Spezialisten für den Super-Airbus
Zulieferer für die Innenausstattung sind Hamburgs Trumpf: Der A380 kann kommen.
Die Aufgabe ist gewaltig und sie könnte bei vielen Hundert Hamburger Firmen für einen kräftigen Umsatzschub sorgen - die Innenausstattung des größten und schwersten Passagierflugzeuges der Welt, des Airbus A380. Bis zu 800 Maschinen dieses Typs, so die Hoffnung der Zulieferbranche, könnten in den kommenden zehn Jahren auf dem Airbus-Gelände in Finkenwerder landen - direkt aus dem Airbus-Werk in Toulouse. Unbemalt und noch ohne die Kabineneinrichtung. Diese Aufgabe übernehmen dann die Spezialisten aus dem Raum Hamburg. Kleine und mittelständische Betriebe, die fast alles liefern und installieren können: von der Licht- und Tontechnik über Sitzbezüge, Tabletts und Garderobenschränke bis hin zur Kücheneinrichtung und sogar flugtauglichen Duschen. "Hamburg ist ohne Frage das Kompetenzzentrum für die Innenausstattung von Flugzeugen", sagt Uwe Gröning, Vorstand der Hanse-Aerospace, dem Branchenverband der norddeutschen Luftfahrtindustrie. Er hofft, dass möglichst viele Aufträge in Hamburg verbleiben. "Schließlich haben wir, was Airbus angeht, einen Heimvorteil. Aber die Konkurrenz in Frankreich oder den USA schläft nicht, der Wettbewerb ist hart", sagt der Verbandschef, der zugleich Inhaber der Hamburger Innovint Einrichtungs GmbH ist. Die Firma mit ihren 19 Mitarbeitern ist auf die Entwicklung und Produktion von Komponenten für die Kabinenausstattung spezialisiert. Neues Produkt ist ein Kindersitz fürs Flugzeug. "Laut Gesetz müssen die Airlines zwar keine Kindersitze an Bord haben, aber für den A380 sind sie bereits fest eingeplant", sagt Gröning. Einige Fluggesellschaften hätten schon angefragt. Optimistisch zeigt sich auch Jürgen Krüger, Inhaber der Firma Arthur Krüger in Barsbüttel. Der Kunststoffspezialist, der 160 Mitarbeiter beschäftigt, liefert Klapptische, Armlehnen und Prospektständer an die Airlines. "Durch den A380 werden die Aufträge für die Zulieferer im Raum Hamburg sicher noch zunehmen", ist Krüger überzeugt. Für das passende Licht an Bord des neuen Großraumfliegers sorgt die Buxtehuder Firma KID-Systeme. "Der Trend geht dabei weg von den herkömmlichen Leuchtstoffröhren zu mehrfarbigen Leuchtdioden, den LEDs", erklärt Manfred Endreß, Leiter der Technologieentwicklung bei der Airbus-Tochtergesellschaft. Die Technik sei mittlerweile so ausgefeilt, dass theoretisch mehr als 4000 Orte innerhalb der Kabine auf verschiedene Weise beleuchtet werden könnten, zum Beispiel mit unterschiedlich starken Rottönen. Die Beleuchtung ist aber nur ein Teil des Kabinen-Management-Systems der Buxtehuder Spezialisten. "Wir bieten 30 verschiedene Funktionen, angefangen bei den Hinweiszeichen über den Sitzen über die Tontechnik bis zum Telefonsystem", sagt Endreß. 300 Mitarbeiter hat KID-Systeme derzeit. Wegen der guten Auftragslage würden noch weitere 19 Entwickler gesucht. Nur knapp einen Kilometer vom Airbus-Gelände entfernt freut sich auch die Firma Dasell auf den A380. Das Unternehmen mit seinen 200 Mitarbeitern ist vor allem auf Sanitäranlagen spezialisiert, liefert jährlich rund 1400 so genannte Lavatories aus - und bewirbt sich derzeit um einen Auftrag für den A380. "Bei kleineren Flugzeugen sind in der Regel drei bis vier Toiletten an Bord, beim Langstreckenflieger A340 sind es schon zehn. Im A380 könnten bis zu 20 installiert werden", beschreibt Dasell-Geschäftsführer Hendrikus Kamerling das Auftragspotenzial. Man habe Airbus eine komplette Neuentwicklung angeboten. Ein dreitüriges Versuchsmodell inklusive einer behindertengerechten Toilette wurde konstruiert, und selbst Duschen könne man installieren, sagt Kamerling, der dringend Ingenieure sucht. Als Zulieferer von Dasell könnte auch das Hamburger Ingenieurbüro müller/romca Industrial Design vom A380 profitieren. "Wir entwerfen vom Wasserhahn bis zum Schalter die ganze Palette der Komponenten und achten dabei besonders auf die Ergonomie", sagt Inhaber Jens Romca. Von der Handzeichnung läuft der Designprozess über dreidimensionale Modelle am Computer bis hin zu echten Modellen. "Da können wir dann die Raumwirkung überprüfen." Auch bei der Albert Mühlenberg Apparatebau GmbH & Co. in Norderstedt (170 Mitarbeiter) dreht sich zurzeit alles um den Airbus A380. "Wir bewerben uns bei Airbus darum, Schränke, Trennwände und Stauräume für die Notausrüstung einzubauen", sagt Geschäftsführerin Bettina Mühlenberg-Lange. "Den Fluggesellschaften bieten wir unsere Kompetenz als Küchenbauer an, insbesondere was die elektrische Steuerung angeht. Denn die ist sehr kompliziert, weil sie nicht mit der Flugelektronik kollidieren darf", so die Firmenchefin. Weil der A380 für längere Flugstrecken eingesetzt wird, und die Passagiere während dieser Zeit beschäftigt werden müssen, haben die Experten aus Norderstedt eine Bar konzipiert und Wertfächer mit biometrischen Schlössern (Fingerabdruck) entwickelt. Sogar an die Montage von Spielautomaten ist gedacht. Mit dreidimensionalen Computermodellen arbeiten die rund 150 Ingenieure der ASKON Beratungs GmbH in Hamburg und Bremen. Ihr Spezialgebiet ist die Konstruktion und Berechnung sowohl der Strukturmechanik als auch der Hülle des A380. Beide bestehen aus Glare, einer neuartigen, rissfesten Materialmischung aus Aluminium und Kunststoff. "Wir berechnen am Computer zum Beispiel die Festigkeit der Strukturen", sagt Jürgen M. Siebert, Leiter des Unternehmensbereiches Nord. Die Daten werden per Standleitung an Airbus übermittelt. Zu den Firmen, die noch auf eine Entscheidung über ihre Bewerbung bei Airbus warten, gehört auch ESW-Extel Systems Wedel. Mit rund 750 Mitarbeitern hat sich das Wedeler Unternehmen unter anderem auf das Thema Enteisung spezialisiert. "Wir liefern zum Beispiel die Steuerungstechnik, mit der nach dem Flug die Brauchwasser-Abwasserrohre unter dem Rumpf der Maschine oder die Notrutschen enteist werden können", erklärt Andreas Josenhans, Vertriebsexperte für Transportsysteme bei ESW. Hoffnung auf ein Stück des großen Airbus-Kuchens macht sich auch Harald Paustian, Geschäftsführer von Paustian Airtex in Hamburg. Der Zulieferer für Sitzbezüge aus Stoff und Leder hat 74 Angestellte. "Wir hoffen, dass sich die Produktion des A380 für uns positiv auswirken wird, wenn die Airlines und Sitzhersteller bei uns bestellen", sagt Paustian. Burckhard Schneider, Geschäftsführer der Interturbine Logistik in Kaltenkirchen, wird noch deutlicher: "Ein Auftrag zur Belieferung des A380 wäre für uns ein echter Wachstumssprung." Bislang haben Schneider und seine 110 Mitarbeiter alle Airbus-Modelle mit Wartungs- und Verbrauchsmaterialien versorgt. 30 000 Artikel hat die Firma im Sortiment: Klebemittel, Spezialfarben, Dichtungsmassen, Bleche. "Ein Auftrag brächte eine Erweiterung für uns", sagt Schneider. Doch noch hat Airbus nicht alle Aufträge vergeben. Und für welche Ausrüster sich die Airlines entscheiden werden, bleibt abzuwarten. Trotzdem ist für Uwe Gröning, den Vorstand der Hanse-Aerospace, die Lage eindeutig: "Im Hamburger Raum sind die kompetentesten Firmen." Das sollte Airbus anerkennen, so Gröning mit einem Unterton, der Sorgen um mögliche Auftragsverluste erkennen lässt. Seine Forderung: "Die Kabine muss in Hamburg bleiben. Die Aufträge sollten nicht nach Toulouse gehen oder weltweit zersplittert werden."



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