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Wissen

Stromerzeugung

Testlauf: Wasserkraft für den Eigenbedarf

Forscher entwickeln Kleinstanlage, die in abgelegenen Orten in langsam fließenden Gewässern Strom produzieren kann

Testlauf in Warnow: Dieses Modell hat eine Leistung von 750 Watt. Die praxisreife Anlage soll später die vierfache Leistung aufweisen.
Foto: dpa

Sternberg. Bei eiskaltem Wetter tauchen die stählernen blauen Schaufeln ins klare Nass der Warnow. Mit fünf Umdrehungen je Minute läuft das schwimmende Kraftwerk eher bedächtig in dem trägen Flüsschen. In der flachen Landschaft nahe dem mecklenburgischen Sternberg haben Wissenschaftler ihr Quartier aufgeschlagen. Mit Laptops auf den Knien hocken sie am Warnow-Ufer und verfolgen die Stromkurve ihres "blauen Wunders".

Sie arbeiten im europaweiten Forschungsprojekt "Hylow" (Hydropower Converter for Very Low Head Differences, Wasserkraftwerk für sehr niedriges Gefälle). Es will dort Strom erzeugen, wo Höhen- oder Druckunterschiede der Gewässer sehr gering sind. Ziel ist die Entwicklung günstiger und umweltfreundlicher Wasserkraftwerke für Gewässer mit Fließgeschwindigkeiten von nur ein bis zwei Metern pro Sekunde: schwimmende Strömungskraftwerke im Mini-Format. Zehn Partner beteiligen sich an dem Projekt unter der Regie der Universitäten Southampton (Großbritannien) und Rostock.

Ohne künstliche Wehre kann so ein Kleinstwasserkraftwerk aus der Strömung flacher Flüsse Strom für ein bis zwei Familien liefern, sagt der Projektleiter Frank Weichbrodt. Das Baumaterial spiele dabei keine Rolle, Stahl, Kunststoff oder Holz seien verwendbar.

Das Mecklenburger Testobjekt soll bis Ende März in der Warnow und im September dann unter Tidenbedingungen in der Ems in Niedersachsen getestet werden. Es bringt bei einer Fließgeschwindigkeit von etwas mehr als einem Meter je Sekunde eine elektrische Leistung von 750 Watt. Das Messmodell sei Vorbild für künftige größere Drei-Kilowatt-Anlagen, sagt Weichbrodt. Dies ist die Größenordnung vieler Kleinstwasserkraftwerke, die sich derzeit in deutschen Gewässern drehen. Nur 355 der bestehenden 7700 Wasserkraftanlagen haben eine Leistung von mehr als einem Megawatt.

Mit einem Handbuch wollen die "Hylow"-Forscher in einem Jahr Menschen ohne Netzanschluss kostenlose Bauanleitungen für Wasserräder zur Verfügung stellen - sei es in Entwicklungsländern oder in abgelegenen Orten Skandinaviens, Osteuropas, Russlands. Bedarf sehen Entwicklungshelfer der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Es gebe einen Trend hin zu dezentralen Kleinanlagen auf Basis erneuerbarer Energien für die Stromversorgung in Afrika, Asien und Lateinamerika, sagt ein Sprecher.

Die Idee des schwimmenden Generators sei nicht neu, betont Weichbrodt. Schon die alten Römer hätten vor tausend Jahren in Schiffsmühlen auf Flüssen Korn gemahlen. In Deutschland stellte 1907 eines der letzten schwimmenden Mahlwerke auf der Weser bei Minden (Nordrhein-Westfalen) den Betrieb ein. Seit 1998 dreht sich dort eine rekonstruierte Museumsmühle.

Das Wasserrad in Mecklenburg soll bei der Stromproduktion die Umwelt schonen, erklären die Wissenschaftler. Fische und Sedimente könnten die im Fluss verankerte Anlage nahezu ungehindert passieren, meint Biologe Simon Karlsson aus Southampton. Dennoch werde er einige Aale, Barsche und Forellen markieren, um ihr Verhalten länger beobachten zu können.(dpa)

 

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