Verkehr
Rundum-Grün: Die Ampelschaltung der Zukunft?
Das im Ausland schon verbreitete Rundum-Grün an Ampeln soll Unfällen vorbeugen und wird nun auch hierzulande getestet - erstmal in Berlin.
Rundum-Grün macht die Kreuzung frei für Fußgänger: Solche Ampelschaltungen könnten Unfälle zwischen abbiegenden Autos und Passanten vermeiden
Foto: dpa
Es könnte ein autofreier Sonntag sein in Berlin-Kreuzberg - so zumindest der flüchtige Eindruck. Menschen gehen kreuz und quer über die Kreuzung von Friedrich- und Kochstraße, als gäbe es dort keinen weiteren Verkehr. Und tatsächlich: Für zehn Sekunden haben die Fußgänger rundherum Grün und die Straße für sich. Dann werden die Ampelmännchen wieder rot, und die Autofahrer sind erst einmal dran - für eine gefühlte Ewigkeit.
Ampelanlagen, an denen die Rot- und Grünphasen für Fußgänger und motorisierte Verkehrsteilnehmer getrennt voneinander geschaltet sind, nennen die Fachleute Rundum-Grün. Wenn die Fußgänger auch diagonal queren dürfen, so wie in Kreuzberg, spricht man vom Diagonal-Grün. Im Ausland - in den USA oder Japan - gibt es solche Kreuzungen häufiger. Man verspricht sich davon, typische Gefahren im Keim zu ersticken.
"Eine derartige Fußgängerphase mit Alles-Rot für den Kraftfahrzeugverkehr vermeidet die mögliche Gefährdung der Fußgänger durch abbiegende Fahrzeuge", sagt Richard Schild vom Bundesverkehrsministerium. Entsprechend hat eine Untersuchung der Unfallforscher der Versicherer (UDV) ergeben: Abbiegeunfälle zwischen Kraftfahrern und Fußgängern kommen schlicht nicht mehr vor. Analysiert wurden neben Berlin auch Kreuzungen in Köln, Wuppertal und Kaiserslautern, wo das Rundum-Grün vereinzelt umgesetzt wurde.
In Köln wurde an zwei Kreuzungen das Rundum-Grün geschaltet: "An der Anlage Mengenicher Straße/Schulstraße war die sichere Schulweggestaltung ausschlaggebend", sagt Susanne Rosenstein vom Amt für Straßen und Verkehrstechnik. Dort könne nun auch der rechts abbiegende Verkehr ungehindert abfließen. Auch nach Ansicht des ADAC können solche Ampeln Unfallherde entschärfen. Doch Verkehrsstrategen, ob in Köln oder Berlin, zögern mit weiteren Umsetzungen. Denn es gibt einen Zielkonflikt, den UDV-Sprecher Klaus Brandenstein so beschreibt: "Die sicherste Variante ist die zeitaufwendigste." Die Studie der Unfallforscher bestätigt das: Autofahrer und Fußgänger leben zwar erst einmal sicherer, müssen vor der Ampel aber auch längere Wartezeiten in Kauf nehmen.
Deshalb sieht die Richtlinie für Lichtsignalanlagen (Rilsa), auf die sich Ministeriumssprecher Schild bezieht, das Rundum-Grün speziell für Knotenpunkte mit starkem Fußgänger- und vergleichsweise geringem Kraftfahrzeugverkehr vor. Das können zum Beispiel Kreuzungen in der Nähe von Fußgängerzonen oder an touristischen Attraktionen sein. Ansonsten seien "Beeinträchtigungen der Qualität des Verkehrsablaufes zu erwarten". Im Klartext: Staus. Und wenn der Verkehr stockt, kann das wiederum zu nervösem Verkehrsverhalten und letztendlich auch Unfällen führen, schätzt UDV-Sprecher Brandenstein.
Eine verstärkte Beeinträchtigung für Autofahrer haben die Berliner Verkehrsstrategen an der belebten Kreuzung Friedrichstraße/Kochstraße zwar nicht beobachtet. Doch reißt den Fußgängern hier wegen längerer Wartezeiten öfter der Geduldsfaden: Es dauert länger, bis alle einmal dran waren, weil für Autofahrer und Fußgänger insgesamt drei anstelle von normalerweise zwei Grünphasen geschaltet sind.
Insgesamt müssen die Fußgänger hier über eine Minute warten, bis sie weiter dürfen. "Wenn ihnen das zu lange dauert, laufen sie einfach bei Rot drüber", klagt Petra Rohland von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Das Risiko von Unfällen mit links abbiegenden Autofahrern steige. "Das ist das Gefährliche am Rundum-Grün", so Rohland. Und die Gefahr für geradeaus fahrende Fahrradfahrer, von unaufmerksamen Rechtsabbiegern über den Haufen gefahren zu werden, sei ebenfalls nicht gebannt.
Ob sich Chancen und Risiken von Ampelschaltungen mit Rundum-Grün gegenseitig aufheben, hat bislang noch niemand genau ermittelt. Und die Frage kann so pauschal wohl auch gar nicht beantwortet werden. Sven Rademacher vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat jedenfalls sagt: "Es hängt vom Einzelfall ab, ob eine Kreuzung durch Rundum-Grün sicherer wird."




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