Technologietransfer

Kartoffelchips im Landeanflug

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Innovative Technik nimmt oft Anleihen. Etwa aus der Raumfahrt oder auch aus der Vergangenheit

Hannover. Rahmen aus Bambus, Felgen aus Holz, Schutzbleche aus Flachsgemisch: Studenten der Technischen Universität (TU) Berlin präsentieren auf der Hannover Messe ein ökologisch korrektes Fahrrad. Es soll zu 90 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen. Projektleiter Thomas Finger betont, dass die zukunftsweisende Idee aus der Vergangenheit stammt: "Schon 1896 hat eine englische Firma Bambus-Räder produziert."

Die TU-Studenten wollen nun in Frankfurt (Oder) belastbare Bambussorten für Radrahmen anpflanzen. Die Reifen sollen später aus Kautschuk bestehen, der aus Löwenzahn gewonnen wird. Das Beispiel zeigt, dass nicht allein in den Entwicklungsabteilungen von Technologieunternehmen Innovationen von nützlichen Alltagsprodukten entstehen. Ein anderer Weg ist der Technologietransfer aus der Raumfahrt. Die europäische Raumfahrtagentur Esa und ihr Technologievermarkter MST Aerospace GmbH präsentieren in Hannover allerlei Errungenschaften, die ihren Weg aus dem Weltraum in die irdische Anwendung gefunden haben.

So gibt es Parallelen zwischen der sicheren Landung eines Raumfahrzeugs und dem Befüllen von Kartoffelchips-Tüten. Ein Hersteller von Verpackungsmaschinen wandte sich an MST Aerospace mit der Entwicklungsaufgabe, Chips deutlich schneller einzutüten, ohne sie zu zerkrümeln. Weiterhelfen konnte die Firma Hyperschall Technologie Göttingen (HTG). Sie erforscht im Windkanal an verschiedenen Modellen von Raumfahrzeugen, wie sich die veränderte Strömung auf Bewegungen, Temperatur und physikalische Eigenschaften der Fahrzeuge auswirkt.

Es stellte sich heraus, dass Erkenntnisse aus dieser Forschung sich auf das Kartoffelchips-Problem anwenden lassen: In beiden Fällen geht es um die optimale Sinkgeschwindigkeit für eine sichere Landung des Objekts. Die Zusammenarbeit mit der Raumfahrtforschung führte zu einer Maschine, die die Chips um 30 bis 50 Prozent schneller verpacken kann als ihre Vorgänger - sie wurde zu einem Verkaufsschlager.

Auch Airbag-Zündungen, Tsunami-Frühwarnsysteme oder feuerfeste Schutzkleidung seien der Raumfahrttechnologie entsprungen, betont die Esa. Und auch Freizeitsportler können von Astronauten profitieren: Ein Schweizer Unternehmen entwickelte ein Gerät, das die Blutsauerstoffwerte von Astronauten im All kontrolliert. Künftig soll eine Weiterentwicklung, eingebettet in einen Ohrhörer, nicht nur die Herzfrequenz, sondern auch Blutsauerstoffwerte auf das Mobiltelefon senden, während Sportler Höchstleistungen vollbringen. Vielleicht auf einem Bambus-Fahrrad.

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