10.01.13

Drogenpolitik

Hamburger Suchtforscher fordert Heroin auf Kassenkosten

Der Weg für künstliches Heroin auf Kassenkosten ist frei. Doch bis heute bekommen Tausende Süchtige nichts. Nun soll sich etwas ändern.

Von Janina Beuscher und Basil Wegener
Foto: dpa
Diamorphin-Abgabe
Eine Ärztin zieht bei einem Heroin-Projekt eine Spritze mit dem Wirkstoff Diamorphin (reines synthetisch hergestelltes Heroin, Handelsname Diaphin) auf

Karlsruhe/Berlin. "Ich komme bereits seit zehn Jahren hier her, um mich zu spritzen." Der Mann wirkt fahrig und nervös. Zweimal am Tag geht er zur Ambulanz der Arbeiterwohlfahrt in Karlsruhe, um sich das künstliche Heroin unter ärztlicher Aufsicht selbst zu injizieren. Es war ein jahrelanger Streit, bis der Bundestag den Weg zu Diamorphin auf Kassenkosten auf Dauer freimachte. Doch hohe Hürden machen den Rettungsanker für viele Suchtkranke unerreichbar. Kommende Woche sollen die Regeln verändert werden.

Weitere Diamorphin-Ambulanzen gibt es in Bonn, Frankfurt/Main, Hamburg, Hannover, Köln und München. Sie alle waren schon bei dem Modellprojekt dabei, das Basis war für den Parlamentsbeschluss im Mai 2009.

Experten, Vertreter von Ländern und Drogenambulanzen kritisieren zu strenge Bedingungen für die Einrichtungen und ihre Teilnehmer. "In den Brennpunkten und größeren Städten sollte Diamorphin zur Verfügung gestellt werden", fordert der Hamburger Suchtforscher Uwe Verthein, der die Erfahrungen der Ambulanzen ausgewertet hat.

"Krankenkassen und Kassenärzte haben die Rahmenbedingungen für die Diamorphintherapie in der Vergangenheit unnötig verschlechtert", kritisiert der Grünen-Drogenpolitiker Harald Terpe. Im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) entscheiden sie mit über die Bedingungen für die Diamorphin-Abgabe.

Baden-Württembergs Gesundheitsministerin Katrin Altpeter (SPD) meint, die Vorgaben für Arztstellen und die Abgabe ausschließlich als Injektion machten neue Einrichtungen quasi unmöglich. Kommenden Donnerstag will der maßgebliche G-BA über Erleichterungen entscheiden. Die Hoffnung auf durchgreifende Änderungen ist bei den Kritikern gering.

Die Karlsruher Einrichtung leitet Joachim Holzapfel. Er moniert, das Diamorphin und die Räume müssten speziell gesichert, geschultes Personal müsse eingestellt werden. "Die Behandlung eines Diamorphin-Patienten kostet laut Studien auch aufgrund der Vorschriften ungefähr 18 000 Euro im Jahr." Die Kosten werden aus Sicht der Kritiker unnötig in die Höhe getrieben, um neue Angebote zu vereiteln.

Gut 400 Patienten sind derzeit bundesweit in der Diamorphinbehandlung. "Wir gehen von einem Bedarf für rund 1500, höchstens 3000 Patienten aus", sagt Verthein. Erstmals sollen in den kommenden Jahren nun neue Ambulanzen entstehen, in Berlin und Stuttgart.

Zwar gibt es mit rund 80 000 weit mehr Menschen, die den Ersatzstoff Methadon erhalten. Doch die Erfahrungen sind laut Verthein nicht bei allen gut. Beeindruckend seien die Erfolge bei denjenigen, die eine stark geregelte Diamorphin-Behandlung mitmachen. "Die Lebensqualität steigt, der Gesundheitszustand verbessert sich, die soziale Situation wird stabiler."

Die SPD wirft der Bundesregierung vor, sich einer offiziellen Auswertung der Erfahrungen und möglicher Verbesserungen bisher zu verweigern. "Das scheint mir auch etwas mit Ideologie zu tun zu haben, denn die Union war ja immer gegen die Regelversorgung", sagt Suchtexpertin Angelika Graf. Tatsächlich wurde im Bundestag die Abstimmung damals freigegeben, CDU/CSU waren gegen die Freigabe.

Heute gilt für die einzelnen Teilnehmer eine Mindestabhängigkeit von fünf Jahren. "Könnte eine Diamorphinsubstitution früher einsetzen, müssten die Abhängigen nicht erst so tief abrutschen", sagt Verthein. Diamorphin muss zudem gespritzt werden – dabei sind bei vielen die Venen kaputt.

Grünen-Experte Terpe fordert eine bessere Behandlung der Opiat-Abhängigkeit insgesamt. Bei den Methadonprogrammen gebe es zu viele Vorgaben, auf dem Land kaum Angebote, im Strafvollzug vielerorts gar keine. "Es können sogar Leben gerettet werden."

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