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Extra-Journal

Patchworkfamilie: Sie kann zur Herausforderung des Lebens werden

Stille traf auf Lautstärke

Aus zwei Familien wird eine. Das ist heute modern. Doch wenn ein schüchternes Einzelkind plötzlich drei neue Geschwister auf einmal bekommt, führt das leicht zu Streit, Ausgrenzung und Irritationen.

Es ist Viertel vor sieben. Ich muss mich beeilen. Ich drehe das Wasser in der Dusche an. Es ist eiskalt. Das Warmwasser haben die anderen in meiner Familie aufgebraucht, aber ich muss noch meine Haare waschen.

Vor vier Jahren stand ich vor dem Haus einer mir unbekannten Familie. Der neue Mann meiner Mutter und seine drei Kinder wohnten darin. Eine neue Familie aus den Resten von zwei alten zu bilden, da hatten die Erwachsenen sich aber was vorgenommen, dachte ich. Künftig kein Einzelkind mehr zu sein und Tag für Tag um die Aufmerksamkeit der Erwachsenen zu kämpfen, das war mir bis dahin nicht vertraut. Die Art und Weise miteinander umzugehen war von Grund auf verschieden.

Stille traf auf Lautstärke. Was die einen mit Schweigen zu lösen versuchten, probierten die anderen mit einem Schwall aus Worten. Die zweifelhaften Versuche, eine Art von Familiensinn und Einigkeit herzustellen, schlugen zuerst einmal fehl.

Doch auf einmal wurde mir bewusst, dass dieses neue Leben nicht nur schlechte Seiten hat. Ich hatte eine neue Schwester. Wir haben uns nicht immer gut verstanden, aber sind Streitigkeiten bei Geschwistern nicht total normal? Die Erwachsenen sahen das nicht so und dachten, dass es besser sei, jeden Streit sofort im Keim zu ersticken. Man kann sich denken, dass das nach hinten losging. Und so wurde klar, dass nicht nur wir Kinder uns umstellen mussten. Streit zuzulassen gehörte zu den schwierigsten Herausforderungen, die in dieser Patchworkfamilie zu meistern waren.

Spätestens beim ersten gemeinsamen Weihnachtsfest wurde uns klar, was für unterschiedliche Bräuche kombiniert werden mussten. Weihnachten zusammen zu verbringen, war für mich selbstverständlich, aber ich bekam sehr schnell mit, dass es auch ganz anders ging. Davon abgesehen, dass ich die Jüngste bin, waren die drei anderen Kinder immer schon Geschwister und an ein Leben miteinander gewöhnt. Ich stand vor einer Mauer von Zusammengehörigkeit, die immer dann am stärksten war, wenn es gegen mich ging. Eine Veränderung war anfangs nicht willkommen. Doch immer aneinander vorbeizuleben, macht auf Dauer unglücklich.

Und so gewöhnten wir uns aneinander, zeigten mehr Interesse füreinander und schlossen uns schließlich zusammen. Zu einer neuen Familie. Die nächsten Weihnachten wurden besser und besser. Heute sind wir eine funktionierende Patchworkfamilie.

Hannah Jansen, 10b Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer

 

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