30.05.12

Aufruf zur Lynchjustiz

Wenn Worte zu Waffen werden - Grenzen im Internet

Wegen eines Aufrufs zur Lynchjustiz muss ein junger Mann aus Emden in Jugendarrest. Doch die Polizei hat noch weitere Internet-Hetzer im Visier.

Foto: dapd
Das Gericht in einem Prozess gegen den wegen Aufrufs zur Lynchjustiz angeklagten 18 Jahre alten Emder
Das Gericht in einem Prozess gegen den wegen Aufrufs zur Lynchjustiz angeklagten 18 Jahre alten Emder

Emden. Der Fall aus Emden machte Schlagzeilen, auch wegen der irritierenden Umstände: Ende März wird ein elfjähriges Mädchen missbraucht und getötet. Wut, Ohnmacht und Verzweiflung erfassen viele Menschen. Die Festnahme eines ersten Verdächtigen heizt die Stimmung in der ostfriesischen Kleinstadt mit 50 000 Einwohnern weiter auf. Dann macht auch noch ein Aufruf zur Lynchjustiz im sozialen Netzwerk Facebook die Runde: "Aufstand! Alle zu den Bullen. Da stürmen wir. Lass uns das Schwein tothauen." Ein Gericht verurteilte den 18 Jahre alten Verfasser des Aufrufs jetzt zu einem zweiwöchigen Jugendarrest.

Es war nur ein kleiner Klick auf dem Handy, und schon rauschte der brisante Eintrag am 27. März auf seine Facebook-Pinnwand. "Ich habe Bockmist gebaut, es tut mir sehr leid", gibt der Auszubildende jetzt reumütig zu. Danach wollte er bekannt werden und sich bei Freunden wichtig machen. Dieses Ziel hat er erreicht, wenn auch anders, als erwartet: Im Blitzlichtgewitter und Scheinwerferlicht der Kameras wird der Prozess für den schmächtigen jungen Mann im dunklen Kapuzenpulli zu einem Spießrutenlauf. Ängstlich verbirgt er sein Gesicht hinter einem Aktendeckel.

+++ Zwei Wochen Dauerarrest für 18-jährigen Emder +++

Bundesweit hatten Ende März viele Medien die Angaben der Polizei aufgegriffen, wonach sich nachts bis zu 50 Menschen vor der Emder Polizeiwache versammelt hatten. Dabei seien auch Rufe nach der Herausgabe eines zu Unrecht Verdächtigten laut geworden. Später ruderte die Polizei zurück: Es sei zu keiner Gewalt gekommen, von einem Lynchmob könne daher keine Rede sein. Es sei auch nicht nachzuweisen, ob die Menge vor der Polizeiwache tatsächlich durch den Facebook-Aufruf oder durch Neugier angelockt wurde.

Doch immerhin gefiel 33 von 923 Facebook-Nutzern die Aufforderung zur Lynchjustiz. "Hier müssten noch etliche andere sitzen, die dem Aufruf gefolgt sind", sagt eine Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe im Prozess. Und es soll noch weitere Internet-Einträge anderer Autoren mit üblem Inhalt gegeben haben. Die Polizei hält sich zu diesen Ermittlungen bedeckt.

Richter Günther Bergholz beunruhigt der offene, leichtsinnige und unüberlegte Umgang von Jugendlichen mit Facebook: "Wir sind in großer Sorge, aber Sie sind sicher nicht der einzige, der Dinge verbreitet, die nicht verbreitet werden dürfen."

Für den Medienrechtsexperten Udo Vetter ist der folgenreiche Lynchaufruf in Emden der Beleg dafür, dass virtuelle und reale Welt längst verschmolzen sind. Doch nicht jedem Internet-User sei bewusst, dass er sich strafbar machen könne, sagt der Düsseldorfer Strafrechtler. Das Internet sei kein rechtsfreier Raum. Die Grenzen der Meinungsfreiheit endeten dort, wo das Strafrecht greift, etwa bei Aufrufen zu Straftaten oder Störung des öffentlichen Friedens. Letztlich sei es Pflicht des Staates und der Eltern, Medienerziehung zu betreiben. (dpa)

Mord an elfjähriger Lena - die Chronologie
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Sonnabend, gegen 17.00 Uhr: Das Mädchen und ein gleichaltriger Freund brechen zu Hause mit ihren Fahrrädern auf. Sie wollen Enten füttern in den Emder Wallanlagen.
Sonnabend 17.30 bis 19.00 Uhr: Die Kinder halten sich im Bereich des Parkhauses neben einem Kino auf. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Junge während des Verbrechens nicht dabei war. Er läuft nach Hause und informiert seine Mutter, dass er seine Freundin verloren hat. Diese verständigt die Eltern des Mädchens. Bei der Suche im Parkhaus entdeckt ein Wachmann die Leiche.
Sonnabend, 19.30 Uhr: Die Polizei wird alarmiert und untersucht den Tatort. Das tote Mädchen wird zur Obduktion in die Gerichtsmedizin nach Oldenburg gebracht. Die Polizeiinspektion Leer/Emden richtet die Mordkommission "Parkhaus" mit 40 Beamten ein.
Sonntag, 17.46 Uhr: Die Polizei verbreitet eine erste Pressemitteilung über das Verbrechen.
Montag, 18.00 Uhr: Rund 1500 überwiegend junge Menschen treffen sich nach Aufrufen im Internet auf dem Emder Bahnhofsvorplatz zu einer Schweigeminute. Anschließend legen sie Blumen vor dem Parkhaus nieder und zünden Kerzen an.
Dienstag, gegen 19.00 Uhr: Die Polizei nimmt einen 17 Jahre alten Emder in der Wohnung seines Vaters fest. Noch am selben Abend wird er vernommen – der junge Mann legt kein Geständnis ab.
Mittwoch, gegen 18.45 Uhr: Das Amtsgericht Emden erlässt Haftbefehl gegen den Berufsschüler.
Donnerstag, 12.00 Uhr: Die Ermittler informieren auf einer Pressekonferenz über den bisherigen Ermittlungsstand.
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