"Beten hat mir so geholfen"
Warum Gesine Schwan mit ihrem Optimismus Berge versetzt und warum sie zur Jugendweihe in Frankfurt/Oder über ihren Glauben an die Liebe spricht.
Im Frühjahr dieses Jahres war Gesine Schwan von der SPD für das Amt der Bundespräsidentin vorgeschlagen worden. In den journalistischen Porträts vor der Wahl tauchte das Thema Religion mehrfach auf. Allerdings immer nur am Rande. Gesine Schwan vermutet, daß die meisten Journalisten damit nichts anfangen konnten. Sie selbst bekenne sich zu ihrem Glauben.
"Es wäre für mich das schlimmste, nicht mehr glauben zu können", sagt sie, und das sei in ihrem Leben schon immer so gewesen. "Ich bin in einer heterogenen Familie aufgewachsen. Meine Eltern lebten schon vor dem Zweiten Weltkrieg im Westen Berlins und waren sehr gegensätzlich: Meine Mutter war katholisch und sehr gläubig. Sie war sehr emotional, sehr liebevoll, aber auch jähzornig - und 15 Jahre jünger als mein Vater. Der vertrat immer einen rationalen Standpunkt und war der nüchterne Analytiker."
Zwischen diesen Polen individueller geistiger Freiheit und emotionalen Glaubens mußte sich das Kind Gesine bewegen. Sie habe das jedoch durchaus als anregend empfunden. In einem so weltläufigen Elternhaus, in dem man den christlichen und humanistischen Idealen verpflichtet war, konnte der Nationalsozialismus nur abgelehnt werden. So war es für Gesine Schwan auch selbstverständlich, daß ihre Familie während des Krieges ein jüdisches Mädchen versteckte.
Ihren Glauben habe sie früh allein gefunden. Schon als Kind war ihr das Gebet wichtig. Es sei ihr tröstend und verpflichtend zugleich vorgekommen. Ein Halt. Zum Beispiel habe sie als Kind ein Gelübde abgelegt, als ihre Schildkröte weggelaufen war. "Ich habe Gott versprochen, wenn er die Schildkröte zurückschickte, dann würde ich immer in den Gottesdienst gehen." Eines Tages war die Schildkröte wieder da. "Und ich habe mein Gelübde gehalten. Ich bin sehr lange alleine sonntags in den Gottesdienst gegangen, eine halbe Stunde Fußweg hin und wieder zurück."
Auch heute noch betet Gesine Schwan regelmäßig, am Morgen kurz vor dem Aufstehen. Oft ist es ihr Lieblingsgebet: "Komm Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde ihnen das Feuer deiner Liebe. Sende aus deinen Geist, alles wird neu erschaffen werden, und du wirst das Antlitz der Erde erneuern. Oh Gott, der du die Herzen deiner Gläubigen durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes gelehrt hast, gib, daß wir in demselben Geiste das, was recht ist, verstehen und deines Trostes uns alle Zeit erfreuen mögen, durch Christus unseren Herrn. Amen."
So konsequent ihre Gebetsrituale sind, so eigenständig ist Gesine Schwan sonst in ihrem Glauben. "Ich bin nie, mein ganzes Leben lang nicht, zu einer regulären Beichte in die Kirche gegangen." Sie weiß, das sei untypisch für eine Katholikin, aber "ich beichte nicht beim Priester, sondern direkt vor Gott".
Gesine Schwan besuchte in Berlin das französische Gymnasium. Nach dem Studium der Politikwissenschaft legte sie in den 70er Jahren den Grundstein für ihre berufliche Karriere. 1980 lernte sie Polnisch, das sie mittlerweile fließend schnell spricht. Willy Brandts Ostpolitik wurde gelebt. Sie hatte in Polen Kontakte zu Intellektuellen und zu der damals noch im Untergrund agierenden Gewerkschaft Solidarnosc.
Sie arbeitete als Politologin am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Dort lernte sie auch ihren zukünftigen Mann, Alexander Schwan, kennen. Die beiden heirateten und kümmerten sich neben Politik und Wissenschaft bald auch um zwei Kinder.
Nach 16 Jahren Ehe zerbrach über Nacht die Welt der Familie. Alexander Schwan hatte Krebs. Seiner Frau blieben drei Jahre, um ihn in der Krankheit zu begleiten und sich von ihm zu verabschieden. Das hat sie verändert wie nichts in ihrem Leben sonst. "Erst war ich wie gelähmt. Ich konnte gar nichts tun. Ich war nicht in der Lage, die Zimmer der Kinder aufzuräumen. Ich habe überhaupt nichts gefühlt. Das ging eine Zeit so. Dann kam die Wut. Das kannte ich nicht an mir. Ich habe viel mit Gott gescholten. Es war falsch, was er mit mir machte."
In diesen Jahren habe sich ihre Beziehung zu Gott gewandelt. "Mein Glaube ist durch tiefe Zweifel gegangen. Nicht an Gott selbst, sondern an der Güte Gottes. Letztendlich hat es aber geholfen, daß ich mit Gott sprechen konnte. Ich hatte immer ein Gefühl von seiner Präsenz. Ich rede mit jemandem, der nicht wie wir Menschen ist, aber personal. Für mich ist da jemand."
Spricht sie öffentlich von ihrem Glauben? Und welche Reaktionen gibt es?
Gesine Schwan findet es merkwürdig, daß die allermeisten Menschen entweder nicht interessiert oder sehr befremdet seien. Die Milieus, in denen sie sich bewegt, stünden dem Glauben allerdings traditionell sehr distanziert gegenüber.
Hier in Frankfurt an der Oder sei sie gebeten worden, etwas bei der Jugendweihe zu sagen. "Ich habe das im ersten Jahr abgelehnt. Aber sie haben mich wieder gefragt, und ich habe denen gesagt, ihr werdet euch aber wundern, ich werde über den Glauben sprechen. Ich habe dann etwas über meinen Glauben an die Liebe vorgetragen, und die Zuhörer waren sehr verblüfft. Was die Menschen hier merken sollen und was ich deshalb nicht verschweige, ist, daß mein von allen so geschätzter Optimismus stark von meinem Glauben getragen wird."



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