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Vorruhestand

Foto: Hendrik Jonas

Wer nicht bis zu seinem regulären Rentenbeginn warten will, hat verschiedene Möglichkeiten, vorzeitig in Ruhestand gehen. Am besten fährt man mit der Altersteilzeit.

Drei Möglichkeiten gibt es, um vorzeitig in die Rente zu starten: den Vorruhestand, Altersteilzeit und Lebensarbeitszeitkonten. Die letztgenannte Variante, bei der ein Mitarbeiter über Jahre seine Überstunden ansparen kann, um sie vor seinem regulären Rentenbeginn, "abzufeiern", wird bislang noch am wenigsten genutzt. "Doch seit einer Gesetzesnovelle im Jahr 2009 erfreuen sich Zeitwertkonten wachsender Beliebtheit", sagt Carlos Drescher, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Hamburg. Die Novelle hat etwa dafür gesorgt, dass die Konten gegen eine Insolvenz des Arbeitgebers abgesichert sind. Wenn überhaupt sind es allerdings in der Regel Großunternehmen, die ihre Mitarbeiter Lebensarbeitszeitkonten führen lassen, so dass das Modell für die meisten Berufstätigen noch keine Option ist.

Dafür aber Vorruhestand und Altersteilzeit. Beides sind enorm beliebte Modelle – bei Mitarbeitern wie Unternehmen gleichermaßen: Die meisten Beschäftigten wollen gern möglichst früh aus dem Job ausscheiden, viele Arbeitgeber interessiert die Möglichkeit, auf sozial verträgliche Art Personal abzubauen. Der große Unterschied zwischen den Modellen: Wer in den Vorruhestand will, beantragt ihn bei seinem zuständigen Rentenversicherungsträger. Wer die Altersteilzeit anpeilt, spricht als erstes sein Unternehmen an, konkret den Vorgesetzten, die Personalabteilung oder den Betriebsrat. "In der Regel wird das Angebot sogar vom Unternehmen an den Beschäftigen herangetragen", erklärt Annette Fresdorf, Expertin der Rentenberatung Murmann in Norderstedt. "Und die Mitarbeiter nehmen es gern an, weil sie ihren Gewinn an Freizeit und Lebensqualität sehen."

Einbußen beim Vorruhestand

Ob der Vorruhestand das richtige Modell für einen Mitarbeiter ist, bespricht dieser am besten mit seinem Rentenversicherungsträger, in Hamburg sind das die Deutsche Rentenversicherung (DRV) Nord, die DRV Bund oder die DRV Knappschaft-Bahn-See. Die Berater informieren, in welchen Fällen eine vorgezogene Altersrente überhaupt infrage kommt. Möglich ist sie unter Umständen für sogenannte langjährige Versicherte (mindestens 35 Jahre) und Frauen, die Jahrgang 1951 oder älter sind. Auch Arbeitslose, die mindestens 63 Jahre alt sind und 1952 oder früher geboren wurden, gehören zu den potenziellen Vorruheständlern.

Der Makel des Vorruhestands – außer bei Schwerbehinderten und unter gewissen Bedingungen bei den sogenannten besonders langjährigen Versicherten (mindestens 45 Jahre): "Er führt zur Kürzung der Rente", erklärt Anwalt Carlos Drescher. "Und zwar in Höhe von 0,3 Prozent für jeden Monat, den man vorzeitig im Ruhestand verbringt." Das sei unter Umständen nicht wenig, sagt Drescher, und rechnet vor: Wer regulär eine Altersrente von 1000 Euro erhalten würde und sich drei Jahre (= 36 Monate) früher aus dem Arbeitsleben verabschiedet, hat eine gut zehn Prozent (36x0,3) niedrigere Rente. "900 statt 1000 Euro", sagt Drescher. "Und das bis ans Lebensende. Solche Einbußen kommen für viele überhaupt nicht infrage." Darum hält der Arbeitsrechtler die Altersteilzeit für das vielfach vernünftigere Modell.

Altersteilzeit meist im Blockmodell

Wie bei den Lebensarbeitszeitkonten ist auch die Altersteilzeit ein Modell, das hauptsächlich in größeren Unternehmen angeboten wird, wie Rentenberaterin Annette Fresdorf festgestellt hat. Bedingung ist eine bestimmte Firmengröße allerdings nicht. Organisatorisch und finanziell stecken größere Arbeitgeber die Altersteilzeit einfach nur besser weg. "Denn bietet man sie einer Reihe von Mitarbeitern an, muss man sie nach dem Gleichbehandlungsgrundsatz auch allen anderen ermöglichen", sagt Carlos Drescher. Wer eine kleine Firma mit spezialisierten Mitarbeitern führt, werde es wahrscheinlich eher vermeiden, die Abwanderung seiner Leute auf diese Art zu fördern.

Voraussetzungen für die Altersteilzeit gibt es quasi keine – außer, dass der Mitarbeiter mindestens 55 Jahre alt sein muss. "Ansonsten müssen sich einfach nur Arbeitgeber und Arbeitnehmer einig sein", sagt Annette Fresdorf. Vor allem, was die Länge der Altersteilzeit angeht. "Theoretisch können das bis zu zwölf Jahre sein", erklärt die Rentenberaterin. "Es sind aber auch ganz kurze Zeiten möglich." Am populärsten sei eine Laufzeit von fünf bis sechs Jahren.

Ob man während der Altersteilzeit einen Nebenjob ausüben darf, liegt beim Arbeitgeber. "Schließlich ist man auch dann noch regulär angestellt", sagt Anwalt Drescher. "Wenn Nebentätigkeiten laut Arbeitsvertrag genehmigungspflichtig sind, muss man sich daran halten."

Weitere Spielregeln leiten sich aus dem Altersteilzeitgesetz ab, etwa, dass es zwei Versionen gibt: das Block- und das Gleichverteilungsmodell. "Die Block-Variante ist die heute fast ausschließlich genutzte Form", erklärt die Rentenberaterin: "Dabei bekommt man über die gesamte vereinbarte Zeit, zum Beispiel vier Jahre, sein halbes Gehalt zuzüglich einer Aufstockung durch den Arbeitgeber. Dafür arbeitet man in den ersten zwei Jahren weiterhin Vollzeit, in den letzten beiden Jahren überhaupt nicht mehr." Beim Gleichverteilungsmodell dagegen arbeitet der Beschäftigte über den vollen Zeitraum nur 50 Prozent – ebenfalls bei halbem Gehalt über die gesamte Strecke.

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