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Wissen

Mehr als 180 Frauen in Hamburg tragen PIP-Implantate

TÜV wirft dem Hersteller der gefährlichen Silikonkissen Betrug bei Kontrollen vor

Hamburg/Köln. Der Skandal um minderwertige Brustimplantate des französischen Herstellers Poly Implant Prothèse (PIP) weitet sich aus. Mittlerweile seien allein in Hamburg mehr als 180 Fälle bekannt geworden, berichtete der Radiosender NDR 90,3. Die Verunsicherung bei den betroffenen Frauen sei groß, sagte die Landeschefin der zuständigen medizinischen Fachgesellschaft, Regina Wagner, dem Sender.

Wie jetzt bekannt wurde, hatte der TÜV Rheinland dem Hersteller PIP ein Qualitätssiegel für seine Brustimplantate bereits im Frühjahr 2010 entzogen. "Wir wurden von PIP fortgesetzt betrogen, da bei den regelmäßigen Kontrollen den Experten vor Ort stets das eigentlich zugelassene Silikon und die korrekten Dokumente präsentiert wurden", sagte TÜV-Sprecher Jörg Meyer von Altenschildesche. PIP habe aber eine zweite und größere Produktionslinie unterhalten, die Billigimplantate herstellte. Französischen Ermittlern zufolge sparte die Firma jährlich eine Million Euro, indem sie Industriesilikon statt des teureren medizinischen Silikons verwendete.

Der Entzug der CE-Kennzeichnung komme einem Verkaufsverbot gleich und sei umgehend an das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) gemeldet worden. Dadurch hätten eigentlich alle Bundes- und Landesbehörden informiert werden müssen, sagte ein DIMDI-Sprecher auf Nachfrage. In Deutschland sei etwa 10 000 Frauen ein PIP-Implantat eingesetzt worden.

Offensichtlich wurden die Gefahren der PIP-Implantate aber unterschätzt: Es vergingen anderthalb Jahre, bevor die französische Regierung im Dezember 2011 rund 30 000 Französinnen die Entfernung der Silikonkissen empfahl. Zuvor waren einige Implantate im Körper der Frauen gerissen. In Deutschland geschah dies laut dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bisher bei 25 Frauen. Aber auch aus unversehrten Silikonkissen träten über einen längeren Zeitraum Silikonöle aus und gelangten ins Lymphsystem der Frauen, wie BfArM-Sprecher Maik Pommer erläuterte. Er riet allen Frauen mit PIP-Implantaten, diese "ohne Panik, aber so schnell wie möglich" entfernen zu lassen. Hatten sich die Frauen aus ästhetischen Gründen operieren lassen, müssen sie sich die Kosten mit den Krankenkassen teilen.

In Bedrängnis gerät auch der deutsche Chemikalienhändler Brenntag, der PIP jahrelang Silikon geliefert hatte, das für Brustimplantate ungeeignet ist. Jetzt drohen dem Unternehmen laut einem Medienbericht Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe. "Das Mülheimer Unternehmen hat möglicherweise seine Produktbeobachtungspflicht verletzt", sagte Wolfram Müller von der auf Produkthaftungsrecht spezialisierten Anwaltskanzlei Graf von Westphalen in Hamburg dem "Handelsblatt". Danach bereitet die Münchner Kanzlei Zierhut & Graf bereits eine Klage gegen Brenntag vor. Michael Graf fordert für seine geschädigte Mandantin die Übernahme der Behandlungskosten und Schmerzensgeld, schreibt das "Handelsblatt".

Brenntag hat die Vorwürfe als "unbegründet" zurückgewiesen. Es sei bis heute unklar, inwieweit die von Brenntag gelieferten Produkte überhaupt in den Implantaten verarbeitet worden seien, so das Unternehmen. Sollten die unter dem Produktnamen "Baysilone" gelieferten Silikonöle Bestandteil der PIP-Brustimplantate sein, könne dies nur durch eine "absichtlich kriminelle und missbräuchliche Verwendung" geschehen sein. (dpa, dapd)

 

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