Studie
Das sündige Rot der Tomate
US-Wissenschaftler beweisen: Züchter haben den Pflanzen für die Schönheit genetisch den Geschmack ausgetrieben
Meine Tomaten sind mir irgendwie unheimlich. Früher kaufte man welche, und blieben die zu lange liegen, wurden sie bald überreif und schließlich faul.
Diese nicht. Ich habe sie vor sechs Wochen gekauft, glatt, fest, drall und rot wie die Sünde. Einige hab ich gegessen über die Wochen hinweg. Sie waren leidlich geschmacksneutral. Aber drei sind noch da. Glatt, fest, drall und rot wie die Sünde. Kein Runzelchen trübt das perfekte Bild, keine Druckstelle, kein Schimmelpilzchen hat den dreien etwas anhaben können. "Tomaten aus dem Gen-Labor", lästerte eine Freundin, die ihrerseits von Erdbeeren berichtete, die nach einer ganzen Woche noch drall und fest waren wie eben gepflückt. Und durchgängig rot wie ... na, Sie wissen schon. Da haben wir noch gelacht über die Mutanten in der Küche.
Aufklärung, zumindest teilweise, kommt jetzt aus Kalifornien. Dort haben Biochemiker von der University of California herausgefunden, dass das genetische Umprogrammieren von Tomaten doch komplexer ist als angenommen. Es hat nämlich Risiken und Nebenwirkungen. Die kleine grüne Stelle am Stängelansatz hatte man Tomaten wegprogrammieren wollen. Weil Verbraucher ein Rot wie die Sünde wollen. Das hat auch funktioniert!
Leider wurde dabei ein Gen zerstört, das eigentlich für die Bildung von Geschmacksstoffen zuständig ist. Es produziert Chloroplaste. Die verleihen zwar unreifen Tomaten ihre grüne Farbe, sorgen aber bei reifen auch für Zucker und Carotinoide - also für denguten Geschmack. Die Kehrseite des perfekten Sündenrots waren also geschmacklose Tomatendarsteller.
Und was lernen die Forscher aus diesem Desaster? Endlich mal die Finger von unseren Tomaten zu lassen? Weit gefehlt: Jetzt wollen sie die Tomaten perfekt erröten lassen, aber mit Geschmack. Mal sehen, was da für spannende Nebenwirkungen entstehen. Der perfekt gewachsene Tomatenwürfel vielleicht (leicht abzupacken). Oder die Tomate mit eingebautem Knoblauchgeschmack? Oder gar eine sündenrote, die mir - wenn ich sie zu lange misstrauisch beäuge - frech zuruft: "Ey Alder, was guckst du?"













