Astronomie

Von Abendstern und Edelstein

Foto: Planetarium Hamburg

Der Sternenhimmel im Juni über Hamburg

Am 20. Juni beginnt auf der Nordhalbkugel unserer Erde der Sommer. Die Sonne steht mittags nun in ihrer Höchststellung des Jahres und bleibt am längsten am Himmel: Nur kurze Zeit verschwindet sie hinter der Erde und der Dämmerschein bleibt die ganze Nacht erhalten, denn die Sonne taucht selbst um Mitternacht weniger als 18 Grad tief unter den Nordhorizont. Erst dann ist der Himmel ausreichend dunkel für den Blick in die Sterne.

Bis Mitternacht leuchtet im Westen der helle "Abendstern" - der kein selbst leuchtender Stern ist, sondern der Planet Venus. Die Venus ist fast so groß wie die Erde und umrundet innerhalb der Erdbahn die Sonne. Zu Monatsbeginn ist sie 191 Millionen Kilometer von uns entfernt - bis zum Monatsende nähert sie sich uns auf 160 Millionen Kilometer und gewinnt damit auch an Helligkeit. Sie überstrahlt alle anderen Gestirne - nur Sonne und Mond leuchten heller!

In einer Linie von Venus nach Südwesten empor sind die beiden Planeten Mars und Saturn angeordnet, die allerdings viel schwächer als Venus leuchten und daher erst bei genügender Dunkelheit zu sehen sind. Mars befindet sich nahe Regulus, dem hellsten Stern im Löwen und Saturn neben Beta Virginis im Sternbild Jungfrau. Die Dreierkette aus Planeten zieht sich zu Monatsbeginn über einen Winkel von 70 Grad. Achten Sie darauf, wie dieser Winkel bis Ende Juni auf 40 Grad schrumpft - vor allem durch die rasche Bewegung der Venus. Vom 14. bis 19. Juni läuft auch der Mond längs dieser Planetenkette und verschönt uns diese Parade der Wandergestirne. Auch die erwähnte Paarung des rötlichen Mars mit dem bläulich-weißen Regulus ist reizvoll: Am 6. Juni zieht Mars knapp zwei Monddurchmesser nördlich an diesem Stern vorbei. Beide Gestirne sind nun etwa gleich hell.

Hoch über unseren Köpfen stehen die sieben Sterne des Großen Wagens - der hellere Teil des viel größeren Sternbildes Großer Bär. Verlängern wir den Bogen der Wagendeichsel, so führt er hoch im Süden zum rötlichen Stern Arktur und weiter nach Südwesten zu Spica, dem bläulich funkelnden Hauptstern des Tierkreissternbildes Jungfrau. Spica und Arktur sind die hellsten Fixsterne des Frühlingshimmels.

Arktur heißt so viel wie "Bärenhüter", denn dieser helle Stern folgt dem Großen Bären auf seinem Weg über den Himmel: Der Stern läuft infolge der Erddrehung hinter dem Sternbild Großer Bär her. Nach Vorstellung der alten Griechen war der nördlichste Teil der Erde nur von Bären bewohnt. "Arktos" heißt Bär und "Arktis" steht für das Land der Bären.

An warmen sommerlichen Abenden verschafft uns heute jedoch selbst der Blick zu Arktur und dem Bären keine Kühlung, denn dies ist ein Blick in eine gnadenlose Hitzehölle! Arktur ist ein 4000 Grad heißer roter Riesenstern - eine Plasmakugel, 70-mal größer und 1200-mal leuchtkräftiger als unsere Sonne. Sie leuchtet aus 37 Lichtjahren Distanz zu uns herunter ...

Hoch im Osten zeigt sich das Sommerdreieck mit den Sternen Wega in der Leier, Deneb im Schwan und in Horizontnähe Atair im Adler. Wega hoch im Osten und Arktur im Süden sind tatsächlich die beiden hellsten Sterne des nördlichen Sternenhimmels. Auf der Verbindungslinie von Arktur ostwärts - hin zur bläulich-weißen Wega stoßen wir auf den halbkreisförmigen Sternenbogen der "Nördlichen Krone" und weiter Richtung Wega auf das trapezförmige Herzstück des Herkules.

Die "Nördliche Krone" - der kleine Halbkreis aus leuchtschwachen, aber dennoch auffälligen Sternen - gehört zu den 48 Sternbildern der antiken Astronomie, die bereits von Ptolemäus erwähnt wurden.

Tatsächlich erinnert diese Sternenfigur an eine Perlenkette. Der hellste Stern heißt auch Gemma, was lateinisch "Edelstein" bedeutet. Er ist eine 78 Lichtjahre von uns entfernte Sonne.

Der griechischen Mythologie nach war die Nördliche Krone die mit Edelsteinen besetzte Krone der Ariadne, die Dionysos an den Himmel versetzte - wo wir sie heute noch sehen können ... Unterhalb der Krone füllt jetzt im Sommer der Schlangenträger (lateinisch "Ophiuchus"), eine ausgedehnte Himmelsregion im Süden. Er zählt sicher nicht zu den populärsten Sternbildern, denn es sind eher lichtschwache Sterne in diesem Sternbild, die wir abends halbhoch über dem Südhorizont finden. Tatsächlich wandern aber sowohl Mond als auch die Sonne und alle Planeten von der Erde aus gesehen durch die südlichsten Teile des Schlangenträgers, der manchmal auch als "13. Tierkreissternbild" bezeichnet wird.

Der Schlangenträger stellt den griechischen Gott "Aesculapius" dar, den Begründer der Medizin und Schiffsarzt der Argonauten. Er konnte sogar Tote wiederbeleben - was Pluto, den Gott der Unterwelt, so stark beunruhigte, dass er Zeus überzeugte, ihn unter die Sterne zu versetzen und ihn damit aus dem Weg zu räumen.

Das Sommerdreieck mit Wega, Deneb und Atair steigt im Laufe der Nacht immer höher. Während die Frühlingssternbilder im Westen untergehen, erreicht das Sommerdreieck gegen 3 Uhr morgens die Südrichtung.

Gegen 2 Uhr morgens taucht im Südosten der Planet Jupiter auf: Wir können ihn gar nicht übersehen, denn er ist der hellste Lichtpunkt. Er steht vor dem Hintergrund des eher sternarmen Tierkreisbildes der Fische.

Während der ersten Monatshälfte bietet uns Jupiter übrigens eine tolle Möglichkeit, den noch viel ferneren Planeten Uranus zu entdecken. Uranus steht dann weniger als ein Grad von dem Riesenplaneten entfernt - also im selben Gesichtsfeld im Fernglas.

Am 6. Juni, am Tag der Konjunktion der beiden Planeten, finden wir den grünlichen und unscheinbaren Lichtpunkt des Uranus sogar weniger als ein halbes Grad nördlich von Jupiter - und darüber noch den abnehmenden Mond! Die zunehmende Morgendämmerung erschwert uns jedoch die Sichtbarkeit des Uranus, der so lichtschwach ist, dass er unter normalen Bedingungen nur mit einem Fernglas oder Fernrohr gesehen werden kann.

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