Gebrauchtwagen

Milliarden-Betrug durch Tachotrickser

Foto: HA / Thorsten Ahlf

Laut Schätzungen wird bei einem Drittel aller Gebrauchtwagen hierzulande der Kilometerstand gefälscht. Test zeigt, wie einfach das ist.

Die gebrauchte Mercedes C-Klasse hält vor einem unscheinbaren Mehrfamilienhaus in Köln-Weiden. Nichts deutet darauf hin, dass hier - direkt auf dem Bürgersteig neben einer stark befahrenen Hauptverkehrsstraße - in wenigen Minuten eine Straftat stattfinden wird. Kein Kavaliersdelikt, sondern eine Tat, auf die bis zu ein Jahr Gefängnis steht: Der Tachostand des Autos soll manipuliert werden.

Weil die Polizei schätzt, dass jeder dritte Gebrauchtwagen mit einem gefälschten Kilometerstand verkauft wird, will die Redaktion von "Auto Bild" es wissen: Wie einfach funktioniert der verbotene Tachodreh? Das C-Klasse-Modell scheint ein geeignetes Objekt dafür zu sein: Es hat in den vergangenen vier Jahren knapp 225 000 Kilometer im Zeitraffer abgespult, wirkt jedoch wesentlich frischer. Der Tachostand soll um 140 000 Kilometer nach unten korrigiert werden, anschließend wird der Wagen dann einem Gutachter vorgeführt. Ob er erkennen kann, dass die C-Klasse fast die dreifache Laufleistung hinter sich hat?

Am Vortag hatte die Redaktion im Internet die Handynummer von Andreas F. (Name der Redaktion bekannt) gefunden. Er bietet auf der Homepage www.tachodata.de seine Dienste an: "Tachoreparatur und Chiptuning mit professionellem Vorortservice", heißt es dort. Ein kurzer Anruf genügt, F. fragt Fahrzeugmodell und Baujahr ab. Dann schickt er per SMS seine Adresse, die Reise geht von Hamburg nach Köln. "Viele haben im Hinterkopf, dass Tachos in dubiosen Hinterhöfen mit gebastelten Geräten manipuliert werden. Das ist falsch: Die Trickser arbeiten hoch professionell mit industriell eigens zum Fälschen hergestellten Laptops", sagt Alexander Hartinger, Leiter der Ermittlungsgruppe Tacho bei der Münchner Kriminalpolizei.

Und tatsächlich bringt F. zum Treffen einen etwa DIN-A4-großen Computer mit blauem Kunststoffgehäuse und Touchscreen mit. Es ist ein "Digiprog", das in der Szene am meisten verbreitete Manipulationsgerät. In den vergangenen Jahren wurden davon etwa 2500 zum Stückpreis von rund 14 000 Euro in Deutschland verkauft - völlig legal, der Besitz des Gerätes ist nicht verboten. "Trotz des hohen Preises für das Digiprog ein lukratives Geschäft für die Tachotrickser", sagt Hartinger. Seine Erfahrungen zeigen: Im Schnitt manipulieren die Betrüger drei Autos am Tag. Macht rund 10 000 Euro im Monat, die Investition amortisiert sich schnell.

Taxi- und Mietwagenunternehmen setzen oft auf eine andere Methode: Sie nutzen Kilometer-Filter, kleine Platinen, die in die Steuerelektronik eingreifen und nur jeden zweiten gefahrenen Kilometer aufzeichnen. Sie lassen sich ganz einfach wieder entfernen - bevor das manipulierte Auto verkauft wird.

Auch F. kann mit dem Mercedes den schnellen Euro machen: Er verbindet seinen Computer über eine Schnittstelle im Fahrerfußraum mit dem Auto, gibt den gewünschten Kilometerstand ein, wartet ein paar Minuten. Die Zeit überbrückt er mit Smalltalk. "Von Hamburg bist du gekommen. Weiter Weg. Na ja, ich hatte neulich einen Kunden, der ist mit seinem Smart aus Berlin gekommen. Warum willst du den Tacho denn drehen? Soll der Wagen verkauft werden? Am besten ins Ausland, dann kann dir nichts passieren ..." Plötzlich flackert der Tacho und zeigt die gewünschten 84 739 Kilometer an. F. ist zufrieden. "Das kann jetzt keiner mehr nachvollziehen", sagt er. Nur bei einem Software-Update müssten wir vorsichtig sein, der Originalkilometerstand sei im Zündschloss hinterlegt. F. kassiert 100 Euro in bar. Hätte er alle elektronischen Spuren beseitigt, wären 500 Euro fällig. Dabei ist er nur ein kleiner Fisch. Viele Tachobetrüger sind in Mafia-ähnlichen Strukturen organisiert. Bei einer Razzia hat die Münchner Polizei im März die Geschäftsräume von 150 Händlern durchsucht, 26 Haftbefehle vollstreckt. Hauptkommissar Hartinger und seine Ermittlungstruppe haben 200 manipulierte Autos und eine Million Euro Bargeld sichergestellt; die Spuren der Täter führten von München nach Österreich, Bulgarien und in die Schweiz.

Gedreht wird an allen Fahrzeugen, vom einfachen Golf über hochpreisige Autos wie Porsche und Mercedes bis hin zu Leasingrückläufern, die in kurzer Zeit viele Kilometer fahren. Eine glänzende Fassade ist dabei keine Garantie für korrekte Kilometerstände. Manfred Groß vom ADAC: "Weil die Manipulation so schnell und einfach geht, kann das prinzipiell jeden Gebrauchtwagen-Verkäufer in Versuchung führen - sogar scheinbar seriöse Händler", sagt er.

Der volkswirtschaftliche Schaden, den die Tachomafia dabei verursacht, ist riesig. Die Münchner Polizei hat bei den 200 beschlagnahmten Autos eine durchschnittliche Werterhöhung von 3400 Euro festgestellt. Hochgerechnet auf zwei Millionen Gebrauchtwagen im Jahr, die mutmaßlich mit gedrehtem Tacho verkauft werden, entsteht deutschen Gebrauchtwagenkäufern ein Schaden von rund 6,8 Milliarden Euro.

Zurück in Hamburg, der Mercedes wird dem Gutachter Torsten Cahnbley von der Gesellschaft für Technische Überwachung (GTÜ) vorgestellt. Er überprüft Innen- und Motorraum, inspiziert den Unterboden auf einer Hebebühne. "Einen Tachostand von knapp 100 000 km halte ich für glaubhaft. Der Mercedes weist nur wenig Verschleiß an den typischen Stellen wie Lenkrad oder Pedalgummis auf", sagt er.

Würde man die C-Klasse verkaufen wollen, hätte man ein gutes Geschäft gemacht. Die Experten von EurotaxSchwacke haben für den Mercedes mit Original-Kilometerstand einen Wert von 9050 Euro ermittelt. Nach der in wenigen Minuten ausgeführten Manipulation ist der weiße 180er gleich 6000 Euro mehr wert - zumindest theoretisch. Denn die gesammelten Langstrecken-Kilometer haben Spuren auf dem Papier hinterlassen: Bei Mercedes ist eine Wartungshistorie mit entsprechendem Kilometerstand hinterlegt. "Interessenten sollten vor dem Kauf wie ein Detektiv forschen, ob das Auto schon einmal mit einem höheren als dem aktuellen Kilometerstand in Erscheinung getreten ist", empfiehlt ADAC-Experte Manfred Groß.

Am Ende schließlich ein erneuter Treff mit einem Tachodreher. Ungewöhnlicher Arbeitsauftrag: den Original-Tachostand von 225 000 Kilometern wieder herzustellen.

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