02.08.12

Medizin

Erste Gentherapie in Deutschland vor Zulassung

Verfahren kann ein Segen für Menschen mit unheilbaren Krankheiten sein. Todesfällen haben aber große Vorbehalte gegen Behandlung geweckt.

Foto: dpa/DPA
Mustaf  (zwischen Adrian Thrasher (l.) und Bobby Gaspar (r.) im Great Ormond Street Hospital in London) wurden blutbildende Stammzellen aus dem Knochenmark entnommen, in die intakte Gene für das Immunsystem übertragen wurden. Die so behandelten Zellen wurden wieder zurückverpflanzt. Bei dem Jungen ist zuvor der schwere Immundefekt SCID diagnostiziert worden
Mustaf (zwischen Adrian Thrasher (l.) und Bobby Gaspar (r.) im Great Ormond Street Hospital in London) wurden blutbildende Stammzellen aus dem Knochenmark entnommen, in die intakte Gene für das Immunsystem übertragen wurden. Die so behandelten Zellen wurden wieder zurückverpflanzt. Bei dem Jungen ist zuvor der schwere Immundefekt SCID diagnostiziert worden

Berlin. Sie klingt nach einem Wundermittel für unheilbar kranke Menschen: die Gentherapie. Doch Todesfälle und schwere Nebenwirkungen in klinischen Studien haben der Faszination für eine verheißungsvolle Medizin schwere Dämpfer versetzt – obwohl es bei anderen Behandlungsmethoden auch Rückschläge gibt. Nun steht in der Europäischen Union das erste Mal eine Gentherapie vor der Zulassung. Sie soll gegen die seltene Fettstoffwechsel-Krankheit Lipoproteinlipase-Defizienz (LPLD) helfen, die maximal zwei unter einer Million Menschen trifft. Es wäre die erste Gentherapie, die auch in Deutschland zugelassen würde, sagt Susanne Stöcker, Sprecherin des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts in Langen.

Noch ist der komplizierte EU-Verfahrensweg aber nicht ganz beschritten. Zwar hat das Medikament "Glybera" (Alipogen Tiparvovec) die größte Hürde genommen und am 19. Juli den Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) bei der EU-Arzneimittelbehörde EMA nach langen Beratungen überzeugt. Mit Vertretern aus allen EU-Staaten besetzt, empfiehlt er nun eine Marktzulassung. Die Entscheidung über diese Zulassung aber fällt innerhalb von maximal drei Monaten die EU-Kommission. In der Regel richtet sie sich nach den Empfehlungen.

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Einfach ist die Entscheidung trotzdem nicht. Da LPLD so selten ist, konnte die Therapie bisher in drei klinischen Prüfungen nur an 27 Menschen getestet werden. Sie sei dabei gut vertragen worden, berichtet der niederländische Hersteller "uniQure". Über den Preis ist noch nichts bekannt – außer, dass er wegen der Entwicklungskosten hoch sein wird. "Menschen mit LPLD fehlt ein Enzym. Deshalb können Fette aus der Nahrung nicht richtig verarbeitet werden", erläutert Hildegard Büning, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gentherapie. Patienten litten an Bauchschmerzen, Einlagerung von Fett in die Haut (Xanthome) und Entzündungen der Bauchspeicheldrüse. Sie müssten eine strenge Diät einhalten. Doch eine Ernährung ohne Fette ist kaum möglich. "Das ist eine sehr ernste Erkrankung", berichtet Büning.

Gentherapien können Körperzellen mit Fehlfunktionen durch das Einschleusen "korrekter" Gen-Einheiten dauerhaft helfen. Nach diesem Grundprinzip arbeitet auch das neue Medikament "Glybera". Es beruht auf einem entschärften Virus, das statt seiner eigenen Erbinformation nun die Information für die korrekte Version des Lipoproteinlipase-Gens in Zellen von Patienten einbringt. Die Rückschläge bei früheren Gentherapien macht das nicht vergessen. 1999 starb in den USA der 18-jährige Jesse Gelsinger, der an einer Harnstoffzyklus-Störung litt, nach der Gabe eines ähnlichen Gentaxis. Vermutlich versagten mehrere Organe aufgrund einer Immunreaktion.

Hoffnung versprach die Gentherapie auch für Kinder, die praktisch ohne Immunsystem auf die Welt kamen (SCID). Ihre einzige Lebenschance ohne Therapie ist ein hermetisch abgeriegeltes Quarantäne-Zelt oder ein Ausflug in einer Art Raumanzug. Gentherapien hatten bei diesen sogenannten Bubble-Babys anfangs großen Erfolg. Das Immunsystem kam in Schwung, SCID-Kinder konnten plötzlich leben wie andere Kinder auch. Doch einige Jahre später kam es bei einigen Patienten zu Leukämien, ein Kind starb daran. Es ist der Zwiespalt, in dem sich Forscher immer noch sehen. Da es erst wenig Erfahrungen mit Gentherapien gibt, weiß niemand, ob die eingeschleusten Gene nicht auch Zellen in einer Weise verändern, die nicht beabsichtigt ist – und damit Krebs Vorschub leisten.

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Es sei die Frage, wie hoch der Preis für einen Therapieerfolg ist, sagt Stöcker. Was kann man tolerieren? "Bei Kindern, die bisher in einem Ballon leben mussten und durch eine Gentherapie die Chance auf ein normales Leben haben, wird das Risiko der Leukämie anders einzuschätzen sein." Leukämien im Kindesalter seien oft behandelbar, manchmal heilbar. Und neuere Versionen der ins Erbgut eingebauten Gentaxis seien nach bisherigen Analysen mit einem geringeren Krebsrisiko verbunden. Eine zugelassene SCID-Gentherapie gibt es trotzdem noch nicht.

Einzig China hat laut Büning 2004 eine Gentherapie zugelassen - allerdings gegen Hals- und Kopftumoren. Es basiere auf einem Virus, das sich in der Tumorzelle vermehre und sie dadurch töte. Und die Erfahrungen? "Uns liegen bisher wenige Informationen vor", ergänzt die Expertin. China hält sich wie so oft bedeckt. Dennoch würde die Gentherapie-Gesellschaft eine zugelassene Gentherapie in der EU gern sehen. "Das wäre auf jeden Fall ein positives Signal", sagt Büning. Die Genfähre, die "Glybera" nutze, habe sich in anderen klinischen Studien bewährt – bei der Behandlung von Blutgerinnungsstörungen oder vererbten Formen von Erblindung.

Bioethiker sehen das kritischer. Die Gentherapie sei nach den Rückschlägen der Vergangenheit in einem sehr experimentellen Stadium, sagte Hille Haker von der Universität Frankfurt (Main) der "Frankfurter Rundschau". Die Therapien hätten sich als nicht kontrollierbar erwiesen. Und Nikola Biller-Andorno, Direktorin des Schweizer Instituts für Biomedizinische Ethik, wandte gegenüber der Zeitung ein, dass es bei LPLD – anders als zum Beispiel bei SCID - therapeutische Alternativen wie eine Diät gebe. Gesetzlich gebe es in Deutschland bei Gentherapien eine entscheidende Grenze, betont Stöcker. Sie dürfen nicht bei Ei- oder Samenzellen genutzt werden. Denn damit könnte es zu einer Vererbung kommen, mit unkalkulierbaren Folgen.

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