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Extra-Journal

Sabine Spirgatis: Pastorin für Schwerhörige

Kurze Sätze und keine "Ähs"

Die Seelsorgerin bietet Schwerhörigen einen besonderen Gottesdienst an - mit klarer Struktur und technischer Hilfe.

Früher hat es sie manchmal genervt, wenn nach der Predigt die Beschwerden kamen: "Ich kann Sie überhaupt nicht verstehen, Sie nuscheln so!" Noch heute seufzt Sabine Spirgatis, wenn sie an ihre Pastorinnenzeit in Volksdorf denkt: "Es lag immer an uns Pastoren." Erst durch ihre Arbeit als evangelische Schwerhörigenseelsorgerin hat die 43-Jährige begriffen, wo das Problem wirklich liegt. "Schwerhörige können hohe Frequenzen schlecht hören", sagt sie. "Ich rede also eine Oktave tiefer, lauter und langsamer. Das reicht oft schon, allerdings nicht bei hochgradig Schwerhörigen." Wichtig sei auch, gut zu artikulieren, um von Schwerhörigen besser verstanden zu werden.

Seit zweieinhalb Jahren beackert die zierliche Pastorin ein schwieriges Feld. Zum einen kennen viele Menschen nicht den Unterschied zwischen Schwerhörigen und Gehörlosen. "Ich werde oft gefragt, ob ich auch die Sprache der Gehörlosen beherrsche", erzählt die Hamburgerin, die mit einem Pastor verheiratet ist. Dabei sei sie - ohne die Gehörlosen auszugrenzen - Pastorin für Schwerhörige, "also Menschen, die die normale Sprachfähigkeit erworben haben". Schwerhörige Menschen - rund 330 000 leben in Hamburg - seien Gehörlosen gegenüber vor allem deshalb im Nachteil, weil sie sich nicht als Gruppe sähen. "Sie empfinden ihr Handicap als Makel. Es gibt eine große Hemmschwelle, Hörhilfen zu benutzen und zur eigenen Behinderung zu stehen."

Für Schwerhörige, Ertaubte und Hörende bietet sie nun einmal im Monat in der Osterkirche in Eilbek einen Gottesdienst an. Die nötige finanzielle Unterstützung bei der technischen Aufrüstung erhielt Sabine Spirgatis durch die Stiftung "HAMSTER" für schwerhörige und ertaubte Menschen. Der spezielle Zuschnitt des Gottesdienstes, so findet sie, wäre auch für hörende Gemeinden ein Gewinn: "Ich muss vorher wissen, was ich sagen will. Eine klare Struktur, kurze Sätze, ein klares Mundbild, der Verzicht auf Fremdwörter und auf ,Ähs', das verlangt mir eine ganz andere Konzentration ab als bei meinen anderen Gottesdiensten."

Technische Unterstützung bieten Induktionsanlagen, die in rund 40 Prozent der Hamburger Kirchen eingebaut sind (eine Liste ist beim Deutschen Schwerhörigenbund erhältlich) und die auf bestimmten Sitzplätzen dafür sorgen, dass der Ton vom Mikrofon direkt ins Hörgerät übertragen wird. Dafür muss das Hörgerät allerdings speziell programmiert sein. Sabine Spirgatis benutzt für ihre Gottesdienste auch einen Overheadprojektor und Folien "mit klaren Botschaften, ohne Tüdelüt".

Diese Schnörkellosigkeit passt gut zu der energischen Pastorin, und ihre Offenheit hilft ihr, auf ihre manchmal schwierig erscheinende Klientel zugehen zu können. "Schwerhörige neigen dazu, sich zurückzuziehen, weil sie sich nicht gut verständigen können", hat sie gelernt. Die Suizidrate bei schwerhörigen älteren Menschen sei hoch.

Aber auch zunehmend junge Menschen leiden unter Schwerhörigkeit. Aufklärung und Prävention liegt der Mutter einer vierköpfigen Patchworkfamilie sehr am Herzen: "Viele wissen gar nicht, dass sich Hörzellen, wenn sie einmal abgestorben sind, nicht regenerieren." Gemeinden könnten sie gern zu Seminaren über Umgang mit Schwerhörigkeit einladen.

Dass Schwerhörigkeit jeden treffen kann, hat sie in ihrer eigenen Familie erfahren. Ihr heute 19-jähriger Sohn hatte als Einjähriger einen Unfall, bei dem er auf die linke Kopfseite fiel. Erst viel später wurde festgestellt, dass er auf diesem Ohr nichts mehr hörte. Die Ärzte sagten, das rechte Ohr werde alles ausgleichen. Das macht Sabine Spirgatis heute noch sauer: "Keiner hat uns gesagt, dass es eine gute Schwerhörigenschule oder Hörgeräte für Kinder gibt." Erst seit Kurzem trägt er ein Hörgerät: "Und das macht einen deutlichen Unterschied!"

Gottesdienste: 17.6., 22.7. und 19.8., jeweils 9.30 Uhr in der Osterkirche, Wandsbeker Chaussee 192, 22089 Hamburg.

Stiftung "HAMSTER", Haspa, BLZ 200 505 50, Konto 1015 21 08 32.

 

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