"Wir müssen Bilder finden, die ins Heute passen"
Warum glauben heute alle, sie kämen in den Himmel? Was wurde aus der Hölle? Warum wird die Idee der Wiedergeburt immer beliebter? Interview mit dem Hamburger Pastor Dr. Rüdiger Sachau, der sich intensiv mit Jenseitsbildern befasst hat.
ABENDBLATT: Früher glaubte man an drei "Welten": den Himmel, die irdische Welt und die Hölle. Heute glaubt fast niemand mehr an die Hölle. Sie ist verschwunden. Wie kam das?
RÜDIGER SACHAU: Erstens, weil die Vorstellung von der Hölle sowieso unangenehm ist. Und zweitens, weil uns auch im religiösen Denken die Verbindlichkeit abhanden gekommen ist, also die Vorstellung, dass unser Leben Konsequenzen hat, die wir nicht wieder geradebiegen können. Wir modernen und flexiblen Menschen denken stattdessen: Man kann sich immer noch mal umentscheiden, nach einem Irrtum einen neuen Weg ausprobieren, es gibt immer eine "zweite Chance". Die Idee einer endgültigen Hölle passt in dieses Lebensgefühl einfach nicht mehr hinein.
Als pädagogische Drohkulisse hat die Hölle ausgedient. Trotzdem, denke ich, steckte hinter dem Bild der Hölle auch ein produktiver Gedanke: Da wurde der wirklich Böse am Ende auch wirklich bestraft; und der mündige Mensch, der sich für oder gegen das Gute entscheiden kann, wurde wirklich ernst genommen. Wenn wir als moderne Menschen gerade auf unserer Autonomie und Mündigkeit beharren, dann ist die Hölle auch ein Symbol für unsere Fähigkeit, uns gegen Gott zu entscheiden. . .
ABENDBLATT: . . . und teuflisch zu werden. Nun ist heute aber auch der "Himmel" als Gegenpol verschwunden: Das All besteht aus Asteroiden und Satelliten und scheint kein guter Ort mehr als "Himmel" zu sein. Deshalb denken sich viele eine Art lichten, transzendenten Wellnessraum ohne bestimmten Ort.
SACHAU: Ganz verschwunden ist der Himmel gar nicht. Im Deutschen gibt es eine Differenzierung nicht, die im Englischen sehr produktiv ist: den Unterschied zwischen sky und heaven. Sky ist der blaue Himmel über uns, da können sich Astronauten bewegen, der Raum dahinter ist unendlich, da gibt es auch keine himmlischen Herrscher. Heaven ist das Bild für einen Himmel, der durch alles hindurchgeht, d.h. er kann mitten unter uns sein, wir können unseren Anteil daran schon hier und heute haben. Wenn Himmel so gemeint ist, finde ich es gar nicht schlecht, dass sich die Menschen von dem "alten" Himmel mit Wolke 17 und Harfespielen verabschiedet haben.
Das Problem ist nur, dass damit auch die Vorstellung von einem Leben im Angesicht Gottes ziemlich verdampft ist. Der Himmel ist ent-personalisiert worden, und damit sind auch unsere Gottesbilder verdampft.
ABENDBLATT: Der Himmel ist durchaus bevölkert: Er ist heute wichtig als Ort, wo man geliebte Verstorbene wiederzusehen hofft. Aber nicht als Ort, an dem man Gott begegnet.
SACHAU: Das Wiedersehen mit den Lieben im Himmel ist ja ein berechtigter Wunsch, der ausdrückt, dass es da noch eine Beziehung gibt. Aber der Theologe Karl Barth hat darauf mal geantwortet: Natürlich sehen wir unsere Lieben im Himmel wieder - aber die anderen auch.
ABENDBLATT: Also Hitler, Stalin, Milosevic . . .
SACHAU: Vielleicht auch nur meinen Nachbarn, den ich nicht mag. Auf jeden Fall ist "Jenseits" weiter zu fassen und nicht nur ein Ort unserer Wunscherfüllung.
ABENDBLATT: Warum ist die christliche Jenseitsvorstellung - Auferstehung, Eingehen in das Reich Gottes - denn so weit weggerückt? Hat ihr etwas gefehlt?
SACHAU: Meine These ist, dass wir in den Kirchen es an einem entscheidenden Punkt versäumt haben, gemeinsam mit den Menschen Bilder dafür zu finden, die heute passen. Als Kinder haben wir eine kindlich-naive Vorstellung mitbekommen vom Himmel und den Engeln und so weiter. Im Konfirmandenunterricht und später haben wir gemerkt, dass es komplizierter ist. Beides ist in Ordnung, sowohl die kindlichen Bilder als auch die Zweifel beim Erwachsenwerden, wo man sagt: Den Weihnachtsmann gibt es zwar nicht, aber trotzdem ist Weihnachten sinnvoll. So ähnlich ist es auch mit dem Jenseits: Den kindlichen Himmel gibt es nicht, aber das, was damit gemeint ist, ist weiterhin sinnvoll und hilfreich.
ABENDBLATT: Wenn Kinder um ihr Meerschweinchen trauern, muss man ja eine Antwort geben auf die Frage: Wo ist es jetzt hingegangen?
SACHAU: Wir müssen aber auch Erwachsenen eine Antwort geben. Und an dieser Stelle haben wir ein Riesenloch. Wir Theologen und Pastoren haben selbst oft enorme Schwierigkeiten, uns zu trauen und Bilder zu finden für das, was nach dem Tod kommt. Denn gleich kommen die Bedenken der Religionskritik: "Keine falschen Vertröstungen!" oder "Keine romantischen Fantasiegebäude!". Anstatt erst mal zu probieren, mit welchen Bildern wir heute leben können. Die Kirche darf nicht zu ängstlich sein und muss Fantasien zulassen.
ABENDBLATT: Wird deshalb seit Jahren auch hier im Westen die Idee der Reinkarnation - der Wiedergeburt nach dem Tod - immer populärer? Füllt sie die Lücken, die christliche Jenseitsbilder offen lassen?
SACHAU: Die Ideen der Wiedergeburt sind im Westen heute deshalb so verbreitet, weil sie auf viele Fragen relativ plausible Antworten geben. Konkret: Himmel und Hölle sind endgültig - wir leben aber heute im Glauben, dass wir alles revidieren und neu versuchen können: im nächsten Jahr ein besseres Urlaubsziel wählen oder eine neue Beziehung beginnen usw. Die Vorstellung der Wiedergeburt greift diese Wiederholbarkeit auf und bezieht sie auf das Leben insgesamt. Der Tod - der so schrecklich wirkt, weil er alle Möglichkeiten begrenzt - wird damit aus der Dramatik herausgenommen und ist nur noch ein Tor zu einer neuen Möglichkeit. Jeder Erwachsene kann heute absehen, dass er bestimmte Wünsche oder Vorhaben in diesem Leben nicht mehr wird verwirklichen können - die Idee der Wiedergeburt sagt: Du hast eine neue Chance. Ich teile diese Ideen nicht, aber ich verstehe, warum sie plausibel wirken und vor allem sehr entlastend.
ABENDBLATT: Welche christlichen Bilder würden Sie dagegensetzen?
SACHAU: Wir haben uns, besonders in der Hospiz- und Trauerarbeit, auf die Spurensuche im Leben und Glauben der Menschen gemacht und mit ihnen ganz persönliche Bilder gesucht. Der eine sieht vielleicht in einem Naturbild, was er erwartet nach dem Tod. Ich selbst denke an "Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand". Ein anderer stellte sich vielleicht vor, dass man im Tod wie ein Tropfen ins Meer sinkt, dieses Meer ist Gott, und der Tropfen ist dann nicht mehr vom Meer zu trennen.
Natürlich sollte man solche Bilder nie überstrapazieren, aber aus lauter Angst, etwas falsch zu machen, trauen wir uns oft nicht, überhaupt Bilder zu finden. Dabei können wir - in der Bibel oder auch in den Schriften der Mystik - auf einen großen Bilderreichtum für den Umgang mit Leid und Tod zurückgreifen. Als meine Großmutter starb, habe ich ihr den bekannten 23. Psalm vorgelesen: "Und ob ich schon wandelte im finsteren Tal . . ." Dieser Psalm, so alt er ist, erreicht auch heute noch viele Menschen, weil er so tröstlich und hilfreich ist in schweren Zeiten.
Für mich ist der Glaube eine Form des Vertrauens. Die christliche Botschaft ist: Ich vertraue darauf, dass Gott es gut mit mir meint und dass er mich auch dann nicht fallen lässt, wenn alles um mich herum verschwindet. Wir sollten Bilder für das Jenseits finden, die dieses Vertrauen einfangen. Es muss nicht der Himmel sei. Aber es kann auch der Himmel sein.



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