Montag, 13. Februar 2012, 22:14

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Extra-Journal

Umwelt und Kunst

Flucht unter die rettende Kapsel

Leben nach der Klimakatastrophe - Eine Ausstellung zeigt Utopien und Schreckensvisionen

Vincent Callebaut hat in seiner Utopie "Lilypad" eine schwimmende Ökopolis für Klimaflüchtlinge visualisiert.
Foto: Museum für Kunst und Gewerbe Ham

Alle Welt redet vom Klima. Davon, wie die Welt noch zu retten sein könnte vor dem drohenden Kollaps, der dramatischen Erwärmung, verursacht durch CO2. Doch halbherzige Ergebnisse wie die des Klimagipfels in Kopenhagen stimmen nicht eben optimistisch. "Die öffentliche Diskussion befasst sich nur mit Vermeidungsstrategien. Was aber wäre, wenn wir das nicht mehr vermeiden könnten und uns anpassen müssten?", fragt Friedrich von Borries.

Der Designtheoretiker unterrichtet an der HfbK Hamburg und beschäftigt sich schon lange mit den Fragen einer angewandten Gestaltung, die nicht bei schönen Dingen und Ästhetik stehen bleibt, sondern die drängenden gesellschaftlichen Fragen auf die Tagesordnung setzt. "Kunst hat den Auftrag, nachzudenken, frei zu sein und sich nicht in einen konkreten Nutzen pressen zu lassen, also konsumierbare Produkte herzustellen", sagt von Borries. Der Umgang mit Ressourcen steht dabei ganz oben auf der Agenda. Derzeit kuratiert von Borries die Ausstellung "Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe", die das Museum für Kunst und Gewerbe vom 28. Mai an präsentiert.

Es sind aberwitzige Bilder, die zum Teil bereits aus den 60er-Jahren stammen. Faszinierend und irritierend zugleich. Grauenvolle und positiv stimmende Visualisierungen. Zwischen Utopie und Dystopie. Die Idee einer "Walking City", also der Entwurf einer Stadt, die in der Lage ist, zu "laufen", galt zu Zeiten ihrer Schöpfung als positive Utopie. Heute stellt man sich als Gründe für eine Stadt, ständig ihren Standort zu wechseln, eher Katastrophenszenarien wie Überhitzung, Überflutung oder Umweltzerstörung vor. Obwohl schon seit den 50er-Jahren die Umweltverschmutzung und die Gefahr eines Atomkriegs als Bedrohung angesehen wurden, herrschte zunächst eine Begeisterung über diese neuen Formen vor. "Das war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Fortschrittsglaube in Zweifel gezogen wurde.

Dieses Spannungsfeld bestimmt seither die gesamte Moderne", sagt von Borries. Ausstellungsstücke wie der "Environment Transformer" von Haus-Rucker-Co aus dem Jahre 1968, eine fliegengesichtige Art Helm mit Atemschutzmaske, galten zu einer Zeit, in der man mit Wahrnehmungsveränderung und -erweiterung experimentierte, als letzter Schrei. Für heutige Betrachter symbolisiert er eher das Leben in einer abgekapselten Welt und ist eindeutig negativ konnotiert.

Aber alles hängt miteinander zusammen. "Die 68er-Jahre-Kulturrevolution hat ja die hedonistische Gesellschaft hervorgebracht, die zum großen Teil das verursacht hat, was heute ein Problem ist", erläutert von Borries. "Jeder will alles zu jeder Zeit an jedem Ort verfügbar haben. Nun müssen wir überlegen, wie wir die Freiheiten bewahren, ohne gleichzeitig die Grundlagen für eine gleichberechtigte Gesellschaft zu zerstören." Kurzum, es stellt sich auch bei den ästhetisch abgefahrenen Exponaten die Frage, wenn es hart auf hart kommt, wollen wir wirklich so leben?

Die Ausstellung will das Thema breiter aufstellen und umfasst deshalb neben der Schau auch ein umfangreiches Begleitprogramm mit einer zweitägigen Konferenz an der Hochschule für Bildende Künste. Parallel erscheint anstelle eines Katalogs ein bebilderter Suhrkamp-Band mit Hintergrundtexten. Der Besucher kann sich so auf mehreren Ebenen dem Thema nähern. Buchstäblich einsteigen kann er in verschiedene Objekte der Ausstellung, wie etwa in die "Oase 7" von der Künstlergruppe Haus-Rucker-Co, die als begehbare Blase aus dem 2. Stock des Museums für Kunst und Gewerbe heraus quillt. In seiner Istallation "Shrink" lässt sich der Künstler Lawrence Malstaf in einem überdimensionalen Plastikbeutel mit Luftröhre einschweißen und demonstriert so das Wesen von Klimakapseln am eigenen Leib.

Die Formen der rund 25 Klimakapseln reichen von kleinen Körperkapseln, die als Prototypen zukünftiger Bekleidungsformen gedacht werden können, über Wohnkapseln, die in der Nachfolge von Architekten wie Constant oder Yona Friedman in den 60er-Jahren Wohnraum schützen sollen - aber auch eingrenzen und gegen das Unliebsame abschotten. Eine Vorstellung von urbanen Kapseln hatte bereits Richard Buckminister Fuller mit seinem "Manhatten Dome", einer Art gigantischer Hülle, unterhalb derer die Stadt klimaautark funktioniert. Ähnliche Modelle liegen "Lilypad" von Vincent Callebaut aus dem Jahr 2008, einer schwimmenden Ökopolis für Klimaflüchtlinge, zugrunde. Weitergehende Überlegungen schließen die Abschaffung von Tieren und Pflanzen und eine Begrenzung der menschlichen Lebenszeit auf 40 Jahre mit ein.

Die perfekte Seifenblasenwelt unterhält sich selbst. Die Einwohner finden alles in unmittelbarer Nähe. Die Stadt ist klimaneutral. Es gibt keine Notwendigkeit für Autos. Die Wege sind kurz. Wasser wird aufbereitet. Das doch entstehende CO2 verwandeln die mit Algen bestückten Fassaden in Biomasse. Alle organischen Abfälle werden in einer anaeroben Kompostieranlage in Biogas verwandelt. Die Versorgung mit Lebensmitteln soll ebenfalls ganz in die Kapsel integriert sein und das Offshore-Farming ablösen. Viele Nahrungsmittel würden synthetisch hergestellt. Das klingt auf den ersten Blick technisch machbar, zeichnet aber eine Schreckensvision, die das Überleben um jeden Preis infrage stellt. Parallel zur Stadt würde auch die Natur in einer eigenen Kapsel wiederum vor der sie gefährdenden Umwelt geschützt. Problematisch ist bei dieser Vorstellung, dass das Ökosystem ein von Menschen entwickeltes wäre, das nicht Platz für alle Menschen bietet. Das Buch zur Ausstellung erzählt dazu die ironische Geschichte eines "Terminators". Als Archivar gewinnt er Einblicke in das Leben in der Vergangenheit, ein Leben ohne Kapseln. Bald misstraut er den Verheißungen der Politiker, dass alle Menschen in Freiheit Wohlstand genießen können. Mittels einer Zeitkapsel geht er auf eine Reise, um die Menschen der Vergangenheit von der Idee der Kapselwelt abzubringen.

Die größtmöglich vorstellbare Gestaltungsstrategie beinhaltet das Geo-Engineering. Hierbei wird mittels chemischer oder physikalischer Eingriffe versucht, in das Klima und die geologischen Gesetze einzugreifen, das Klima regelrecht zu moderieren. Auswüchse sind hier das "Cloudbuster" des Psychoanalytikers Wilhelm Reich oder die Beeinflussung des Wetters mit Hilfe von Apparaturen und dem Einsatz von Chemie. Darauf angelegt war auch das "Projekt Cirrus", das die US Army ansetzte. Die extremsten Utopien reichen dahin, mittels einer Atombombe in das planetare System einzugreifen und den Abstand von der Erde zur Sonne zu verändern, um eine Kühlung herbeizuführen. In all diesen Systemen kommt es notwendig auch zu sozialer und politischer Ausgrenzung. Wanderungsbewegungen von Flüchtlingsströmen setzen ein.

"Wir leben in einer gebrochenen Moderne. Einerseits gibt es den Glauben an die Technik, andererseits die Angst vor technischen Lebensbedingungen." Sagt Friedrich von Borries. "Wir sind fasziniert von Künstlichkeit und sorgen uns zugleich vor dem Verlust von Wirklichkeit durch Künstlichkeit." Das stimmt alles nicht sonderlich optimistisch, aber der Kurator möchte seine Ausstellung keineswegs als Ausdruck von Resignation verstanden wissen. "Die Geschichte der Menschheit ist eine der ständigen Anpassung, nicht der Vermeidung", sagt von Borries. "Deshalb denke ich positiv."

Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe 28.5. bis 8.8., Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, Di-So 11-18 Uhr, Mi/Do 11-21 Uhr; Begleitpublikation, Edition Suhrkamp, 2009, 14 Euro

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus