Wissen
Ehemals umstrittene Theorie
Kontinentalverschiebung: Und sie bewegen sich doch
10.01.2012, 06:54
Uhr
10.01.2012, 06:54
Uhr
Axel Tiedemann
Die Drift der Kontinentalplatten ist die Basis des Lebens. Für diese Theorie wurde Alfred Wegener verspottet. Heute ist sie Lehrmeinung.
Alfred Wegener in dickem Fellmantel während einer Polar-Expedition
Foto: dpa/DPA
Hamburg.
Anfangs mögen die "hochverehrten Professores" noch wohlwollend
auf diesen jungen, drahtigen Meteorologie-Dozenten geschaut haben, der da am
Dreikönigstag 1912 seine Theorie erstmals der Öffentlichkeit vorstellen
will. Alfred Wegener, 32 Jahre alt, beginnt seinen Vortrag vor der
Hauptversammlung der Geologischen Vereinigung in Frankfurt ja auch noch
recht vorsichtig: "Im Folgenden soll ein Versuch gemacht werden, die
Großformen der Erdrinde, das heißt die Kontinentaltafeln und die ozeanischen
Becken, durch ein einziges Prinzip genetisch zu deuten", kündigt er an.
Und dann spricht er von driftenden Kontinenten, einer Ur-Landmasse und wie
sich viele geologische Beobachtungen durch seine Theorie erklären ließen.
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Bald schon ist die Zuhörerschaft weniger respektvoll schweigsam. Kontinente
bewegen sich - was für eine Behauptung, und dann noch von einem eigentlich
fachfremden Wissenschaftler! Galt nicht seit Jahrzehnten schon das
geologische Weltbild, dass die Erde einem schrumpfenden Apfel ähnelt? Dass
die Gebirge Runzeln und die Ozeane Dellen gleichen? Dass Kontinente im Ozean
versunken seien? Und dann erdreistet sich dieser Jungspund, ein völlig neues
Bild des Planeten zu skizzieren. "Humbug", "Blödsinn",
"mit klarem Verstand darf man so etwas nicht unterstützen" -
solche Kommentare erntet Wegener. Raunen, Zwischenfragen, der junge Forscher
spricht schneller, wird unterbrochen. Unmut auch in den Tagen danach. Ein
Fiasko. "Von Diskussionen musste wegen der fortgeschrittenen Zeit
abgesehen werden", heißt es später schlicht im Protokoll.
Nach diesen Januartagen 1912 sieht sich Wegener noch oft solchen Reaktionen
ausgesetzt. Kollegen sprechen von "Fieberfantasien" und "Krustendrehkrankheit".
Stumm, mit der Pfeife im Mund, hört er zu, wenn die anderen sich entrüsten.
Er ahnt vielleicht, dass er recht behalten wird. Zeitgenossen beschreiben
ihn als sehr gelassen, auch bei heftiger Kritik. Aber innerlich muss er
manchmal zornig geworden sein bei so viel Ignoranz gegenüber neuem Denken.
Hätten seine Kritiker die "Verschiebungstheorie schon auf der
Schule gelernt, so würden sie sie mit demselben Unverstand in allen, auch
den unrichtigen Einzelheiten, ihr ganzes Leben hindurch (so) vertreten, wie
jetzt das Absinken von Kontinenten", schreibt er in jenen Tagen.
Erst in den 1970er-Jahren wird seine Theorie zur anerkannten Lehrmeinung. Die
Kontinentaldrift ist Bestandteil der sogenannten Plattentektonik - die
erklärt, warum Kontinente sich tatsächlich bewegen, warum Erdbeben und
Vulkanausbrüche entstehen, warum Gebirge wie die Alpen aufgefaltet wurden.
Und die Bewegung der Kontinente, wie sie sich Wegener allein aus Nachdenken
heraus erklärte, ist letztlich auch ein Garant für das Leben auf diesem
Planeten. Sie sorgt für Vulkanausbrüche und wegen des gewaltigen
Kohlendioxidausstoßes für den natürlichen Treibhauseffekt, ohne den überall
auf der Erde eine eisige Temperatur von gut 17 Grad Minus herrschen würde.
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Wer war dieser Wegener, der seine These von der "Entstehung der
Kontinente und Ozeane" im Wesentlichen während seiner Zeit in Hamburg
weiter präzisierte? Ein Schreibtisch-Forscher, der sich in physikalischen
Theorien vergrub? "Wohl kaum, er war eher ein harter Knochen und ein
Vorbild als Wissenschaftler, ein Kopernikus der Geowissenschaften",
sagt der Wissenschaftshistoriker Reinhard Krause. Wegener habe unser Bild
von der Erde revolutioniert und dafür Spott und Häme in Kauf genommen.
Geboren wird Wegener am 1. November 1880 als jüngstes von fünf Kindern einer
Pastorenfamilie in Berlin. Früh schon entwickelt er eine Liebe zur Natur,
als sein Vater 1886 das Gutshaus in Zechlinerhütte bei Rheinsberg als
Ferienhaus erwirbt. Alfred und seine Brüder streifen durch die Wälder,
segeln im Sommer auf den Seen, touren auf Schlittschuhen über das Eis.
Wegener schließt die Schule wie sein zwei Jahre älterer Bruder Kurt als
Klassenbester ab. Beide beschließen ein Studium der Naturwissenschaften und
werden später eng und viel zusammenarbeiten.
Alfred studiert Meteorologie und Astronomie in Berlin, Heidelberg und
Innsbruck, wo er mit Kurt ausgedehnte Hochgebirgstouren unternimmt. Als
Student schon verzieht er sich nicht nur ins stille Studierkämmerlein.
Überliefert ist eine Strafverfügung über fünf Mark wegen "Unfugs
und ruhestörenden Lärms", nachdem der Student mit
Kommilitonen nachts durch die Straßen gezogen war, behängt mit weißen Laken.
1905 wird Wegener Assistent am Aeronautischen Observatorium Lindenberg bei
Beeskow, wo auch sein Bruder arbeitet. Beide erforschen Drachen und
Fesselballons und stellen mit einer gemeinsamen, 52,5 Stunden langen
Ballonfahrt im Jahr 1906 einen Weltrekord auf.
Im selben Jahr bricht Wegener zu seiner ersten Grönland-Expedition auf. Hier
sieht er zum ersten Mal die mächtigen Eisberge, die sich durch das Treibeis
schieben. Möglichweise keimt seine Überlegung hier: Ein Eisberg schwimmt,
weil er leichter ist als das Wasser. Wie aber kann es dann sein, dass nach
der gängigen Theorie der versunkenen Kontinente dieses physikalische Prinzip
umgekehrt sein soll? Wie soll die leichtere Granitkruste der Kontinente
unter den schweren Basaltboden der Ozeane tauchen? Muss es nicht anders
herum sein?
Foto: picture alliance/ dpa Grafik/dpa Grafik
1911, Wegener ist inzwischen junger Privatdozent in Marburg, kommt der
zündende Gedanke. In der Bibliothek stößt er auf eine Abhandlung über
Fossilfunde in Afrika und Südamerika, die sich verblüffend ähneln. Die
Theorie eines Urkontinents entsteht, den Wegener Pangäa nennt und dessen
Teile nach seiner Vorstellung auseinandergedriftet waren. Damit ließ sich
vieles erklären, etwa ähnliche Spuren einer urzeitlichen Vereisung auf den
Südkontinenten, gleiche Flora und Fauna dort.
"Passt die Ostküste Südamerikas nicht genau an die Westküste Afrikas, so,
als wären sie einst verbunden gewesen?", schreibt er seiner
Verlobten und späteren Ehefrau Else Köppen, Tochter des berühmten Hamburg
Meteorologen Wladimir Köppen.
Nach der Präsentation 1912 arbeitet Wegener unbeirrt an seiner Theorie weiter.
Unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg, bei dem er an der Westfront zweimal
verwundet wird. 1920 zieht er mit Frau und zwei Töchtern nach Hamburg, wo
eine dritte Tochter geboren wird. Die junge Familie wohnt in Groß Borstel
bei den Schwiegereltern. Wegener arbeitet als Beamter und Nachfolger seines
Schwiegervaters an der Seewarte und wird gleichzeitig außerordentlicher
Professor an der gerade gegründeten Hamburger Universität. "Eine
enorme Doppelbelastung", sagt der Wissenschaftshistoriker Krause. Zumal
Wegener in seiner Hamburger Zeit weitere Auflagen seiner Schrift von der "Entstehung
der Kontinente und Ozeane" verfasst. 1924 folgt ein Ruf an die
Universität Graz, wo berühmte Kollegen lehren.
1930 bricht Wegener zu seiner letzten Grönland-Expedition auf. Kurz nach
seinem 50. Geburtstag kämpft er sich mit einem jungen Begleiter und 17
Schlittenhunden von einem Eishöhlencamp zurück, um Proviant für die völlig
entkräfteten Kollegen zu holen, die er zurücklassen musste. Bei minus 45
Grad wehen eisige Winde. Auch Wegener und sein Begleiter sind am Ende ihrer
Kräfte. Sie kommen nie an. Der Forscher stirbt im Eis. "Vermutlich
war es eine Herzsache", sagt Krause. Erst im Mai 1931 finden befreundete
Kollegen die Leiche. Wegener liegt in seinem Schlafsack auf einem
Rentierfell, die Augen geöffnet. Die Freunde stellen ein Kreuz auf. Davon
ist heute nichts mehr zu sehen. Das eisige Grab des standhaften Forschers
hat der Gletscher mitgenommen, es ist verschwunden wie die Überreste seines
Expeditions-Begleiters und seine Tagebücher.
Nach seinem Tod wird seine Theorie zunächst vergessen. Erst weitere
Forschungen decken sich mit seinen Annahmen: Heute weiß man, dass sich die
Kontinente zwar nicht, wie Wegener dachte, um Meter pro Jahr bewegen, aber
sie schieben sich doch mit dem Wachstumstempo eines Fingernagels voran. Man
nimmt an, dass es neben sechs großen auch viele kleinere Platten gibt. Dort,
wo sie aneinanderstoßen, sind oft Erdbebenzonen. Die etwa 100 Kilometer
mächtige, in Platten zerbrochene Gesteinshülle schwimmt dabei regelrecht auf
den zähflüssigen Gesteinen der darunterliegenden heißen Schicht des oberen
Erdmantels.
Die ozeanische Kruste hingegen entsteht ständig neu, indem durch Vulkanismus
am Meeresboden Materie aus dem Erdmantel herausdringt und an der Oberfläche
erstarrt. Wie auf einer schiefen Ebene gleitet die Erdkruste darauf ab; so
schiebt sie im Atlantik die Kontinentalplatten vor sich her oder, wie an den
Rändern des Pazifiks, unter die angrenzenden Erdteile.
Von dieser Dynamik im Erdinneren wusste man zu Wegeners Zeiten noch nichts -
daher die Skepsis, die ihm entgegenschlug. Doch er akzeptierte für sich auch
theoretische Überlegungen, um ein Phänomen zu erklären. Insofern, sagt
Wissenschaftshistoriker Krause, war Wegener nicht nur Visionär, sondern auch
Vordenker moderner Wissenschaft. Jedenfalls so, wie sie sein sollte - wenn
ein neuer Wegener kommt und alles infrage stellt.
Tektonische Platten im Erdbebengebiet Türkei:
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(dpa)