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Extra-Journal

Es ging nur noch um das nackte Überleben

Als ich neun Monate alt war, im April 1992, begann der Krieg in Bosnien. Etwa 15 Monate später musste ich mit meiner Mutter Edvija und anderen Freunden und Verwandten auf einem Traktor-Anhänger mein Heimatdorf Sibenica, in der Nähe von Jajce, verlassen. Serben hatten uns angegriffen. Wir sind zuerst in die 50 Kilometer entfernte Stadt Travnik geflohen.

Ich schlief zwei Nächte in den Armen meiner Mutter auf dem Anhänger. Es war Anfang Oktober und sehr kalt. Wir hatten Hunger, doch es gab kaum etwas zu essen. Einige Leute tauschten Gold und Schmuck gegen ein Stück Brot. Als wir in Travnik ankamen, mussten wir zu Fuß weiter, denn der Traktor war zu laut und die Scheinwerfer zu auffällig. Die Serben konnten überall sein, und wir wollten überleben.

Meine Mutter und ich kamen in Travnik für sechs Monate bei Fremden unter. Dann zogen wir zu Verwandten in das Bergdorf Moschanica. Meine Mutter und ich blieben dort zwei Jahre. Ich erinnere mich, dass ich damals im Winter im tiefen Schnee gespielt und im Sommer bei der Ernte geholfen habe. Mit Freunden spielte ich in einem kaputten Auto und lernte die bosnische Sprache, die ich noch immer fließend spreche.

1993, am 15. April, ist mein Onkel Began Macak, der im Krieg für Bosnien gekämpft hat, gefallen. Er ist in Zenica durch einen Schuss von einem serbischen Soldaten getötet worden. Dort befindet sich auch sein Grab, das wir einmal im Jahr, wenn wir zu meinen Verwandten nach Bosnien fahren, besuchen. Mein Cousin Esmir Kahric, damals 20 Jahre alt, hatte Glück, er musste nicht kämpfen.

Ein Jahr später sind wir mit einem Reisebus nach Deutschland zu meinem Vater Osman gefahren. Er hatte schon vor dem Krieg eine Arbeit als Zimmermann in Hamburg angenommen. Meine Tante Secka, meine Oma Emina, die 2005 starb, und der Rest meiner Familie sind in Bosnien geblieben. Ich erinnere mich nicht mehr richtig an den Krieg, aber das ist auch gut so.

Denn Krieg ist grausam, zerstört Familien, raubt ihnen ihre Heimat, vertreibt sie oft aus dem eigenen Land. In Bosnien sind in den drei Kriegsjahren 242 330 Menschen getötet worden, 175 286 Menschen wurden verwundet, 36 470 werden vermisst.

Man spricht von 40 000 vergewaltigten Frauen und Mädchen.

Ein Krieg erzeugt nur Leid!

Samir Kahric, 9c Gesamtschule Stellingen

 

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