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Extra-Journal

Essay: Für Ernst Elitz ist jeder bessere Zeitungskiosk eine kleine Volksuniversität

Die Regionalzeitung ist die Visitenkarte ihrer Stadt

Sie ist das Erlebnis der Nahwelt. Sie macht die Stadt lebendig. Ihre Journalisten decken Senatsintrigen und Missstände auf. Die Regionalzeitung ist die Königsdisziplin des Journalismus. Die Liebeserklärung eines leidenschaftlichen Zeitungslesers.

Berlin. Wie schön, dass es Zeitungen gibt. Ich bin ein begeisterter Zeitungsleser. Ich lese im Strandkorb oder lümmele mich auf dem Sofa, ich lese am flackernden Kamin oder eingeklemmt in einen Flugzeugsitz. Ich ziehe beim Frühstück die Zeitungslektüre der Nachrichtenaufnahme am Computer vor, denn der reagiert allergisch auf Vielfruchtmarmelade und verschütteten Milchkaffee. Er verlangt, dass wir ihm schon mit unserer Körperhaltung Respekt erweisen. Die Zeitung nötigt uns keine Hab-acht-Stellung ab. Sie passt sich dem Leser an. Und so lesen wir stehend im schwankenden Bus oder an der Bahnsteigkante. Selbst ein Blick auf die Schlagzeile, die der Nachbar buchstabiert, macht uns fit für das Gespräch in der Mittagspause. Im Zugabteil erkennen wir schon an der Lektüre der Nachbarin, ob ein Flirt reizvoll sein könnte. Die Zeitungslektüre hat schon Ehen gestiftet und gehört schon deshalb bei Koalitionsverhandlungen auf die Agenda zum Thema Familienpolitik. Zur Bildungspolitik gehört sie allemal.

In meiner Bildungsbiografie spielt die Zeitung eine entscheidende Rolle. Als meine Mutter wieder einmal des vielen Vorlesens überdrüssig war, ließ sie mich wissen: Hoffentlich kommst du bald in die Schule, damit du selber lesen lernst! Die Ermahnung trug Früchte. Ich lernte im Eiltempo lesen und war fasziniert von dem täglich neuen Gedruckten, das auf Zeitungsseiten ins Haus flatterte. So begann ich im zarten Alter von sechs Jahren Zeitung zu lesen. Ich weiß nicht, was ich verstanden habe, aber das Faszinosum Zeitung blieb für mich ungebrochen. Die Zeitung ist mein treuer Gefährte.

Deutschland ist Leseland. Wenn auch die Schulen Analphabeten entlassen und das Internet auf die junge Generation magnetische Anziehungskräfte entfaltet, bietet die Statistik des gedruckten Worts noch immer ein Ergebnis, so stolz, dass uns andere Länder beneiden. In Deutschland verbreiten 354 Tageszeitungen mit 1512 Lokalausgaben und 47 Millionen Lesern, 2450 Publikums- und 3780 Fachzeitschriften (250 Millionen Leser) Fakten und Kommentare tonnenweise.

Jeder bessere Zeitungskiosk ist eine Volksuniversität. Dort, wo der Zeitungsmacher sich täglich die legendäre Frage des Abendblatt-Gründers Axel Springer stellt: Wie zwinge ich den Passanten "bei Regen, bei Wind und Wetter, bei schlechter Laune, guter Laune, bei Gesprächen, bei Gedanken im Kopf stehenzubleiben" und nach der Zeitung zu greifen? - überall dort feiert die Zeitung bis heute ihre Erfolge als Informationsmedium und Welterklärer, als Stimmungsaufheller und Ladestation für neue Ideen.

Das Fernsehen hat sich in Hunderte von Kanälen aufgesplittet. Das gemeinsame Bildschirm-Erlebnis, das für Gesprächsstoff im Kollegenkreis sorgt, ist passe. Jeder schaut abends ein anderes Programm. Am Zeitungskiosk gibt es für jedes Hobby und jeden Geschmack ein Spezialmagazin, dazu Wochenblätter für jede Weltanschauung. Nur die Regionalzeitung spricht unabhängig von Beruf oder Bildungsstandalle an. Sie ist das letzte Integrationsmedium in einer Gesellschaft mit vielen Brüchen.

Die Probe aufs Exempel lässt sich beim nächsten Arztbesuch machen: Die Zeitung liegt bei der Sprechstundenhilfe zwischen PC und Telefon; der Doktor hat das Blatt schon zum Frühstück gelesen; und die Patienten im Wartezimmer schauen genervt auf die Uhr und schlagen die nächste Seite auf. Das ist Alltag. Aber in jeder Stadt gibt es Viertel, die diesem Bild nicht mehr gleichen. Wo Deutsch keine Umgangssprache ist, ist auch für die Zeitung verlorenes Terrain. Kindergarten, Schul- und Integrationspolitik sind schon deshalb Kernthemen jeder Redaktion, die will, dass ihre Zeitung auch in künftigen Generationen noch Leser findet.

Die Zeitung ist das Erlebnis der Nahwelt, sagt der Medienwissenschaftler. Sie schreibt Stadt-Geschichten und macht die Geschichte der Stadt lebendig. Sie will wissen: Was läuft falsch im Bildungssystem? Sie macht die Sorgen der Bürger vor Überfällen und Wohnungseinbrüchen zum Thema. Sie zeigt die schönsten Bilder aus Hagenbecks Tierpark und lädt zu Spazierfahrten ein.

Sie stellt "menschlich gesehen" prominente und weniger prominente Nachbarn vor, die das Leben der Stadt bereichern. Sie lädt ein zum Theaterbesuch und hat einen Tipp für den Kneipenbesuch danach. Die Regionalzeitung ist die Visitenkarte der Stadt. Darin liegt ihre Stärke.

Ihr guter Name kann sie im Internet stärker machen. Beim Schreiben der Steuererklärung am heimischen PC oder am Arbeitsplatz - überall zwischen Hamburg und Haiti - lässt sich auf dem Zeitungsportal klickweise die neueste Lage erkunden. Die schnelle Nachricht macht neugierig auf den Artikel, der morgen erscheint. Wer wissen will, was vor einer Woche in der Zeitung stand, braucht nicht im Altpapier zu wühlen, sondern findet es staubfrei im Netz. Meine Frau mag es, wenn ich im Internet Zeitung lese. Sie stört das Knistern. Ich lese ihr sonst jeden Wunsch von den Lippen ab, aber ich bleibe süchtig nach der knisternden Zeitung. In der Nahwelt ist der Journalist Bürgerbeauftragter und übt ein Wächteramt aus. Er deckt Missstände auf, macht Senatsintrigen öffentlich und richtet das Scheinwerferlicht auf die Nester der Korruption. Wo Politik sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zufälliger Koalitionen beschränkt, dürfen die Medien nicht nur Chronisten sein. Sie müssen Themen setzen, Widersprüche kenntlich machen und Lösungen einfordern. Gegen eine wohlfeile Rhetorik pocht der journalistische Bürgerbeauftragte darauf, dass gemachte Versprechen gehalten werden, selbst wenn die, denen das Drängeln unbequem wird, diesen unnachsichtigen Journalismus mit dem Schmähwort "Medienkampagne" desavouieren. Wer nachhaltig aufklärt, lässt sich dadurch nicht kirre machen.

Das Hamburger Abendblatt, das von der Konrad-Adenauer-Stiftung mit dem Preis für die beste Regionalzeitung ausgezeichnet wurde, hat diesen Preis auch für die Aufdeckung der Poggendorf-Affäre und für seine Serie über die Akte Osmani erhalten.

Investigativer Journalismus findet nicht nur in der Tiefgarage des Watergate-Hotels und bei der "Washington Post" statt, sondern auch in deutschen Regionalblättern. Reporter einer ebenfalls preisgekrönten Zeitung haben vor der Adenauer-Stiftung beschrieben, wie die Recherche mit ihren Vertrauenspersonen funktioniert: "Die Leute waren teilweise nah am Geheimnisverrat. Vertrauliche Papiere erhielten wir ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch im Vorübergehen oder hinter abgelegenen Kaufhaus-Regalen. Zu längeren Gesprächen traf man sich in Nachbargemeinden oder Privatwohnungen." Das Zeugnisverweigerungsrecht für Journalisten ist Vertrauensschutz für die um Aufklärung bemühten Bürger.

Wer Missstände aufdecken will, braucht akribische Arbeiter, gute Kriminalisten und einen unerschrockenen Chefredakteur. Mutige Journalisten sind kantige Charaktere, die zuweilen im kreativen Chaos versinken. Dann sehnen sie sich nach der ordnenden Hand ihres Chefredakteurs. Er ist der ruhende Pol. Kaum zu glauben: Früher gingen Verleger noch großzügiger als heute mit ihren Chefredakteuren um.

Zum Beispiel Johann Friedrich Cotta von Cottendorf. Er wollte Friedrich Schiller als Chefredakteur für seine "Allgemeine Zeitung" gewinnen, machte ihm verlockende Angebote, bot ihm ein Jahresfixum von zweitausend Gulden und lieh ihm zinslos Geld. Aber Schiller schreckte dann doch davor zurück, sich als Geisteswesen im täglichen Redaktionsbetrieb aufzureiben. Wo ist die Kasse, wird mancher Chefredakteur heute fragen, wo ich zinslos Geld vom Verleger bekomme. Der Schalter ist geschlossen. Keiner ist Schiller. Wo ist die Kasse, aus der fachkundiges Personal entlohnt wird, in Ideen und moderne Technik investiert werden kann? Der Verleger, der mit seiner Zeitung erklären und aufklären will, Zeitungmachen als gesellschaftlichen Auftrag versteht, nimmt Geld in die Hand, schafft Qualität und damit einen Vertrauensbonus, den der Leser honoriert.

Die enge Rückkoppelung an die Leserschaft bewahrt vor Hochmut und Schlamperei. In der Nahwelt sind alle Fakten nachprüfbar. Den Rücktritt eines Bundesministers zu fordern oder dem irakischen Staatspräsidenten gute Ratschläge zu erteilen ist eine leichtere Übung gemessen an der Akribie, die ein Lokaljournalist aufbringen muss, der einem Stadtrat oder einem Behördenvertreter Fehlverhalten nachweisen will. Da muss jedes Detail bis ins Letzte belegt sein.

Solcher Mut und solche Professionalität prägen die ganze Zeitung, die mit jeder Ausgabe neu den Glaubwürdigkeitstest vor ihren Lesern bestehen muss. 90 Prozent aller erfolgreichen Publizisten haben ihr Handwerk in der Lokalredaktion gelernt. Sie ist die Königsdisziplin des Journalistengewerbes.

Die Zeitung ist die kulturelle Visitenkarte der Stadt. Stars und Starlets aus Hollywood lassen sich bei Gottschalk die Wade tätscheln. Dieter Bohlen betreut im Fernsehen den Nachwuchs, und wer es nicht schafft, trällert seine Weisen im Dschungel-Camp. Das Stadtgespräch über Kultur hat andere Themen. Wer, wenn nicht der wortgewandte Feuilleton-Redakteur, kann sein Publikum für Theaterpremieren, Ausstellungen und Museen begeistern und den Politikern den Wert der Künste vor Augen führen, damit bei der nächsten Etat-Beratung die Kulturvisitenkarte keinen Knick bekommt?

Wer mit Leidenschaft schreibt, wird auch mit einem Verriss die Neugier der Leser wecken. Der Zeitungsrezensent schreibt nicht für eine abgehobene Elite, sondern er befolgt den Rat, den ihm der Ahnherr des deutschen Feuilletons, Johann Christoph Gottsched, 1725 in einer Zeitschrift mit dem frauenfreundlichen Titel "Die vernünftigen Tadlerinnen" gegeben hat, nämlich "deutlich und natürlich zu schreiben, damit mich auch die Unstudierten lesen und verstehen möchten".

Ist der Redakteur einer Zeitung, die mit zusammenhängenden Texten handelt, ein Auslaufmodell in einer Welt von Newsflashs und flimmernden Bildern? In den Medien tummeln sich heute viele - Schlüsselloch-Reporter, Witwenschüttler, Schleichwerber, Busenwunder und Hosenschneider. Wackere Aufklärer und Erzähler wahrer Geschichten sind nur noch eine - wenn auch einflussreiche - Minderheit. Vieles, was heute in den Medien geboten wird, gab es früher auf der Kirmes. Da kolorierten die Jahrmarktsmaler blutrünstige Bilderbogen mit Kindsmörderinnen, Kopf-ab-Szenen, mit speienden Vulkanen und verzweifelten Schiffbrüchigen. Dem Publikum liefen die schönsten Schauer des Entsetzens über den Rücken.

Im klassischen Journalismus, der seinen Ursprung aus der ersten vor 400 Jahren erschienenen Zeitung herleitet, haben sich unterschiedliche Stämme herausgemendelt. Die Fernsehfrau oder der Fernsehmann streben bei jeder Pressekonferenz ins hell erleuchtete Zentrum des Geschehens. Fernsehen ist dort, wo die 1000-Watt-Birne glüht. Der Radiomann nestelt an seinem Aufnahmegerät, ständig mit den Tücken der Technik konfrontiert. Der Zeitungsjournalist dagegen betritt gelassen den Raum, betrachtet das Ganze erst einmal aus der Distanz. Er klopft sein Jackett ab: Ist der Stift da? Klappt den Laptop auf, stellt ein paar Fragen und bastelt dabei schon am Einstieg für seinen Bericht. Er weiß: Wer schreibt, der bleibt. Das verschafft ihm sein Selbstbewusstsein.

Mit diesem Selbstbewusstsein kann die Zeitung in die Zukunft blicken. Sie hastet der Zeit nicht sekundenschnell hinterher. Sie hält inne und fasst zusammen. Während der Bürger als Fernsehzuschauer und Radiohörer sich dem hitzigen Tempo des elektronischen Mediums fügen muss, bleibt er als Zeitungsleser selbstbestimmt. Er entscheidet bei jeder Zeile, wie schnell oder wie langsam er liest. Ihm bleibt Zeit fürs Nachdenken und Abwägen. Das hat er mit dem klugen Internetnutzer gemein.

Die Zeitung ist für viele ein Lebensabschnittsbegleiter, dem sie länger die Treue halten als ihrem männlichen oder weiblichen Partner. So viel Treue belohnt die Zeitung durch dauerhafte Verlässlichkeit und mit einer täglichen Überraschung, die einer Partnerschaft erst den richtigen Pfiff verleiht. Deshalb bleibe ich begeisterter Zeitungsleser. Wie schön, dass es Zeitungen gibt.

 

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