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Extra-Journal

Eine Frage des Charakters

Warum sind die Klassenbesten meist langweilig und die Hinterbänkler oft viel spannender? Beim Wein ist das nicht anders, meint unser Autor

Wer kennt sie nicht, die Weinkritiker. Selbstverliebt und fehlersüchtig degustieren sie sich durch Dutzende von Weinen: Schlürfen, Spucken, Benoten ... Halten wir fest: Kein Wein auf der Welt wurde je dafür gemacht, in einem hygienisch reinen Degustationsraum ausgespuckt zu werden. Und zweitens: Weinkritiker können analysieren, messen und bewerten so viel sie wollen. Gerade ihre klassenbesten Weine zeigen uns Liebhabern oft genug die kalte Schulter und tun so, als wollten sie mit uns gar nichts zu tun haben. Und umgekehrt: Wie oft ist es jedem Weinliebhaber schon passiert, dass Weine von den hinteren Bänken ihn berührt, vielleicht sogar beeindruckt und für einen kurzen Augenblick glücklich gemacht haben.

Seltsam? Oder doch auch wieder nicht? Es ist wie bei den Menschen, es sind nicht die - wie auch immer - Besten oder Schönsten, die uns am meisten beeindrucken oder bezaubern: Es sind Menschen, die vom Leben mit seiner Kraft geformt wurden, Menschen mit ihrer authentischen Ausstrahlung. Es ist ihre Einmaligkeit, die sich jedem objektiven Raster entzieht. Ich erinnere mich an eine Degustation mit verdeckten Flaschen, bei der wir ohne Vorwissen getestet haben, welche Weine uns emotional ansprechen und welche uns kalt lassen. Das Resultat war ganz eindeutig: Die überwältigende Mehrzahl der Teilnehmer nannte die gleichen Weine. Bei der Auswertung hat sich gezeigt, alle diese Weine stammten von Winzern, die ihre Weine handwerklich gekeltert haben. Man merkte es sofort, hier hat nicht eine Laboranalyse den Wein geformt, sondern ein Mensch mit seinem Geschmack, seinem Können und seiner Kultur, in die er geboren wurde oder in der er aufgewachsen ist.

Ich bin neugierig auf solche Menschen und auf solche Weine, auf Tropfen mit Charakter. Sie schenken uns Erfahrungen, Begegnungen und im idealen Fall sogar ein gutes Gespräch, an das man sich noch lange und gern erinnert. Aber jede Begegnung ist auch ein Wagnis und birgt das Risiko des Neuen, Unerwarteten in sich. Ein noch nie gekosteter Geschmack kann uns befremden, ja sogar abstoßen. Das muss nicht immer an dem Wein liegen. Vielleicht verstehen wir seine Sprache einfach noch nicht. Der zu schnelle Reflex "schmeckt mir oder schmeckt mir nicht" kann uns ganz schön austricksen. Er ist eine Falle, in die wir alle schon so oft getappt sind und auch noch oft tappen werden.

Da heißt es Stopp! Geben wir ihm eine zweite Chance oder sogar eine dritte. Und plötzlich geht das Licht an, und alles ist klar: Wir haben nicht nur dem Wein eine zweite Chance, nein, wir haben uns selbst eine zweite Chance gegeben und sind um eine Erfahrung reicher geworden. In der erwähnten Degustation erfuhren wir das sehr eindrücklich mit einem sardischen Wein, der uns allen unbekannt war. Niemandem hat er auf Anhieb wirklich "geschmeckt", die meisten waren sogar über den fremden Geschmack leicht geschockt. Aber niemanden hat er kalt gelassen. Vor und dann natürlich auch nach dem Aufdecken der Etiketten haben wir lange an ihm herumgerätselt. Er blieb uns fremd, aber er hatte Kraft, und es ging eine starke Energie von ihm aus. Diesen Wein werde ich wohl nie vergessen. Oft werde ich gefragt, welches denn mein Lieblingswein wäre. Und muss die Frager dann immer ganz fürchterlich enttäuschen: Ich habe keinen Lieblingswein und bin notorisch untreu. Wer die Entdeckungen liebt, ist beim Wein (!) nicht monogam, kann es nicht sein. Er ist immer unterwegs und sucht und findet und geht weiter und hofft auf große Toleranz und Nachsicht. Ich bitte deshalb darum, nicht wie Don Giovanni in die Hölle fahren zu müssen.

Natürlich kann uns auch eine Flasche Wein, die wir für uns ganz allein genießen, glücklich machen. Schöner aber ist ihr Genuss in der Runde von Freunden. Ihr "Sitz im Leben" ist der Tisch, um den man sich versammelt. Hier spielt der Wein mit allen seinen Talenten: Er öffnet den Geist, und macht die Menschen schöner, charmanter und heiterer. Und sogar notorische Langweiler werden plötzlich geistreich und eloquent. Aber auch der Wein selbst entfaltet in Gesellschaft seine Persönlichkeit, er beginnt zu erzählen und verrät uns vieles über seine Heimat, seine Jugend und seine Geheimnisse. Und nicht zuletzt oder vielleicht sogar zu allererst: Der Wein begleitet die Speisen auf unseren Tellern. Er rückt sie ins rechte Licht und macht sie gut verträglich. In diesem Zusammenspiel übernimmt er manchmal den Part der ersten Geige, meist aber spielen Wein und Speisen ein Wechselspiel der Stimmen wie Geige und Klavier in einem klassischen Duett.

Hier am Tisch geht uns auf: der Wein ist zwar von Menschen gemacht, aber uns doch auch irgendwie von den Göttern geschenkt.

 

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