war der israelische Sportschütze Henry Hershkovitz. Er sagt rückblickend: "Damals dachte ich, wenn wir unsere Freunde beweinen, sollten andere nicht um Medaillen kämpfen. Heute denke ich, es war gut weiterzumachen. Ein Abbruch wäre ein Sieg für die Terroristen gewesen."
Drei dieser Terroristen wurden damals in Fürstenfeldbruck festgenommen. Knapp zwei Monate später wurden sie nach Zagreb ausgeflogen, nachdem der "Schwarze September" damit gedroht hatte, die von ihm entführte Lufthansa-Maschine "Kiel" in die Luft zu sprengen. Adnan al-Gashey und Mohammed Safady wurden später aufgespürt und angeblich vom israelischen Geheimdienst liquidiert. Der dritte, Jamal al-Gashey, soll noch leben. Irgendwo in Afrika. Gesehen wurde er zuletzt 1999. Damals gab er dem schottischen Regisseur Kevin MacDonald ein Interview für die später mit einem Oscar gekrönte Dokumentation "Ein Tag im September". Darin sagte al-Gashey wörtlich: "Ich bin stolz auf das, was ich in München getan habe, denn es hat der palästinensischen Sache enorm geholfen. Vor dem Attentat hatte ja niemand eine Ahnung von unserem Kampf, aber an dem Tag ging der Begriff Palästina um die Welt."
In München hat die olympische Idee ihre Unschuld verloren. Missbraucht und blutbefleckt sind die Spiele am 11. September 1972 zu Ende gegangen. Die Abschlussfeier war zutiefst bewegend. Nachdem die Athleten ins Stadion eingezogen waren, wurden die Flaggen Griechenlands, der Bundesrepublik Deutschland und Kanadas gehisst und die Nationalhymnen gespielt. Danach trat Avery Brundage ans Mikrofon. Er erklärte die Spiele der XX. Olympiade für beendet und rief die Jugend der Welt auf, sich in vier Jahren in Montreal zu versammeln, um die XXI. Olympischen Sommerspiele zu feiern. Dann wandte er sich auf Deutsch ans Publikum: "Liebe Münchner, Ihre herzliche und liebenswürdige Gastfreundschaft hat uns tief bewegt. Die Tage der strahlenden Freude haben wir zusammen gefeiert, und die schweren Stunden tiefster Dunkelheit haben wir mit Ihnen gemeinsam ertragen. Die Zeit des Abschieds ist gekommen. Wir kehren in unsere Heimat zurück und rufen Ihnen allen zu: Auf Wiedersehen!"
Nach dem minutenlangen Beifall der Zuschauer verloschen alle Lichter. Nur das olympische Feuer brannte noch. Es war 20.02 Uhr, als die Flamme zum letzten Mal aufflackerte und unter den wehmütigen Klängen einer Trompete langsam und endgültig erlosch. Dann erhoben sich die Zuschauer, um der Opfer des Anschlags zu gedenken. Bei spärlicher Beleuchtung wurde die Olympiaflagge eingeholt und aus dem Stadion getragen. Danach herrschte Dunkelheit. "Jeder war ergriffen", erinnerte sich Joachim Fuchsberger später, "viele waren noch geschockt."
Fuchsberger war in München Stadionsprecher. Für ihn ist die olympische Idee damals gestorben. Spiele, die seitdem unter den allerhöchsten Sicherheitsvorkehrungen stattfinden, sagt er, seien "doch das Gegenteil von den Spielen, die wir wollten". Detlev Mahnert ist ebenfalls Stadionsprecher in München gewesen. Er war es, der den 77 000, die am 5. September 1972 zum Finalrundenfußballspiel zwischen Deutschland und Ungarn gekommen waren, mitteilen musste, dass die Spiele unterbrochen seien und dass vielleicht auch keine weiteren Veranstaltungen mehr stattfinden würden. Die Terroristen, sagt Mahnert bitter, hätten alles kaputt gemacht. Ohne das Attentat, glaubt der heute 71-Jährige, hätten die Olympischen Spiele von München schon werden können, was es 2006 dann wirklich gab: ein deutsches Sommermärchen, bestaunt von der Welt. Mahnerts Betrachtungsweise lässt allerdings außer Acht, dass kurz vor Beginn der Spiele fünf deutsche Top-Terroristen gefasst worden waren - unter ihnen Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin - und dass dem Land die schlimmsten RAF-Anschläge noch bevorstanden; dass hinter den "heiteren" Spielen also ohnehin schon ein großes politisches Fragezeichen stand. Der eine oder andere mag auch vergessen haben, dass die Attentäter von München damals nicht nur die Freilassung von mehr als 200 in israelischen Gefängnissen inhaftierten Palästinensern forderten, sondern auch die Freigabe von Baader und Meinhof.
Die Konsequenz, die die Politik aus dem Attentat von München zog, war die umgehende Bildung einer speziellen Anti-Terror-Einheit, die sich Grenzschutzgruppe 9 nannte. Und von deren Existenz die deutsche Öffentlichkeit erstmals im Oktober 1977 hörte, nachdem ein palästinensisches Terror-kommando die Lufthansa-Maschine "Landshut" nach Mogadischu entführt hatte, um die RAF- Häftlinge in Stuttgart-Stammheim freizupressen.
Gegen keinen von denen, die 1972 Mitverantwortung für das Fiasko trugen, ist jemals Anklage erhoben worden. Wenn stimmt, was die Macher des 2011 gedrehten Spielfilms "München 72 - Das Attentat" behaupten - Regisseur war der Israeli Dror Zahavi -, dann wurde den Angehörigen der Opfer 30 Jahre nach dem Attentat zumindest endlich ein Schmerzensgeld gezahlt.
Und der Schmerz sitzt in Israel immer noch tief. 40 Jahre nach dem Attentat von München haben sich die Familien von Mosche Weinberg, Josef Romano, David Berger, Seew Friedman, Josef Gutfreund, Eliezer Halfin, André Spitzer, Amitzur Shapira, Kehat Shorr, Mark Slavin und Jaakov Springer eine Schweigeminute während der Eröffnungszeremonie in London erbeten. Diese Schweigeminute hat es, trotz der Unterstützung des amerikanischen Präsidenten und des Deutschen Bundestags, nicht gegeben. IOC-Präsident Jacques Rogge war der Ansicht, dies sei "nicht der geeignete Anlass für ein Gedenken dieser tragischen Tat".













