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Wissen

Die Folgen der Forschung

Wissenschaftler und Politiker müssen die Auswirkungen der Forschung besser diskutieren. Ein Gespräch mit der renommierten Expertin für Technologiefolgenabschätzung, der Hamburger Professorin Regine Kollek.

Man kann Forschung nicht unterbinden, und man sollte sie auch nicht unterbinden. Was unserer Gesellschaft fehlt, sind rationale Verfahren zur Bewertung der vielfältigen Handlungsmöglichkeiten und Produkte, die durch die Forschung erzeugt werden", sagt Prof. Dr. Regine Kollek. Die stellvertretende Vorsitzende des Nationalen Ethikrates leitet die Forschungsgruppe Technologiefolgenabschätzung (TA) der modernen Biotechnologie in der Medizin an der Uni Hamburg. Sie weiß, dass die TA auch als AT, als Anti-Technik aufgefasst wird. "Aber gerade unsere Arbeit kann sinnvolle Technik voranbringen, weil sie zum Ausgleich unterschiedlicher Interessen beiträgt", betont sie. Die TA zielt darauf ab, die Potenziale einer Technik herauszufiltern, die Wirkung ihrer Anwendung im sozialen und ethischen Zusammenhang zu ermitteln und Alternativen aufzuzeigen. So können "leise Revolutionen", die sich im Zusammenwirken von moderner Gentechnik und Reproduktionsmedizin oder Computertechnik und Medizin vollziehen, greifbar werden. "Erst in einem zweiten Schritt geht es um die Bewertung. Um sie zu leisten, kann man beispielsweise qualifizierte Diskurse zwischen den unterschiedlichen Akteuren organisieren", sagt die Forscherin. Interaktive TA heißt eines dieser Verfahren, das in den Niederlanden entwickelt wurde und in drei Schritten vorgeht. "Zunächst werden in Interviews die Argumente von Vertretern aller Gruppen erhoben, die mit dieser Technik oder ihren Folgen zu tun haben. Dann werden diese Argumente anonymisiert, damit keiner weiß, wer was gesagt hat. Die anonymisierten Argumente werden in die Gruppe zurückgegeben, von den Einzelnen kritisiert und kommentiert, bis sich alle auf Kernaussagen geeinigt haben", schildert sie den Ablauf, der in den Niederlanden für Klarheit im Umgang mit Gehörimplantaten bei Kindern sorgte. Die Anonymisierung hilft, dass Eitelkeiten, Emotionen oder Machtspiele die sachliche und argumentative Auseinandersetzung nicht blockieren. Aber die Diskurse klappen nur, wenn Vertreter aller beteiligten Gruppen mit unterschiedlichen Sichtweisen mitmachen. Da die Herausforderungen wachsen, weil ständig neue technische und wissenschaftliche Möglichkeiten präsentiert werden, müssen die TA-Forscher ihre Arbeitstechniken kontinuierlich weiterentwickeln. Um die Spreu vom Weizen zu trennen, brauchen die Forscher geeignete und akzeptierte Selektionsmechanismen. "Nur wenn Nutzen, Risiken, mögliche Folgen und auch Handlungsalternativen bekannt sind, kann die Gesellschaft, kann das Parlament entscheiden, die Zukunft gestalten. Die Entscheidung fällt umso schwerer, je potenter Techniken werden, je weiter sie in die Gesellschaft eingreifen", sagt Regine Kollek. Dabei gibt es Konflikte, wie der Streit um Stammzellen und die Präimplantationsdiagnostik zeigt. Entschieden werden können sie aber nicht in Hinterzimmern oder durch Macht, wie das Beispiel Kernkraft lehrt. "In einem Staat mit pluralen Positionen muss jede zentrale ethische Frage vom Parlament beantwortet werden. Dieses Recht dürfen sich die Abgeordenten nicht von der Regierung, nicht von Ethikräten und nicht von Forschern nehmen lassen", plädiert Regine Kollek. In ihrem jüngsten Projekt wollen die Hamburger TA-Forscher gemeinsam mit Experten der Pharmakogenetik, die maßgeschneiderte Medikamente für jeden Patienten entwickeln will, die Hindernisse entdecken und aus dem Weg räumen, die das Potenzial dieser modernen Technik schmälern könnten. Gern würden die TA-Forscher mehr leisten. Aber von den ursprünglich vier Arbeitsgruppen, die am Forschungsschwerpunkt Biotechnik, Gesellschaft und Umwelt (BIOGUM) aufgebaut werden sollten, konnte die Universität bislang nur zwei verwirklichen.

 

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