07.09.12

Gesundheit

Alkohol und schwanger: Lebenslange Folgen für Kinder

Schon ein kleiner Rausch in der Schwangerschaft kann ein Kind lebenslang schädigen. Sonntag ist Tag des alkoholgeschädigten Kindes.

Von Bettina Nöth
Foto: dpa/DPA
Schon ein kleiner Rausch während der Schwangerschaft kann das Kind lebenslang schädigen
Schon ein kleiner Rausch während der Schwangerschaft kann das Kind lebenslang schädigen

Berlin. "Er war sehr lebhaft, aber manchmal hatte er regelrechte Gewaltausbrüche", erinnert sich Gerhild Landeck aus Leipzig an die erste Zeit mit ihrem damals sechsjährigen Pflegesohn. Im Unterricht war er der Zappelphilipp, konnte sich nicht konzentrieren. In zwei Jahren wechselte er viermal die Schule. Schließlich galt er als unbeschulbar. Die Landecks waren ratlos. Erst nach Jahren stellte ein Arzt die richtige Diagnose: Der Pflegesohn hatte ein "fetales Alkoholsyndrom" (FASD). Verursacht durch Alkoholmissbrauch seiner Mutter. Schon ein kleiner Rausch in der Schwangerschaft kann ein Kind lebenslang schädigen. Darauf machen Verbände und Politik anlässlich des Tages des alkoholgeschädigten Kindes am Sonntag aufmerksam.

Das fetale Alkoholsyndrom tritt doppelt so häufig auf wie das Down-Syndrom. Das Tragische: Es ist zu 100 Prozent vermeidbar. Dennoch kommen jedes Jahr in Deutschland bis zu 10.000 alkoholgeschädigte Kinder zur Welt. Von ihnen sind rund 3.000 bis 4.000 schwerwiegend geistig und körperlich beeinträchtigt. "Alkoholkonsum in der Schwangerschaft kann zu einer unheilbaren und lebenslangen Behinderung des Kindes führen", warnt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP). Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung rät, auch während der Stillzeit vollständig auf Alkohol zu verzichten.

Die betroffenen Kinder sind zierlicher als ihre Altersgenossen, haben einen kleinen Kopf, eine kürzere Nase, manche schielen leicht, viele haben Lernschwierigkeiten, sind hyperaktiv und können sich schwer in Andere hineinversetzen. Die Symptome von FASD sind vielfältig, der Lebenslauf vieler Kinder ist ähnlich: 80 Prozent werden in Betreuung gegeben und häufig bleibt ihre Behinderung unentdeckt. Für die künftigen Pflegeeltern ein doppelt schweres Los.

+++ Nervenschäden durch Alkohol in der Schwangerschaft +++

+++ Lebensstil von Schwangeren hat lebenslange Folgen fürs Kind +++

Oft weiß nicht einmal das Jugendamt um die Auffälligkeiten der Kinder, so die Erfahrung von Gerhard Petuelli. Er ist Gründer der FASD-Selbsthilfegruppen "lebenslänglich Moritz". Bisweilen klären die Vermittlungsstellen die künftigen Pflege- und Adoptiveltern aber auch nicht ausreichend auf, kritisiert er. Dabei könne ein Kind mit FASD eine ganze Familie regelrecht "sprengen".

Zugleich erkennen viele Ämter die Diagnose FASD nicht an, beklagt er. Dann erhalten die Betroffenen keine Sozialleistungen und keine geeignete Förderung. Selbst die meisten Ärzte seien nicht ausreichend über FASD informiert. Derzeit erarbeiten die zuständigen Behörden Leitlinien zur Diagnose, damit die Versorgungsämter den Grad der Behinderung feststellen können. Laut Bundesdrogenbeauftragter sollen noch im Herbst einheitliche Standards verabschiedet werden.

Für Gerhild Landeck änderte sich mit der richtigen Diagnose der Umgang mit ihrem Pflegesohn grundlegend. "Wir wussten zwar, dass die Mutter Alkoholikerin war, aber wir kannten FASD nicht", berichtet sie. Nun konnten sie ihren Pflegesohn angemessen fördern: Weniger Leistungsdruck, klare Grenzen und Konsequenzen aufzeigen, den Tag strukturieren. So schaffte er den Realschulabschluss. Heute arbeitet er als Kfz-Mechatroniker.

Wie der Pflegesohn der Landecks brauchen viele Betroffene auch als Erwachsene Unterstützung. Sie finden diese etwa in betreuten Wohnformen. Doch davon gibt es zu wenige. "Oft fallen diese Leute heute in ein Loch und werden obdachlos", sagt der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe (CDU). Viele Menschen mit FASD finden keinen sozialen Anschluss, weiß auch der Münsteraner Psychologe Reinhold Feldmann. Oft werden sie ausgenutzt bis hin zu kriminellen Delikten. Nicht selten sind sie Opfer von Missbrauch und Gewalt.

Familie Landeck wird sich wohl ein Leben lang um ihren Pflegesohn kümmern müssen. Er stand schon mehrmals auf der Straße, verlor den Job und dann die Wohnung. Schon zweimal hat die Familie den inzwischen Mittzwanziger wieder bei sich aufgenommen. Derzeit hat er eine feste Arbeit. Doch Gerhild Landeck weiß, dass sich das auch bald wieder ändern kann. (KNA)

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