Körperansichten

Der Leonardo da Vinci des UKE

Foto: Sabine Delle

Mit Hans-Jürgen Koch verlässt der letzte anatomische Zeichner das Universitätsklinikum. Jetzt übernimmt moderne Technik seine Arbeit.

Hamburg. Vorsichtig setzt er das Skalpell an. Kein Blut fließt, doch jede Gewebeschicht wird deutlich sichtbar. Gewunden führt die Hauptschlagader ins Herz, den Motor des Lebens. "Das Skalpell ist für mich wie ein Radiergummi, damit kann ich auf der transparenten Folie meine Zeichnungen gut korrigieren", erklärt Hans-Jürgen Koch, dessen Arbeiten wie skurrile Kunstwerke anmuten. Der Bleistift in seinen kräftigen Händen verfolgt die filigranen Blutgefäße und Sehnen, der Körper scheint zum Greifen nah.

Koch ist kein Mediziner. Koch ist anatomischer Zeichner am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). "Früher habe ich Antriebswellen für Maschinen gezeichnet", sagt er schmunzelnd und spitzt seinen Bleistift. Seiner dreidimensionalen Fantasie hat der Zeichner zu verdanken, dass er nicht mehr Maschinen, sondern Körperteile zeichnet. Nach 32 Jahren endet im August seine Arbeit am UKE. Und mit ihm verschwindet ein Berufsbild, das sich nicht mehr in die Welt der modernen Digitaltechnik einfügt.

Als Koch gerade den Abschluss zum Karosseriebauer in der Tasche hatte, wollte der Hamburger Jung erst einmal die Welt erkunden und ließ sich für zwei Jahre als Ingenieurassistent zu Trampschifffahrten – ohne festgelegten Fahrplan und ohne feste Routen – anheuern. "Wenn wir im Hafen lagen, war mein Lieblingsplatz immer am Schornstein des Schiffes, da hatte ich den besten Blick und Ruhe zum Zeichnen." Zurück in Hamburg folgte ein Abstecher in die Klima- und Lüftungstechnik, dem sich der Maschinenbauzeichner als zweite Berufsausbildung anschloss: "Mein Dozent meinte damals, ich hätte wohl besonderes Talent und gab mir den Tipp, dass am UKE ein Zeichner gesucht werde."

Zunächst hatte er mit seinen drei Kollegen auch Diagramme, Grafiken und Statistiken aus der Hand gezeichnet, die zunehmend von der Computertechnik verfeinert und heute komplett übernommen wurden. Aber die Mediziner brauchten weiterhin Kochs detaillierte Körperansichten: Medizinstudenten und Patienten sollten sich genau vorstellen können, wie eine Operation verläuft, wo geschnitten, was entnommen und wie genäht werden muss. "Das kann so sehr ästhetisch dargestellt werden", erklärt Koch den hohen Anspruch an seine Arbeit.

So richtig konnte er sich mit der Computertechnik nie anfreunden. "Macht ihr mal mit Computer, ich mach mit Bleistift", sagte er zu Kollegen. Dass er bei seiner Arbeit oft auf einem Hocker stand, scheint zunächst ungewöhnlich. Doch den Zeichenblock balancierend schaute Koch zugleich auf den OP-Tisch, um aus der Vogelperspektive jeden Handgriff der Chirurgen erkennen, jeden Knochen genau abbilden zu können.

"Erst langsam habe ich mich an diese Anblicke gewöhnt. Aber ich musste ja nicht wie der Arzt operieren, sondern lediglich das, was ich sehe, gut in Bilder umsetzen können", sagt Koch. Heute ist der OP ein Hightech-Raum. Touchscreens und Monitore erlauben den Ärzten jederzeit in hervorragender Bildqualität durch hochauflösende Kamerasysteme ihr Operationsfeld in Großaufnahme zu sehen. Der Grund, warum Koch heute nicht mehr in den OP Saal hinein muss. Filme werden ihm von den Operateuren zur Verfügung gestellt, die er mit ihnen genau analysiert, um zu verstehen, was die Skizzen zeigen sollen. Vor Kurzem hat er den Auftrag bekommen, einen Prostata-Eingriff zu zeichnen: Sechs Seiten hat er skizziert, dabei wurde der Film immer wieder angehalten und Details exakt bildlich und vergrößert dargestellt. Sechs Wochen hat diese Arbeit gedauert.

Für die Rechtsmedizin zeichnete Hans-Jürgen Koch aufgefundene Leichen. So konnten auch die Zeitungen die mörderische Szene darstellen. "Das war schon die gruseligste Arbeit", sagt Koch. Eine Frauenleiche, die neben einer Milchkanne liegt, illustrierte er zum Beispiel für das Buch "Mord im Wendland" – als Dokument der Zeitgeschichte. Andere Bücher, die mit seinen Zeichnungen beim Thieme Verlag erschienen, dienen bis heute als studentische Lehrmittel.

Koch hat es nie bereut, sein Hobby zum Beruf zu machen. In seinem Ruhestand will er sich wieder mehr dem widmen, was er am liebsten zeichnet: "Portraits von schönen Gesichtern". 3-DTechniken mit hochauflösendem Schnittbildverfahren scheinen heutzutage Kochs Talent zu verwässern. Aber: "Was wäre heute die moderne Technik, hätte es nie einen neugierigen und detailgetreuen Beobachter a lá Leonardo da Vinci gegeben?"

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