24.05.12

Lupus erythematodes

Ein neues Medikament gegen Rheuma

Es trifft besonders junge Frauen zwischen 20 und 40. Häufigstes Symptom sind zunächst schmerzende Gelenke. Ein Biologikum zeigt nun erste Erfolge.

Foto: Grafik Atelier Riediger
Harnwegsinfektion
Die Illustration zeigt, welche Organe zu Beginn der Krankheit betroffen sein können

Hamburg. Wer das Wort Rheuma hört, denkt zunächst an schmerzende Gelenke, die häufigste Form der Erkrankung. Doch die Entzündung kann auch das Bindegewebe, die Weichteile angreifen. Eine der Formen dieses Rheumas ist der sogenannte Lupus erythematodes. Die Betroffenen leiden unter Fieber und Abgeschlagenheit. Gefürchtet wird vor allem die Beteiligung von inneren Organen, der systemische Lupus erythematodes. So können zum Beispiel Herz, Lunge oder die Nieren betroffen sein. Bei den meisten Patienten treten Entzündungen der Gelenke und der Haut auf. Typisch ist zum Beispiel eine schmetterlingsförmige Rötung um die Nase. Seit Juli des vergangenen Jahres gibt es ein neues Medikament, das erstmals speziell für die Behandlung dieser Erkrankung entwickelt wurde. Der Wirkstoff Belimumab gehört zur Gruppe der sogenannten Biologika, die durch die Blockade von Botenstoffen des Immunsystems gezielt in Entzündungsprozesse im Körper eingreifen. Die ersten Ergebnisse dieses Medikaments sind vielversprechend, auch wenn das Risiko ernster Nebenwirkungen besteht.

Am Lupus erythematodes leiden nach Schätzungen etwa 50 000 bis 60 000 Menschen in Deutschland. Betroffen sind vor allem Frauen, und die Krankheit bricht meist im Alter zwischen 20 und 40 Jahren aus. "Vor 60 Jahren sind 60 Prozent der Patienten nach den ersten fünf Jahren der Erkrankung verstorben, in den 80er-Jahren waren es nur noch 20 Prozent und heute haben diese Patienten eine nahezu normale Lebenserwartung. Das liegt auch daran, dass wir die Krankheit früher erkennen und umfangreiche Untersuchungen durchführen, die Entzündung im Körper besser lokalisieren und dann gezielter mit einem Medikament behandeln können", sagt der Hamburger Rheumatologe Dr. Peer Aries.

Ziel der Therapie ist das Immunsystem. Denn die Krankheit zählt zu den Autoimmunerkrankungen. "Als Ursache wird ein Programmierfehler im Immunsystem vermutet, der entweder schon von Geburt an vorhanden ist oder durch spätere Ereignisse entstanden ist, zum Beispiel als Folge einer Virusinfektion. Wir wissen, dass es bei diesen Patienten durch Einwirkung von Sonnenlicht zu einem Verfall der Zellen in der Haut kommt. Durch die Freisetzung des Zellinhalts kommt das Immunsystem damit in Kontakt und entwickelt dagegen Antikörper, die eine Entzündung im Körper hervorrufen. Erst die Kombination mehrerer Faktoren wie genetischer Veranlagung, durchgemachter Virusinfektion oder der Einwirkung des Sonnenlichts löst die Erkrankung aus", erklärt Aries.

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Medikamente sollen diese überschießende Reaktion des Immunsystems abbremsen, aber nur so weit, dass die Abwehr von Viren und Bakterien noch normal funktioniert. "Die bisherigen Therapien bestanden aus Cortison, dem schnellsten und effektivsten antientzündlichen Medikament, sowie anderen leichteren und stärkeren Therapien, die das Immunsystem unterdrücken", sagt Aries. Zuerst wird auch heute noch Cortison in Kombination mit einem Immunsuppressivum eingesetzt. Wenn der Patient trotzdem weiter unter Beschwerden leidet, kann zusätzlich das neue Biologikum verordnet werden.

Es hemmt einen Botenstoff, der eine bestimmte Art der weißen Blutkörperchen, die B-Zellen, aktiviert. Dadurch wird die Autoimmunreaktion schwächer, die Entzündung lässt nach. "Wir haben bei unseren Patienten festgestellt, dass nach wenigen Infusionen die Entzündungsstoffe zurückgingen. Mit dem Medikament lassen sich vor allem akute Entzündungen in den Gelenken und an der Haut bekämpfen", sagt Aries. Ziel ist es auch, die Cortisondosis unter 7,5 Milligramm pro Tag zu reduzieren, ohne dass die Krankheit wieder aufflammt. Damit sollen ernste Nebenwirkungen des Cortisons, wie etwa Diabetes, Osteoporose, Grauer Star und Arteriosklerose, vermieden werden.

Auch Prof. Jürgen Wollenhaupt, Chefarzt der Rheumatologie im Schön-Klinikum Hamburg-Eilbek, hat bei seinen Patienten gute Erfahrungen mit dem Medikament gemacht. "Es ist grundsätzlich eine wirksame Therapie und eine wichtige Ergänzung für eine schwerwiegende Erkrankung, für die wir seit Jahrzehnten keine neuen Medikamente hatten."

Trotzdem sind Biologika keine Wunderwaffen. "Wir müssen sie sehr bewusst einsetzen, denn wir können damit die Krankheit weiterhin nicht heilen und müssen das Risiko von schwerwiegenden bakteriellen Infektionen sehr ernst nehmen. Außerdem können diese Substanzen allergische Reaktionen hervorrufen", so Aries. So ist für das neue Mittel im März dieses Jahres eine Warnung wegen Überempfindlichkeitsreaktionen verschickt worden. "Wir müssen die Patienten nach der Gabe des Medikamentes länger beobachten, weil lebensgefährliche verzögerte allergische Reaktionen vier bis fünf Stunden nach der Infusion aufgetreten sind. Umso wichtiger ist es, dass wir die Patienten, die kein oder nur ein geringes Risiko für Nebenwirkungen haben, sehr sorgfältig vorher auswählen." Wollenhaupt gibt auch zu bedenken, dass das Medikament bei Patienten eingesetzt werde, die so schwer erkrankt seien, dass sie sonst mit Mitteln behandelt würden, die einer Chemotherapie ähneln. "Dagegen sind die Nebenwirkungen des neuen Medikamentes geringer."

Nicht infrage kommt das neue Mittel aber bei Patienten, bei denen Nieren, Gehirn oder Rückenmark betroffen sind. "Wir wissen noch nicht, ob das Biologikum bei diesen schwer kranken Patienten genauso gut hilft wie die herkömmlichen, stärker wirksamen Therapien", sagt Aries.

Die neue Behandlung, die von den Krankenkassen bezahlt wird, hat ihren Preis: Lagen die Kosten für die bisherigen Therapien bei Lupus erythematodes zwischen 616 und 5500 Euro pro Jahr, steigen sie mit den Biologika auf über 16 000 Euro im Jahr. Wohl auch deswegen gibt es kritische Stimmen. So zeigt das neue Medikament laut dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in den bisher vorliegenden Studien keinen Zusatznutzen im Vergleich zur optimalen Standardtherapie. Allerdings wird bei den Biologika aus der Rheumatologie insgesamt untersucht, ob der tatsächliche Zusatznutzen den aktuellen hohen Preis rechtfertigt. "So wird auch dieses Biologikum kritisch geprüft und die Pharmaindustrie in die Verantwortung gezogen, den Vorteil gegenüber den herkömmlichen Medikamenten besser zu belegen", sagt Aries.

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