31.07.12

Zähne

Die Zahnklammer der Zukunft ist aus Kunststoff

Kunststoffschienen rücken nicht nur ein schiefes Gebiss gerade. Mit ihnen lassen sich sogar Zähne ziehen. Vorteil: kein Loch im Kieferknochen.

Foto: Getty Images/Photodisc
Zahnspange
Moderne Spange mit Brackets, Metallklammern, die das Drahtsystem halten

Hamburg. Die Zahnspange ist unsichtbar. Eigentlich ist es nur eine Kunststoffschiene, ähnlich der, die manche nachts tragen, damit sie im Schlaf nicht mit den Zähnen knirschen und auf diese Weise Kiefer- und Kopfschmerzen vermeiden. Mit einer ähnlich aussehenden Schiene können Kieferorthopäden heute Korrekturen im Biss vornehmen, die vor einigen Jahren - als dieses System aus den USA nach Deutschland kam - "undenkbar waren", sagt Dr. Luzie Braun-Durlak, Kieferorthopädin mit einer Praxis in Hamburg. Mit der Zahnschiene zieht sie sogar Zähne, ohne dass ein klaffendes Loch bleibt, ohne Wundschmerz.

Der Trick: Die Schiene zieht den Zahn millimeterweise heraus. Der Vorteil der schonenden Methode: "Sie hinterlässt satten, besten Knochen als Fundament für ein späteres Implantat", schwärmt die Ärztin. Denn weil der Zahn über ein halbes Jahr im Schneckentempo herausbewegt wird, bildet sich in der Lücke neues Knochenmaterial. "Das ist elegant", meint die Ärztin. Jedenfalls im Vergleich zum "Ex und Hopp" eines mit einer Zange in Sekundenschnelle gezogenen Exemplars. Der Zeitaufwand und die 3000 bis 7000 Euro Behandlungskosten können gut angelegt sein, wenn ein Patient an dieser Stelle im Kiefer auf intakten Knochen angewiesen ist. Das ist der Fall, wenn wegen Schwachstellen im Gebiss eine grundsätzliche Korrektur nötig ist.

+++Ein Hämmern hinter der Stirn+++

+++Wie finde ich den richtigen Kieferorthopäden?+++

Ein harmonischer Zahnbogen - eine optimale Anordnung der Zähne - ist nicht nur eine Frage der Ästhetik. "Wenn die Zähne nicht zusammenpassen, verändert sich das Kiefergelenk", sagt Dr. Braun-Durlak. Die Folgen: Tinnitus, Migräne, Schmerzen im Ohrbereich. Fehlstellungen im Kiefer können über biomechanische Wechselbeziehungen über die Wirbelsäule zu Rückenbeschwerden führen.

Lücken zu schließen, auch mit eigenen Zähnen, ist für die Kieferorthopädin kein Problem. Was möglich ist, beschreibt sie scherzhaft so: "Wir können einen Zahn von einem Ohr zum anderen bewegen." Ein Beispiel aus ihrer Praxis: Einer Patientin fehlt ein Backenzahn, die Lücke ist unmittelbar vor dem intakten Weisheitszahn. Dieser hat wegen eines fehlenden Gegenübers keinen Gegenbiss und droht instabil zu werden. "Den Weisheitszahn schiebe ich in die Lücke, nun stimmt der Biss", sagt Dr. Braun-Durlak. Der Vorteil: "Die Patientin braucht keinen Zahnersatz und hat einen ,neuen', eigenen, gesunden Zahn." Das Verschieben um eine Zahnbreite kann aber bis zu drei Jahre dauern. In dieser Zeit muss eine festsitzende Zahnspange getragen werden. Korrekturen geringeren Ausmaßes können mit einer Zahnschiene erfolgen, die wegen des durchsichtigen Kunststoffs kaum auffällt. Jede einzelne Schiene sorgt für etwa 0,2 Millimeter Zahnbewegung. Deshalb muss alle zwei Wochen eine neue eingesetzt werden. Ein Computer berechnet die einzelnen Schritte der Zahnbewegung.

Um die Kunststoffschienen anzufertigen, müssen noch Abdrücke genommen werden. "Unser Ziel ist, bald ohne Abdrücke, nur mit digitaler Technik, auszukommen", hofft die Ärztin. Dann könnte ein Scanner, der die Zahnstellung erfasst, die Daten zur Herstellung der Schienen liefern. Im Prinzip gibt es die Technik schon. Mit ihr werden Kronen oder Brücken angefertigt, so schnell, dass der Patient seinen Zahnersatz in einer Sitzung bekommt.

Zähne zu verschieben funktioniert mit ausgeklügelter Physik. "Kraft und Vektoren sind unsere Medikamente", sagt die Medizinerin. Dabei dürfe man nicht zu viel Kraft aufwenden, sonst werden Blutzufuhr und Nervenbahnen geschädigt. Doch wer das Spiel der Kräfte beherrscht, macht durch sanften Druck den Weg frei, weil in der Druckzone Zellen aktiviert werden, die Substanz abbauen; in der Zugzone werden - quasi im Umkehrverfahren - Gewebe und Knochensubstanz neu gebildet.

Hinter dem Prozess steht ein kleines Wunder der Natur, gesteuert von Zellen, die für neue Knochenbildung sorgen (Osteoblasten). Sie lagern sich schichtartig an und setzen den Knochenwuchs in Gang. Die Gegenspieler (Osteoklasten) nehmen Knochensubstanz auf und sorgen bei entsprechendem Druck durch eine Spange dafür, dass der Weg frei wird, um einen Zahn in die gewünschte Position zu bringen.

Vielen Patienten, die unglücklich über ihre Zahnstellung sind, ist nicht bewusst, dass Zahnspangen auch im fortgeschrittenen Alter noch sinnvoll sind. "Gerade bei über 60-Jährigen ist der Erhalt der Zähne wichtig", so die Ärztin. Typische Ursache für ein "Lückengebiss" sind Altschäden durch Parodontitis, die bakteriell verursachte Zerstörung des Knochens und des folgenden Verlustes von Bindegewebe und Zahnfleisch.

Wenn möglich, sei es besser, einen Zahn in eine Lücke "wandern" zu lassen, als ein Implantat einzusetzen. Dabei wird ein Metallstift in den Kiefer getrieben, auf den eine Krone kommt. "Eigene Zähne sind jedoch vorzuziehen", sagt Dr. Luzie Braun-Durlak.

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