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Auto & Motor

Forschung: Jedes Jahr rund 1500 Warnmeldungen im Radio

Elektronik soll die Geisterfahrer stoppen

Oft sind schlechte Sicht und Orientierungslosigkeit die Gründe für das Fehlverhalten - aber auch Suizidabsichten und Mutproben.

Hamburg. Dieses Schreckensszenario hat sich wohl jeder schon mal ausgemalt: Da fährt man sorglos durch die Nacht, und plötzlich kommt einem auf der eigenen Spur ein Auto entgegen. Zwar passiert das seltener, als man angesichts der vielen Warnhinweise im Radio glaubt. Doch wenn vor einem tatsächlich ein Falschfahrer auftaucht, sind die Folgen meist fatal. Immer wieder gibt es deshalb Forschungs- und Entwicklungsansätze, um diese fatalen Fehler zu vermeiden. Nun soll die Elektronik die Irrfahrer stoppen.

Zwar ist dieser Alptraum auf der Autobahn in den Köpfen der Fahrer ungeheuer präsent. "Doch ist die Wahrscheinlichkeit, je einem Falschfahrer zu begegnen, etwa so groß wie die, von einem Blitz getroffen zu werden", sagt Verkehrspsychologe Adalbert Allhoff-Cramer. Der Gutachter des TÜV rechnet zur Beruhigung vor: "Nach unseren Schätzungen gibt es in Deutschland etwa einen Falschfahrer pro Tag." Bei Millionen von Fahrzeugbewegungen am Tag sei das Risiko für jeden einzelnen also denkbar gering. Außerdem sei die öffentliche Wahrnehmung getrübt, sagt ADAC-Sprecher Maximilian Maurer. Das liegt zum einen an der Unfallschwere. Wenn tatsächlich etwas passiert, dann immer mit großen Folgen. "Diese Unfälle sind spektakulär und hoch dramatisch", sagt Allhoff-Cramer. Zum anderen liegt es am Radio: Über die Verkehrsfunksender werden jährlich rund 1500 Meldungen über Falschfahrer verbreitet.

Die Warnungen werden so ernst genommen, dass für sie nicht nur das laufende Programm unterbrochen wird. Wegen ihrer hohen Brisanz gehen sie zudem ungeprüft über den Äther. Darunter sind entsprechend viele Falschmeldungen, weil Autofahrer entgegenkommende Lichter nachts nicht richtig zuordnen können oder weil vermeintliche Witzbolde es auf diese Weise leicht ins Radio schaffen. "80 Prozent der Meldungen werden polizeilich nicht weiter verfolgt, weil sie einer genaueren Untersuchung nicht standhalten", relativiert Maurer die Statistik. Warum Autofahrer auf die falsche Bahn geraten, wurde von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BaSt) untersucht. Die wichtigsten Gründe sind demnach vor allem Stress und Überforderung, der Verlust der Orientierung und schlechte Sicht. "In vielen Fällen sind auch Alkohol oder Drogen im Spiel", ergänzt Allhoff-Cramer und nennt zudem psychologische Gründe wie Suizidabsichten oder gefährliche Mutproben. Das Alter dagegen ist offenbar kein Indikator: Nur zehn Prozent sind über 65 Jahre alt.

Nach Angaben der Unfallforschung von Mercedes lauert die größte Gefahr an Anschlussstellen und Autobahnkreuzen, wo jeweils gut ein Drittel aller Geisterfahrten beginnen. 16 Prozent geraten auf freier Strecke auf die falsche Bahn, sieben Prozent an Raststätten und vier Prozent in Baustellen. Weit kommen die Fahrer auf ihren Abwegen allerdings nicht: 26 Prozent bemerken den Fehler bereits innerhalb der ersten 100 Meter, 34 Prozent reagieren noch vor 500 und 17 Prozent vor 1000 Metern. 23 Prozent allerdings fahren in ihrem gefährlichen Irrglauben einen Kilometer weit und mehr.

Eine Patentlösung im Kampf gegen Falschfahrer gibt es nicht, glaubt Allhoff-Cramer. "Natürlich könnte man betroffene Strecken elektronisch überwachen und dann komplett sperren. Doch wäre dieser Aufwand aufgrund des großflächigen Straßennetzes in Deutschland kaum zu bezahlen." Auch technische Maßnahmen an den Auffahrten könnten keinen hundertprozentigen Schutz bieten, sagt ADAC-Sprecher Maurer mit Blick auf Nagelbänder oder Krallen an den Einfahrten. Schließlich werden viele ja erst auf der Autobahn selbst zum Falschfahrer. Zudem wären diese Einrichtungen angesichts der vielen Anschlussstellen mit hohen Kosten verbunden. "Und zu guter Letzt könnten solche Hindernisse leicht die Falschen stoppen, wenn zum Beispiel die Rettungsdienste entgegen der Fahrtrichtung zu einer Unfallstelle müssen, gibt Allhoff-Cramer zu bedenken.

Siemens VDO schlägt deshalb einen anderen Weg ein: Als Weiterentwicklung der Verkehrszeichen-Erkennung forscht der Zulieferer an einem Assistenzsystem, das in kritischen Situationen rechtzeitig Alarm schlagen soll. "Dafür programmieren und trainieren wir die Bildauswertung der Kamera hinter dem Rückspiegel so, dass sie neben den Geschwindigkeitsbeschränkungen auch Einfahrverbote erkennt", erklärt Entwickler Michael Lütz. Ins Visier rückt das Zeichen 267 "Verbot der Einfahrt", das einen weißen Balken auf rotem Grund zeigt und an der Rückseite jeder Autobahnzufahrt steht.

"Weil wir zudem vom Navigationssystem Informationen erhalten, auf was für einem Straßentyp und in welcher Richtung der Wagen unterwegs ist, können wir den Fahrer auf seinen riskanten Irrtum aufmerksam machen", sagt Lütz. Denkbar seien dabei akustische Warnsignale ebenso wie die Einblendung eines entsprechenden Piktogrammes im Head-Up-Display oder eine Stotterbremsung. Dann hat der Fahrer noch die Chance, seine Irrfahrt zu beenden, bevor sie wirklich gefährlich wird. Noch allerdings hat das System einen entscheidenden Haken: Es funktioniert momentan nur im Prototypen und ist deshalb noch nicht zu kaufen.tmn

 

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