06.09.12

Geburten in Deutschland

Kaiserschnitt oder natürliche Geburt: Mehr als Lifestyle-Frage

Jedes dritte Kind kommt per Kaiserschnitt zur Welt. Krankenkassen schlagen Alarm. Frauen müssen sich sogar rechtfertigen. Dabei gibt es meist gute Gründe.

Foto: picture alliance / ZB/dpa-Zentralbild
Ein Kaiserschnitt in der Frauenklinik der Universität in Leipzig (Symbolfoto)
Ein Kaiserschnitt in der Frauenklinik der Universität in Leipzig (Symbolfoto)

Köln. Beim letzten Ultraschall kam die Hiobsbotschaft: "Ihr Baby liegt falsch. Das wird wohl ein Kaiserschnitt." Andrea H. aus Köln wünschte sich aber unbedingt eine natürliche Geburt. Und so versuchte sie sämtliche Tricks, um das Baby zum Drehen zu bewegen: "Ich habe es mit Yoga-Stellungen, Homöopathie und Reflexologie probiert, mein Mann hat meine Zehen mit Moschusstäbchen bedampft und sogar mit einer Taschenlampe am Bauch herumgeleuchtet, weil Babys wohl oft dem Licht folgen." Doch nichts half. Der kleine Jasper Gideon kam schließlich per Kaiserschnitt zur Welt.

Bei etwa 32 Prozent aller Krankenhausentbindungen wird in Deutschland ein Kaiserschnitt vorgenommen. Bei dem auch "Sectio" genannten Eingriff wird das Baby durch einen Querschnitt im Unterleib der Mutter operativ aus der Gebärmutter geholt. Die Häufigkeit solcher Schnittentbindungen hat stark zugenommen – 1995 lag ihr Anteil noch bei 18 Prozent. Kritiker vermuten, dass dies nicht nur auf medizinische Notwendigkeiten zurückzuführen ist, sondern dass insbesondere auch die Zahl der Wunschkaiserschnitte angestiegen ist.

Krankenkassen schlagen mittlerweile Alarm, weil eine Sectio mit deutlich höheren Kosten verbunden ist. "Wir teilen die Sorge, dass statt des Wohles von Mutter und Kind als alleinigem Entscheidungskriterium andere Beweggründe für einen Kaiserschnitt wichtiger werden", sagt etwa Rolf-Ulrich Schlenker von der Barmer-Krankenkasse.

Viele Frauen müssen sich heutzutage für einen Kaiserschnitt rechtfertigen: Man wirft ihnen vor, eine bequeme "Lifestyle"-Entscheidung zu treffen, sie seien "too posh to push", zu fein zum Pressen. Doch Markus Valter, Leitender Oberarzt der Geburtshilfe in der Frauenklinik am Uniklinikum Köln, hält das nicht für gerechtfertigt: "Ich habe nur ganz selten Patientinnen, die ihren Kalender zücken und den Termin optimal einplanen wollen."

In der Regel gebe es sehr gute Gründe für einen Kaiserschnitt , sagt Valter. Wenn etwa das Kind quer liege oder aufgrund eines Schwangerschaftsdiabetes der Mutter zu groß für den Geburtskanal sei. "Oder es gibt anatomische Gründe bei der Mutter: Eine zierliche Frau von 1,45 m kann schlecht ein 4,2-Kilo-Kind vaginal zur Welt bringen", sagt er.

Oft müsse es auch einfach schnell gehen: Wenn sich etwa plötzlich die Herztöne des Kindes verschlechterten. "Oder wenn die Patientin eine Schwangerschaftsvergiftung, eine sogenannte Gestose mit besonders schwerem Verlauf entwickelt, denn dann besteht akute Lebensgefahr, und dann kann sogar jede Minute zählen."

Viele, die ohne medizinischen Grund einen Kaiserschnitt wollen, haben Angst vor der Geburt – vor allem vor den Schmerzen. Valter nimmt sich dann Zeit, um ihnen ihre Ängste zu nehmen und die Vorteile einer natürlichen Geburt zu erläutern. "Bei einer vaginalen Geburt werden die Kinder durch das Pressen viel besser auf das eigenständige Atmen vorbereitet. Ein Kaiserschnittkind atmet häufig schlechter und hat ein höheres Risiko, deshalb auf der Intensivstation zu landen."

Edith Wolber vom Deutschen Hebammenverband glaubt, dass sich viele Frauen einfach aus Unsicherheit einen Schnitt wünschen: "Heute wissen viele Frauen nicht mehr viel von der Geburt. Durch eine intensive Betreuung während der Schwangerschaft können ihnen ihre Ängste genommen werden."

Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation hat ergeben, dass bei Frauen, die intensiv durch eine Hebamme betreut werden, viel seltener bei der Geburt interveniert wird. "Zudem wissen die meisten nicht, dass die Schmerzen bei der Sectio dann nach der Geburt kommen", sagt Wolber. Andrea H. kann das bestätigen: "Klar, der Kaiserschnitt selbst ist natürlich absolut schmerzfrei. Aber kurz danach setzen die Schmerzen dann ein."

Im Juni hat bereits der Arbeitskreis Frauengesundheit, eine Initiative von Medizinerinnen, Wissenschaftlerinnen und Gesundheitspolitikerinnen, dazu aufgerufen, Kaiserschnitte auf das medizinisch notwendige Maß zu beschränken. Weltweit nähmen Kliniken bei einem Kaiserschnitt mehr Geld ein als bei einer spontanen Geburt, gibt der Arbeitskreis zu bedenken. Zeitdruck und eine fehlende kontinuierliche Betreuung durch Hebammen führten zu vorschnellen Entscheidungen. Hinzu kommt die haftungsrechtliche Situation: Mit einem Kaiserschnitt seien die Geburtshelfer "immer auf der sicheren Seite".

Markus Valter ist fest davon überzeugt, dass eine vaginale Geburt für Mutter und Kind besser ist. Allerdings muss er eines zugeben: Wenn bei einer vaginalen Geburt etwas absolut schiefgeht, dann können die Folgen manchmal sehr schwerwiegend sein, vor allem für das Kind. "Beim Kaiserschnitt ist das dagegen sehr selten."

Hintergrund Kaiserschnitt
Der Kaiserschnitt verdankt seinen Namen letztlich Julius Caesar. Der Legende nach soll der spätere römische Imperator durch einen Kaiserschnitt auf die Welt gekommen sein. In der Deutung von Plinius ist "Caesar" von "der aus dem Mutterleib Geschnittene" abgeleitet ("caedare" = schneiden). Aus "Caesar" entwickelte sich der Begriff Kaiser, so wurde später aus dem "cäsarischen Schnitt" der Kaiserschnitt.
Dass Caesar wirklich per Schnittentbindung zur Welt kam, ist höchst unwahrscheinlich. Seine Mutter Aurelia soll sich noch Jahre später bester Gesundheit erfreut haben. Nach altem römischen Recht wurde jedoch Müttern, die die Geburt nicht überlebten, das Kind aus dem Leib geschnitten, um das Überleben des Nachwuchses oder eine getrennte Beerdigung von Mutter und Kind zu ermöglichen.
Bis ins 19. Jahrhundert führten Kaiserschnitte meist zu einem qualvollen Tod der Mutter. Die erste bekannt gewordene erfolgreiche "Sectio caesarea" an einer Lebenden soll um 1500 in der Schweiz durchgeführt worden sein.
Den ersten für Mutter und Kind erfolgreichen Kaiserschnitt in Deutschland nahm Jeremias Trautmann 1610 in Wittenberg vor. Mittlerweile kommt in Deutschland immer mehr Babys auf diesen Weg zur Welt. Dank schonender Methoden können Mutter und Kind das Krankenhaus meist schon nach wenigen Tagen verlassen.
Quelle: dpa
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