05.04.12

Forschung

Ursachen von Autismus komplexer als angenommen

Viele Mutationen, die Autismusformen auslösen können, stammen aus den Spermien des Vaters. Sie werden nicht über Generationen vererbt.

Foto: picture-alliance/ dpa/Ua
Dustin Hoffman wird 70
"Rain Man" ist der wohl bekannteste Film, der sich mit dem Thema Autismus beschäftigt

London. Es gibt nicht nur einige wenige auslösende Gene für den Autismus. Die genetischen Ursachen sind komplexer als bisher angenommen. Es wirken viele kleine Veränderungen im Erbgut eines Kindes zusammen und verursachen so die Entwicklungsstörung. Die meisten dieser Mutationen sind dabei nicht über Generationen vererbt, sondern entstehen erst in den Spermien und Eizellen der Eltern oder im Genom des Kindes. Zu diesem Ergebnis kommen gleich drei im Fachmagazin "Nature" veröffentlichte Studien.

Autismus sei daher wahrscheinlich am ehesten als sogenannte Regenschirm-Störung zu beschreiben, sagen die Forscher. Auf molekularer Ebene gebe es nicht den einen Autismus, sondern zahlreiche ganz unterschiedliche Autismusformen und -ursachen.

"Wie viele genetisch bedingte Krankheiten beruht auch der Autismus auf der Aktivität vieler Gene", sagt Mark Daly vom Broad Institute des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, der Leiter einer der Studien. Aus den Daten aller drei Studien ergeben sich nur drei Mutationen, die für sich genommen Autismus auslösen könnten. Doch diese Gene fanden die Forscher nur in weniger als einem Prozent der untersuchten autistischen Kinder.

+++Integrative Klassen: Anderssein ist hier normal+++

+++Er entdeckte eine Form des Autismus+++

Die meisten der mehr als 200 neu entdeckten Punktmutationen im Erbgut würden für sich genommen keine ausreichend starken Störungen auslösen, berichten die Wissenschaftler. Wie sie herausfanden, sind 49 der veränderten Gene aber über ihre Produkte verbunden: Sie produzieren ein eng miteinander verknüpftes Netzwerk aus Proteinen.

Dieses Netzwerk wiederum reguliert zum einen die Verpackung und Form des Erbgutmoleküls DNA, zum anderen spielt es eine Rolle für die Bildung von Gehirnzellen und ihrer Verknüpfungen. Bei Kindern mit Autismus seien häufiger Gene aus diesem Netzwerk gestört, sagen die Forscher. Aber bislang lasse sich auch bei diesen kein gemeinsamer Mechanismus finden. "Bisher haben wir erst die Oberfläche angekratzt", sagt Daly.

Die Analysen ergaben auch, dass das väterliche Erbgut eine besondere Rolle für den Autismus eines Kindes spielt: Die mehr als 200 untersuchten autistischen Kinder hatten drei Viertel der Mutationen über die Spermien ihrer Väter bekommen. Je älter der Vater bei der Zeugung des Kindes sei, desto höher sei auch das Risiko, dass er ein Kind mit einer Störung aus dem autistischen Spektrum zeuge, berichten die Forscher.

Für die Studien hatten die drei Forschergruppen jeweils Familien untersucht, bei denen zum ersten Mal ein Kind an Autismus erkrankt war. Dieser sogenannte sporadische Autismus ist die häufigste Form der Erkrankung. Die Wissenschaftler analysierten bei den gesunden Eltern und Geschwistern und bei dem autistischen Kind jeweils den Teil des Erbguts, der die Baupläne für Proteine enthält.

Die entschlüsselten DNA-Sequenzen der Familienmitglieder verglichen die Forscher und konnten so erkennen, an welchen Stellen das Erbgut der autistischen Kinder durch Mutationen verändert war. In allen drei Studien wurden jeweils rund 200 autistische Kinder und ihre Familienangehörigen auf diese Weise untersucht.

Down-Syndrom - Trisomie 21
Das Down-Syndrom (Trisomie 21) ist keine Krankheit, sondern eine Genmutation. Das Erbgut der Betroffenen weist dabei 47 statt 46 Chromosomen auf. Dabei ist das Chromosom 21 dreifach statt doppelt vorhanden. Grund ist ein Fehler bei der Zellteilung bei der Entwicklung des Embryos.
Kinder mit diesem genetischen Defekt sind in ihrer geistigen Entwicklung gestört. Eine Behandlung ist nicht möglich. In Deutschland ist eines von rund 700 Neugeborenen betroffen. Insgesamt leben bundesweit 30.000 bis 50.000 Menschen mit dieser genetischen Störung. Genaue Zahlen fehlen, weil die Daten nicht systematisch erhoben werden.
Man findet Menschen mit Down-Syndrom überall auf der Welt sowie bei allen ethnischen Gruppen und Bevölkerungsschichten. Etwa alle drei Minuten kommt ein Baby mit Down-Syndrom zur Welt, insgesamt leben weltweit circa fünf Millionen Menschen mit Down-Syndrom.
Über die Chromosomen geben Eltern Erbinformationen an ihre Kinder weiter. Ein überzähliges Chromosom stört die genetische Balance. Wachstums- und Funktionsveränderungen sind die Folge. Die körperlichen Besonderheiten und die verlangsamte, zum Teil anders verlaufende mentale Entwicklung von Menschen mit Down-Syndrom werden durch das zusätzliche Chromosomenmaterial verursacht.
Das Risiko für das Down-Syndrom steigt mit dem Alter der Mutter zum Zeitpunkt der Schwangerschaft. Seit einigen Jahren führt die Zunahme pränataler diagnostischer Verfahren, verbunden mit einem positiven Befund, häufig zu der Entscheidung, die Schwangerschaft abzubrechen.
Die Bezeichnung stammt von dem englischen Arzt John Langdon Haydon Down (1828-1896), der 1866 als erster die Merkmale dieser genetischen Besonderheit beschrieb. 1959 entdeckte Jérome Lejeune in Paris, dass Kinder mit Down-Syndrom in jeder Zelle ein Chromosom zuviel haben.
Quelle: epd
(dapd)
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