Wenn Menschen plötzlich einschlafen

Studie erhärtet den Verdacht, dass Narkolepsie eine Autoimmunerkrankung ist. Auf die Spur brachte Forscher eine Impfung gegen die Schweinegrippe

San Francisco. Die durch heftige Tagesschläfrigkeit oder plötzliche Muskelerschlaffung gekennzeichnete Narkolepsie ist offenbar eine Autoimmunerkrankung. Eine internationale Studie erhärtet den Verdacht, dass Immunzellen jene Hirnzellen zerstören, die das Protein Hypocretin bilden, das für das Wachsen zuständig ist. Auf die Spur brachte die Forscher eine Impfung gegen die Schweinegrippe H1N1. Sie stellen die Erkenntnisse im Journal "Science Translational Medicine" vor.

Bis heute ist Narkolepsie eine mysteriöse Erkrankung. In Deutschland ist die Krankheit bei rund 4000 Patienten diagnostiziert. Die Dunkelziffer wird auf 30.000 bis 40.000 Menschen geschätzt. Ältere Studien zeigten, dass die Betroffenen jene Hirnzellen verlieren, die Hypocretin bilden. Im Gehirn gibt es etwa 70.000 solcher Zellen.

Weitere Studien haben bereits eine genetische Veranlagung belegt. Bei fast allen Narkolepsie-Patienten bildet das Immunsystem einen bestimmten Typ von HLA-Proteinen, die in der Bevölkerung jedoch nur bei etwa 20 Prozent vorkommen. Daher vermuteten Forscher schon länger eine Beteiligung des Immunsystems, konnten Autoimmunprozesse aber nicht nachweisen.

Seit einigen Jahren häuften sich Hinweise, dass manche Infektionen das Erkrankungsrisiko bei genetisch anfälligen Menschen steigern – etwa die 2009 aufgetauchte Schweinegrippe H1N1. Der dagegen entwickelte Impfstoff Pandemrix, der Teile des Erregers enthielt, steigerte Studien zufolge die Erkrankungsrate, wobei er möglicherweise nur den Entstehungsprozess beschleunigte. Etwa eines von 15.000 damit geimpften Kindern erkrankte.

"Diese Überschneidung von genetisch empfänglichen Menschen mit einem besonderen Umweltauslöser in Form des H1N1-Virus oder der Pandemrix-Impfung bot eine gute Gelegenheit, die molekulare Basis der Narkolepsie zu verstehen", sagt die Immunologin Elizabeth Mellins von der Stanford University. Die Forscher fanden heraus, dass ein kleiner Teil des Proteins Hypocretin und eines H1N1-Proteins sich stark ähneln. Durch diese kurze Sequenz verwechselt das Immunsystem anscheinend das Erregerprotein mit dem Körpereiweiß. Laborstudien bestätigten, dass CD4-Zellen des Immunsystems auf Hypocretin-Regionen ähnlich reagieren wie auf jene Erregerteile. Dies deute darauf hin, dass T-Zellen des Immunsystems, die auf H1N1 abgerichtet sind, gelegentlich mit Hypocretin kreuzreagierten und irgendwie die Hypocretin-bildenden Nervenzellen zerstörten, so die Forscher.

Geert Mayer von der Hephata-Klinik in Schwalmstadt spricht von einer sehr spannenden Studie. Der gefundene Zusammenhang lasse jedoch Fragen offen, sagt der Narkolepsie-Experte. "Die Aktivierung der CD4-Zellen erklärt beispielsweise nicht, warum die Hypocretin-bildenden Zellen zerstört werden. Die Narkolepsie ist eine Erkrankung mit sehr vielen Facetten."

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