13.12.11

Forschung

Kindesmisshandlung hinterlässt Narben im Gehirn

Wer als Kind misshandelt wurde, hat nicht nur psychische Narben. Forscher der Universität Münster haben in einer Studie jetzt auch biologische Veränderungen im Gehirn belegt. Noch Jahrzehnte nach dem Missbrauch zeigten die Opfer eine erhöhte Aktivität des Angstzentrums und mehrere verkleinerte Gehirnareale, berichten die Forscher im Journal "Biological Psychiatry".

Foto: picture alliance / ZB/Zentralbild
Symbolbild Gewalt gegen Kinder
Misshandlung im Kindesalter äußert sich auch langfristig durch Veränderungen im Gehirn des Erwachsenen

Münster. Wer als Kind misshandelt wurde, hat nicht nur psychische Narben. Forscher der Universität Münster haben in einer Studie jetzt auch biologische Veränderungen im Gehirn belegt. Noch Jahrzehnte nach dem Missbrauch zeigten die Opfer eine erhöhte Aktivität des Angstzentrums und mehrere verkleinerte Gehirnareale, berichten die Forscher im Journal "Biological Psychiatry" (derzeit im Druck). Die Ergebnisse seien ein wichtiger Schritt, um den Zusammenhang zwischen Kindesmisshandlung und späteren psychischen Erkrankungen zu erklären.

Für ihre Studie untersuchten die Münsteraner Forscher 148 psychisch gesunde Erwachsene. Mit einem Fragebogen wurde zunächst ermittelt, ob ein Proband als Kind misshandelt wurde. Dann konfrontierten die Forscher die Testpersonen mit Fotos von wütenden oder furchtvollen Gesichtern und maßen gleichzeitig die Aktivität des sogenannten Mandelkerns (Amygdala), des Angstzentrums im Gehirn. Das Ergebnis: Bei misshandelten Probanden schlug das Angstzentrum deutlich heftiger Alarm als bei Personen, die als Kind nicht misshandelt wurden.

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"Dieser Zusammenhang zwischen einem hypersensiblen Mandelkern und Kindesmisshandlung wurde bisher noch nie bei gesunden Menschen nachgewiesen", erklärt der Psychiater Udo Dannlowski, einer der Autoren der Studie. Lediglich bei Ratten, die man sehr früh von den Müttern getrennt hat, und bei misshandelten, bereits depressiv erkrankten Menschen gab es schon ähnliche Befunde. Die Folgen einer solchen Überreaktion seien dramatisch: "Die Betroffenen fürchten sich schneller, haben einen stärkeren Schreckreflex, haben Angst vor Nähe zu anderen Menschen und sind im Alltag ängstlicher als andere Menschen." Alles in allem also ein Leben in Alarmbereitschaft.

In einem zweiten Versuchsteil untersuchten die Münsteraner Forscher die Größe bestimmter Bereiche im Gehirn. Bei Missbrauchsopfern waren bestimmte Gebiete signifikant kleiner als bei anderen Menschen. Zu demselben Schluss kommt eine Studie amerikanischer Forscher, die ebenfalls in dieser Woche veröffentlicht wurde (in den "Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine"). Betroffen waren unter anderem der sogenannte Hippocampus, der für das Lernen zuständig ist, aber auch der Stirnlappen, der eigentlich das Angstzentrum kontrollieren soll. "Kleinere Gehirnareale bedeuten weniger Zellen und das führt tendenziell zu einer schlechteren Funktion des betroffenen Gebietes", sagt Udo Dannlowski.

Beide Ergebnisse – ein sensibles Angstzentrum und verkleinerte Gehirnbereiche – kennen die Forscher bereits: von Patienten mit Depressionen und Angstzuständen. In den Ergebnissen könnte also der Schlüssel liegen für eine biologische Erklärung des Zusammenhangs zwischen Misshandlungen im Kindesalter und späteren psychischen Erkrankungen wie Depressionen.

Missbrauchsskandal erschüttert Kirche und Schulen
Missbrauchsskandal erschüttert Kirche und Schulen - Eine Chronologie
Immer mehr Opfer von sexueller Gewalt in Kirchen und Schulen gehen in Deutschland an die Öffentlichkeit. Der Skandal begann mit Informationen aus einer katholischen Schule:
28. Januar 2010: Am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten werden erste Verdachtsfälle bekannt. In den folgenden Wochen kommen zahlreiche Missbrauchsfälle durch katholische Laien, Priester und Ordensleute ans Licht. Auch das oberbayerische Kloster Ettal und die Regensburger Domspatzen sind betroffen.
28. Januar 2010: Am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten werden erste Verdachtsfälle bekannt. In den folgenden Wochen kommen zahlreiche Missbrauchsfälle durch katholische Laien, Priester und Ordensleute ans Licht. Auch das oberbayerische Kloster Ettal und die Regensburger Domspatzen sind betroffen.
16. Februar: Der damalige Augsburger Bischof Walter Mixa führt den Missbrauch auch auf die zunehmende Sexualisierung des öffentlichen Lebens zurück, die "abnorme sexuelle Neigungen eher fördert".
22. Februar: Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) wirft der Kirche mangelnde Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden vor.
23. Februar: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, kritisiert, die Ministerin habe "maßlos gegen unsere katholische Kirche polemisiert" und fordert eine Richtigstellung.
25. Februar: Der Trierer Bischof Stephan Ackermann übernimmt das neue Amt eines bundesweit zuständigen Beauftragten für Missbrauchsfälle. 5. März: Die Leitung der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim gibt bekannt, dass es an der Reformschule sexuelle Übergriffe auf Schüler gegeben hat. Danach werden immer mehr Fälle publik. 9. März: Der Vatikan lobt die unverzügliche und entschlossene Reaktion der deutschen Bischöfe und Ordensleitungen auf den Missbrauchsskandal.
20. März: Papst Benedikt XVI. bedauert in seinem Hirtenbrief an die irische Kirche den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen in der katholischen Kirche, äußert sich aber nicht zu Fällen in Deutschland.
24. März: Das Bundeskabinett beschließt einen Runden Tisch und setzt die frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) als Missbrauchsbeauftragte ein. 30. März: Die katholische Kirche schaltet für Missbrauchsopfer eine Telefon-Hotline und bietet eine Online-Beratung an.
2. April: Zollitsch räumt Fehler im Umgang mit den Missbrauchsopfern der katholischen Kirche ein. In den Wochen danach werden mehrere Priester wegen des Vorwurfs sexuellen Missbrauchs beurlaubt oder in den Ruhestand versetzt, so etwa in Würzburg, Limburg und Köln.
21. April: Nach Misshandlungsvorwürfen ehemaliger Heimkinder bietet der Augsburger Bischof Walter Mixa dem Papst seinen Rücktritt an. Am 7. Mai werden Vorwürfe gegen Mixa wegen sexuellen Missbrauchs laut. Einen Tag später nimmt der Papst Mixas Rücktrittsangebot an.
20. Mai Es wird bekannt, dass Staatsanwaltschaft und Evangelisch-Lutherische Kirche gegen einen Pastor aus Ahrensburg ermitteln, der in den 70er und 80er Jahren mehrere Jugendliche sexuell missbraucht haben soll.
11. Juni Papst Benedikt XVI. bittet die Missbrauchsopfer öffentlich um Vergebung.
Quelle: dpa/abendblatt.de
(dpa)
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