Theo Born und seine Rosalinde
Vor 50 Jahren entdeckte der Hamburger einen BMW Dixi von 1930 im Abendblatt - und kaufte das Auto. Noch heute sind die beiden ein unzertrennliches Paar.
Schuld war nur "Die feurige Isabella". Dieses Lustspiel sah Werner "Theo" Born Anfang Mai 1955 im Holi nahe der Hoheluftbrücke. Der damals 21 Jahre alte Feinmechaniker war fasziniert von dem Streifen, in dem es um ein Autoveteranen-Rennen ging. Wie ein Virus wirkten die Bilder der Oldtimer auf Born. Seither ist er infiziert. Und noch als der Abspann des Films lief, stand für ihn fest: "So einen Wagen muß ich haben."
Es dauerte nur gut ein Woche, da ging sein Traum in Erfüllung. Im Hamburger Abendblatt entdeckte er eine Anzeige: "BMW Dixi, 750 ccm, fahrbereit, 500 DM ." Mit seinem Chef machte sich Born gleich auf den Weg zur angegebenen Adresse in Eimsbüttel. Das Handeln überließ er seinem Vorgesetzten. Der zahlte schließlich auch den Preis, auf den sich die Parteien schnell einigten: 450 Mark, bar auf die Hand. Im Gegenzug überließ Born dem Boss seine Vespa: So wurden Geschäfte damals gemacht.
Genau 50 Jahre liegt das zurück. Und noch immer fährt Born seine "Rosalinde", die chromgrüne Cabrio-Limousine, die 1930 in Eisenach gebaut wurde. Seit 1904 wurden Autos mit dem Namen Dixi in dem Werk in Eisenach gefertigt: Kleinwagen und auch Reiselimousinen mit bis zu fünf Liter Hubraum. Im Jahr 1928 kauften die Bayerischen Motorenwerke die in Finanznot geratene Fahrzeugfabrik Eisenach und produzierten den verbesserten Dixi weiter.
Der Dixi war ursprünglich ein Lizenz-Nachbau des Austin Seven. Bis 1932 verließen 25 356 Stück das Werk. Der Preis: 2175 Reichsmark. Diesen wird auch der erste Besitzer der "Rosalinde", ein Pastor aus Hamburg, bezahlt haben. Er verkaufte den Wagen später an einen Schrotthändler von der Veddel, der wiederum an den Friseur aus Eimsbüttel, dem schließlich Born das damals schon 25 Jahre alte Auto abkaufte: am 24. Mai 1955.
Satte 100 000 Kilometer hat Born, heute 71 und nur vier Jahre jünger als sein Gefährt, mit der "Rosalinde" zurückgelegt. Zahllose Fotos, Unterlagen und Dokumente belegen die gemeinsame Geschichte, die gespickt ist mit unvergeßlichen Anekdoten.
Zum Beispiel die vom ersten Ausflug in die Lüneburger Heide am 29. Mai 1955 (Pfingsten): Born on Tour mit drei Freunden. Schon damals zog die "Rosalinde" viele Blicke auf sich - seinerzeit weiß lackiert mit orangefarbenen Kotflügeln und auf den Türen der Abendblatt-Slogan "Seid nett zueinander".
Im Sommer dann die erste große Tour in den Schwarzwald. 30 Stunden nonstop, der Liebe wegen: "Meine frühere Verlobte arbeitete dort", erinnert sich Born. Und in seinen Augen funkelt genau der Schalk, der davon zeugt, daß allem im Leben eine Seite abzugewinnen ist, die glänzt.
Zum Beispiel in der Nacht des 23. Oktober 1955. Born kam von einem Tanzabend und hatte ziemlich getankt: Bärenfang, ein süßer Likör mit Goldflitter. 1,4 Promille hatte er im Blut, als ihm um 3.15 Uhr ein Taxi die Vorfahrt nahm. Das Auto war kaputt und der Führerschein erst mal weg. Doch das Amtsgericht Hamburg lehnte die Eröffnung des Hauptverfahrens gegen Born ab: Es gebe keine Indizien für seine Fahruntauglichkeit - damals durfte man mit bis zu 1,5 Promille ans Steuer. Den Führerschein gab's zurück. Nach einer Woche. "Und mit Entschuldigungsschreiben der Polizei."
Sehenswert ist auch die Reparaturrechnung, in der die Werkstatt auf zwei Seiten detailliert auflistet, was zu welchem Preis gemacht wurde. Da heißt es unter anderem: "Auf dem Autofriedhof fehlende Ersatzteile (. . .) ausgebaut." Für eine Zylinderkopfdichtung wurden 5,50 Mark in Rechnung gestellt, plus 1,40 Mark für Porto und Versandspesen. Das Lenkrad kostete 22 Mark, zwei Biluxbirnen 6 Mark. Alles in allem 750 Mark: "Zwei Monatsgehälter."
In den ersten Jahren nahm Born mit seiner gleichaltrigen Frau Ingrid an etlichen Rallyes in Deutschland und England teil. Zahllose Arbeitsstunden und reichlich Geld hat Born in seine "Rosalinde" investiert: "Das macht nur, wer ein Technikfreak ist. Rechnen tut sich das alles nicht." Obwohl ein Gutachter 2002 den Wert der "Rosalinde" auf 10 000 Euro festsetzte.
Zunächst diente der Wagen (15 PS, Vierzylinder-Viertakmotor, Reisegeschwindigkeit 65 km/h) sogar als Familienkutsche. Die Rückbank bot gerade genug Platz für Sohn Hans-Jürgen, geboren 1952, und Baby Andre, der 1961 zur Welt kam und immer in einen Eierkarton gelegt wurde, weil es für den Kinderwagen zu eng war. Doch auch Vater Born mußte einsehen: Die "Rosalinde" hat nicht das Zeug zum Familiengefährt. Er mottete sie ein und meldete sie erst 1972 wieder an, als Zweitwagen.
Damals fing Born an, sich auch für die Geschichte seines Autos zu interessieren. Haufenweise Exponate in seiner Wohnung in Horn zeugen von seinen erfolgreichen Nachforschungen. Und auch andere interessierten sich für "Rosalinde". Sie wurde für einen BMW-Kalender fotografiert und war in den 70ern sowohl in einem Kinofilm mit Gert Haucke als auch im Fernsehen ("Schaubude") zu sehen.
Interesse zeigte auch ein Japaner. Anfang der 80er Jahre reiste Mr. Doy, ein reicher Geschäftsmann, an. Auf zwei eigens gemieteten Parkdecks in Tokio hortete er Autos - von jedem Typ, den BMW jemals hergestellt hat, eines. Nun, die "Rosalinde" rückte Born nicht raus. Dazu genießen er und seine Frau es viel zu sehr, mit ihr durch die Gegend zu juckeln - wie jetzt zu Pfingsten zum Oldtimer-Treffen auf Rügen. Daß er sich von seiner "Rosalinde" noch mal trennen könnte - für Born undenkbar: "Das war doch schließlich mein erstes Auto!"



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