24.07.12

Neandertaler

Der moderne Mensch war sein Schicksal

Neandertaler starben nicht durch Vulkanausbrüche aus. Der Homo sapies war für seine damaligen Verwandten wohl viel verheerender.

Foto: dpa/DPA
Neandertaler «Mr. 4 Prozent»
Kleider allein machen keine Leute: die Nachbildung eines Neandertalers in moderner Kleidung in Mettmann vor dem Neandertal-Museum, im Mai 2012. Gegen den modernen Menschen hatte er keine Chance

Washington. Der moderne Mensch setzte den Neandertalern mehr zu als Naturkatastrophen - so das Ergebnis einer aktuellen Studie. Demnach spielten weder heftige Vulkanausbrüche, noch rapide Klimaschwankungen beim Verschwinden des Neandertalers eine entscheidende Rolle. Die Verwandten des modernen Menschen lebten in kleinen Gruppen und waren sehr mobil, sie konnten zunächst gut mit solchen Widrigkeiten umgehen, schreibt ein Forscherteam im Fachjournal "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS). Auf längere Sicht sei Homo sapiens aber noch besser für die Anforderungen gerüstet gewesen und habe sich im direkten Konkurrenzkampf gegenüber dem Neandertaler durchgesetzt.

Während der letzten Kaltzeit vor etwa 100 000 bis 30 000 Jahren zogen die modernen Menschen von Afrika nach Europa und breiteten sich dort aus. Sie trafen dabei in vielen Regionen auf Neandertaler, die dort schon seit Zehntausenden von Jahren lebten. Etwa 40 000 Jahre vor unserer Zeit ging die Zahl der Neandertaler dann jedoch deutlich zurück, und vor etwa 30 000 Jahren waren sie schließlich komplett ausgestorben.

Wissenschaftler rätseln seit Langem darüber, welche Gründe für das Aussterben unserer Verwandten maßgeblich waren. Eine mögliche Ursache ist das Klima. Es gab in diesem Zeitraum immer wieder heftige Kaltzeiten, die von wärmeren Zwischenzeiten unterbrochen wurden. Die Gruppen waren gezwungen, vor der Kälte gen Süden zu fliehen, besiedelten die alten Gebiete aber in Warmzeiten wieder.

+++Höhle an Höhle mit den Neandertalern+++

+++Stammen Höhlenbilder von Neandertalern?+++

Einige Forscher nehmen an, dass der moderne Homo sapiens besser für die ständigen Klimaveränderungen gerüstet war als der Neandertaler. Zusätzlich habe ein schwerer Vulkanausbruch vor etwa 40 000 Jahren den Neandertalern zu schaffen gemacht. Dabei wurden große Mengen Asche, geschätzte 250 bis 300 Kubikkilometer, und flüchtige Stoffe inklusive schwefelhaltiger Gase über weite Teile Europas verteilt und lösten vermutlich einen vulkanischen Winter aus.

Die Forscher um John Lowe von der Royal Holloway University of London (Surrey, Großbritannien) hatten "versteckte" Ablagerungen der ausgestoßenen Vulkanasche untersucht: Die kleinen Glaspartikel lassen sich auch unter dem Meer oder in Höhlen finden. Solche Fundorte seien bisher in der Forschung kaum berücksichtigt worden; man habe hauptsächlich auf vulkanische Ablagerungen direkt im Umfeld der Vulkane oder entfernte, aber noch sichtbare Ascheschichten untersucht, so die Forscher.

Mithilfe der Untersuchung der Glaspartikel konnten die Wissenschaftler archäologische Funde von Neandertalern und frühen Homo-sapiens-Populationen jetzt genauer datieren und die zeitlichen Abläufe besser untersuchen. Sie stellten fest, dass in vielen Regionen Europas Überreste von Neandertalern sowie Hinterlassenschaften ihrer Kultur schon lange vor dem Vulkanausbruch seltener werden. Stattdessen gibt es vermehrt Fundstücke, die mit dem Vordringen anatomisch moderner Menschen in Verbindung gebracht werden, wie etwa ausgefeiltere Werkzeuge.

Die Interaktion zwischen Neandertaler und Homo sapiens habe bereits in der Zeit vor 40 000 Jahren stattgefunden, so eine der Schlussfolgerungen der Forscher. Und für die urtümlichen Neandertaler habe dieser Kontakt üble Folgen gehabt - verheerender gar als der gewaltige Vulkanausbruch.

Der Neandertaler - spät erkannter Sensationsfund
Der Neandertaler - spät erkannter Sensationsfund
Der Neandertaler gilt heute als weltweit am besten erforschter Urmensch. Die Bedeutung des ersten Fundes wurde allerdings lange nicht erkannt.
Im August 1856 stießen im Neandertal östlich von Düsseldorf Arbeiter beim Kalkabbau in der Feldhofer Grotte auf einige Knochen und warfen sie auf einen Schutthaufen.
Dort fielen sie dem Steinbruchbesitzer auf, der sie für Reste eines Höhlenbären hielt und an den Elberfelder Lehrer Johann Carl Fuhlrott schickte. Dieser erkannte menschliche Fragmente, die er als erster richtig als Fossil eines frühen Menschen deutete.
Seine Veröffentlichung zu dem Fund fand aber kaum Gehör. Eine Zeitung beschrieb sie 1856 als Knochen eines "Wesens vom Geschlecht der Flachköpfe, die noch heute im amerikanischen Westen wohnen".
Der Berliner Gelehrte Rudolf Virchow untersuchte das Skelett 1872 und meinte, rachitisch verformte Knochen eines Menschen der Neuzeit zu erkennen. Möglicherweise seien es die Überreste eines Soldaten aus napoleonischer Zeit um 1810.
Seine Einschätzung behinderte die Forschung für viele Jahre. Erst 1888 lag eine erste umfassende wissenschaftliche Arbeit über den Homo neanderthalensis vor.
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