Interview mit Foodwatch-Chef
"Wir brauchen Ernährung als Schulfach"
Thilo Bode fordert das Verbot von umstrittenen Zusatzstoffen. Seiner Meinung nach betreibt die Industrie "Körperverletzung durch Irreführung".
Zum Schutz von Kindern vor ungesunder Ernährung fordert der Foodwatch-Chef Thilo Bode die Regulierung von Werbung für Kinderlebensmittel - wie Fruchtzwerge oder Müsliriegel.
Foto: picture-alliance
Hamburg. Hamburger Abendblatt: Jeder zweite Erwachsene in Deutschland ist übergewichtig. Warum ernähren sich so viele Menschen falsch?
Thilo Bode: Dafür gibt es viele Ursachen - Erziehung, Bildung, Information, Familie, Schule und die Qualität der Lebensmittel.
Abendblatt: Welche Schuld trägt die Lebensmittelindustrie?
Bode: Die Lebensmittelindustrie stellt Produkte her, die zu viele versteckte Nährstoffe wie Zucker, Fett und Salz enthalten.
Abendblatt: Warum enthalten sie so viel Zucker und Salz?
Bode: Zucker, Fett und Salz ersetzen häufig teurere Rohstoffe und die Produkte schmecken den meisten Verbrauchern dann einfach besser. Das trifft übrigens auch auf vermeintlich leichte Produkte zu. Die meisten "Light-Produkte" - wie Salatsoßen oder "Schinken light" - schmecken überhaupt nur deshalb, weil sie in der Regel viel Salz enthalten. Zu viel Salz fördert allerdings Herzkreislauferkrankungen. In als "Zwischenmahlzeit" angebotenen Fitness-Riegeln ist teilweise so viel Zucker drin, dass man eine Dreiviertelstunde joggen muss, um die aufgenommenen Kalorien wieder abzulaufen. Diese unverantwortlichen Produkte sind mit schuldig für das Übergewichtsproblem, sie können auch als "Körperverletzung durch Irreführung" bezeichnet werden.
Abendblatt: Wie kann ein Umdenken in Gang kommen? Könnte die von Ihnen
vorgeschlagene Ampel-Auszeichnung von Lebensmitteln dazu beitragen, in denen
der Grad des Salz-, Zucker- und Fettgehalts farblich hervorgehoben werden?
Bode: Die Einführung einer Ampel wäre ein elementarer Beitrag für eine
bessere Ernährung, der auf zwei Wegen wirkt: Da kein Hersteller gerne rote
Warnzeichen auf seinen Produkten haben möchte, würden die Anbieter den
Gehalt an Zucker, Fett oder Salz vorbeugend selbst reduzieren und ihre
Rezepturen ändern. Zweitens: Wenn der Verbraucher in seinen Einkaufskorb
schaut, erkennt er auf einen Blick wie viel Fett, Salz und Zucker die
gekauften Produkte enthalten. Er muss nicht erst im Kleingedruckten danach
suchen. Hierbei dürften viele aufwachen - und sich zumindest bewusster
werden, was sie essen.
Abendblatt: Süßigkeiten, Chips und Limonaden bleiben dann aber künftig
wohl eher in den Regalen stehen?
Bode: Es geht nicht darum, das Essen von
Schokolade madig zu machen. Die Ampel soll einen ersten, schnellen Überblick
über die verträglichen Mengen geben. Dann kann jeder eigenverantwortlich
entscheiden, was er sich und seinem Körper zumuten möchte.
Abendblatt: Wie viel Geld könnte durch eine bewusstere Ernährung
eingespart werden?
Bode: Die Bundesregierung beziffert die Kosten für ernährungsbedingte
Krankheiten auf 70 Milliarden Euro - ein großer Batzen.
Abendblatt: Sind die neuen Wellness-, Gesundheits- und
Light-Lebensmittel ein richtiger Schritt in eine gesündere Ernährung?
Bode: Diese Produkte sind in der Regel Pseudoinnovationen einer
Industrie, die an ihre Wachstumsgrenze gestoßen ist. Sie sind oft voller
Zusatzstoffe und Aromen.
Abendblatt: Wie sieht eine gesunde Ernährung aus? Sollte man alles auf
dem Markt kaufen und selber kochen?
Bode: Quatsch. Dafür hat ja kaum jemand Zeit und Lust. Vieles ist eine
Frage der richtigen Dosierung. Klar kann man täglich Currywurst mit Pommes
oder Schweinebraten essen - aber man sollte wissen, was man isst und was
darin enthalten ist. Es muss eine verantwortliche Entscheidung sein, denn
letztlich muss jeder am Ende dafür selbst zahlen - mit seiner Gesundheit.
Abendblatt: Wie können Kinder besser vor schlechter Ernährung geschützt
werden?
Bode: Hier muss die Schule in die Pflicht genommen werden. Essen und
Trinken ist für jeden Menschen lebensnotwendig. Schon aus Gründen der
Gesundheitsvorsorge halte ich die Einführung eines Schulfachs Ernährung für
dringend erforderlich. Außerdem muss die Werbung für Kinderlebensmittel -
wie Fruchtzwerge oder Müsliriegel - reguliert werden. Kinder sind nicht
geschäftsfähig und müssen besonders geschützt werden, wie dies übrigens in
Schweden schon üblich ist. Es gibt einen noch nicht dagewesenen dramatischen
Anstieg von Frühdiabetes bei den unter Dreißigjährigen. Hier herrscht
dringender Handlungsbedarf.
Abendblatt: Wie schädlich sind Lebensmittelimitate wie "Analog"-Käse,
der statt mit Milch, aus Wasser, Pflanzenfett und Milcheiweiß hergestellt
wird?
Bode: Hierbei handelt es sich nicht um ein Gesundheitsproblem, sondern
um Betrug. Wenn Schinken nur noch zu 50 Prozent aus Fleisch besteht und Käse
ohne Milch hergestellt wird, dann wird der Verbraucher getäuscht, aber er
wird nicht krank davon.
Abendblatt: Und wie bewerten Sie Farbstoffe, Aromen und
Geschmacksverstärkern?
Bode: In Europa gibt es 350 zugelassene Zusatzstoffe. Die Hälfte davon
ist gesundheitlich umstritten und sollten verboten werden. Manche Farbstoffe
können zum Beispiel Hyperaktivität bei Kindern auslösen und E330, das in
Softdrinks harmlos als "Zitronensäure" daherkommt, greift den
Zahnschmelz an
Abendblatt: Was sollte die neue Regierung in Sachen
Lebensmittelsicherheit unternehmen?
Bode: Viel verspreche ich mir nicht. Das bestehende Agrar- und
Verbraucherministerium ist eine Fehlkonstruktion, eine Versündigung gegen
die Demokratie. Ein Klientelministerium für Bauernfunktionäre hat am
Kabinettstisch genauso wie andere Lobbyisten nichts verloren!
Abendblatt: Was muss passieren?
Bode: Verbraucherinteressen müssen endlich als hartes politisches Thema
behandelt werden. Dazu brauchen wir ein wirksames Verbraucherschutzgesetz.
Weiteres Problem: Manche Verbraucherthemen werden in Deutschland zwar
beredet, aber europäisch abgeblockt. Die größten Veränderungen erhoffe ich
mir deshalb von öffentlichen Protesten. Wenn der Politik klar wird, dass den
Verbrauchern etwas stinkt, ändert sich auch etwas.
Abendblatt: Fürchten Sie durch den Discounterpreiskampf eine
Verschlechterung der Qualität?
Bode: Im Lebensmittelmarkt hat der Preis nicht immer etwas mit Qualität
zu tun: Teuer ist nicht automatisch gut und billig nicht schlecht.
Discounterfleisch ist nicht per se schlechter als beim Metzger - manchmal
haben beide sogar denselben Lieferanten. In Deutschland sind die
Lebensmittel seit jeher durch die große Konkurrenz unter Discountern
deutlich billiger als in unseren Nachbarländern, deshalb aber nicht
schlechter. Der Lebensmittelmarkt ist in der Hand der großen Konzerne. Im
Prinzip essen wir heute schon in ganz Europa das Gleiche. Die Qualität wird
dabei immer bescheidener - und dagegen müssen wir uns wehren.






100. Geburtstag
Axel Springer
Branchenbuch Hamburg






Das Rätsel des Tages



