13.09.12

In der Fremde

Migranten sind doppelt so häufig psychisch krank

Einsamkeit, Heimweh, Sprachprobleme oder Arbeitslosigkeit zählen mit zu den Ursachen. Fachleute fordern mehr Hilfe in Muttersprache.

Foto: picture alliance / Frank May/picture alliance
Depression
Eine Frau steht am Ufer eines Sees (Symbolbild)

Berlin. Von Depression bis Schizophrenie: Migranten leiden fast doppelt so häufig unter psychischen Erkrankungen wie der Bevölkerungsdurchschnitt und sind nach Ansicht von Fachärzten zudem medizinisch schlechter versorgt. Vor allem Sprach- und Kulturprobleme führten dazu, dass Fehldiagnosen gestellt, Medikamente falsch eingenommen oder Therapien sogar komplett vorenthalten würden, kritisierte Prof. Wolfgang Meier (Uniklinik Bonn) am Mittwoch auf einem Symposium der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin. Mehr kulturelle Öffnung im Gesundheitswesen sei dringend erforderlich.

"Wir brauchen nicht nur dringend mehr muttersprachliche Therapeuten, sondern vor allem auch fachlich geschulte Dolmetscher für die Kliniken", forderte Maier. Bislang gebe es die kaum, weil die Krankenkassen sie nicht bezahlten. "Dann behilft man sich notgedrungen mit Angehörigen oder dem Bettnachbarn, aber das ist ja nicht dasselbe", berichtet Meryam Schouler-Ocak (Charité Berlin). Sie forscht seit Jahren zum Thema Migration und Krankheit und nennt Risikofaktoren für die hohe Zahl der Erkrankungen: Einsamkeit, Heimweh, Sprachprobleme, Arbeitslosigkeit, schlechte Bildung und Wohnverhältnisse sind nur einige davon. Häufig suchten Betroffene auch viel zu spät ärztliche Hilfe – aus Scham, Unwissenheit, oder auch deshalb, weil in ihrer Herkunftskultur ihr Leiden nicht als Krankheit gilt.

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Belastbare Zahlen über die unterschiedlichen Auswirkungen auf Männer und Frauen gibt es bislang kaum. "Es scheint sich aber abzuzeichnen, dass Frauen insgesamt belasteter sind", sagte Iris Callies (Uniklinik Hannover). Bekannt ist, dass die Suizidrate unter jungen Türkinnen doppelt so hoch ist wie im Durchschnitt ihrer Altersgruppe. Ältere Türkinnen leiden deutlich häufiger unter somatisierten Beschwerden, also Magen- oder Kopfschmerzen, für die es keine körperlichen Ursachen gibt. Und bei jungen Männern aus Osteuropa führen vor allem starke Suchtprobleme zu einer hohen Zahl von Selbsttötungen.

Seit den 90er Jahren gebe es die Forderung, dass Einrichtungen und Kliniken eine interkulturelle Checkliste erfüllen, wozu neben mehr Personal nichtdeutscher Herkunft auch ein Migrantenverantwortlicher als Ansprechpartner gehört. Doch bislang scheitere dies vor allem am Geld, kritisierten die Ärzte. "Dabei werden nichtbehandelte Erkrankungen chronisch und dann erst recht teuer", sagt Schouler-Ocak. Schon heute seien Migranten deshalb häufiger arbeitsunfähig oder in Frührente.

In Deutschland leben 15,7 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, was etwa einem Fünftel der Bevölkerung entspricht. Die meisten von ihnen (16 Prozent) kommen aus der Türkei.

(dpa)
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