19.07.12

Versandhändler in der Insolvenz

Neckermann.de-Pleite: Was passiert mit bestellten Waren?

Die Insolvenz von Neckermann.de verunsichert Verbraucher. Ein Experte erklärt ihre Rechte und beschreibt, was auf die Kunden zukommt.

Foto: dpa/DPA
Neckermann
Ein Karton wird in der Zentrale von Neckermann.de in Frankfurt am Main auf einem Band zum bereit stehenden LKW befördert –ein Experte erklärt, welche Rechte Verbraucher nach der Insolvenz von Neckermann.de noch haben

Frankfurt/Main. Neckermann.de zieht die Notbremse, der einst riesige Versandhändler meldet Insolvenz – nun sind viele Verbraucher verunsichert. Was passiert mit meiner bestellten Ware? Wie sieht es mit Gewährleistungsansprüchen aus? Und an wen richte ich den Widerruf, wenn Neckermann.de insolvent ist?

Dr. Carsten Föhlisch ist Experte für Verbraucherrecht und erklärt, welche Rechte Verbraucher trotz der Insolvenz haben. 2009 war Föhlisch Sachverständiger im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages zur Neuordnung von Vorschriften über das Widerrufs- und Rückgaberecht. Im Februar 2011 wurde er als Experte zur "Button-Lösung" im Bundesministerium der Justiz gehört. Er beantwortet die wichtigsten Fragen rund um die Neckermann-Insolvenz.

+++ Neckermann.de zieht Notbremse und stellt Insolvenzantrag +++

Ich habe bei Neckermann bestellt. Wird meine Ware trotz Insolvenz noch ausgeliefert?

Ist ein Unternehmen zahlungsunfähig, so ist es gesetzlich verpflichtet, Insolvenz beim zuständigen Amtsgericht anzumelden. Das Gericht hat die Möglichkeit, durch sogenannte Sicherungsmaßnahmen eine Vermögensminderung zu verhindern. Dazu wird ein vorläufiger Insolvenzverwalter eingesetzt, der unter anderem die Aufgaben hat, das verbleibende Vermögen zu erhalten sowie zu prüfen, ob die Kosten des Insolvenzverfahrens überhaupt durch dieses gedeckt werden.

+++ Otto hat kein Interesse – Mitarbeiter fühlen sich abserviert +++

Ist nicht genügend Vermögen vorhanden, so wird die Insolvenzeröffnung abgewiesen. In diesem Fall kann der Kunde bereits keine Ansprüche mehr gegen das insolvente Unternehmen durchsetzen. Es wird dann keine Ware mehr geliefert und der Kunde bekommt kein Geld zurück. Ist die Ware allerdings bereits auf dem Weg zum Kunden, kann dieser die Ware behalten.

Reicht das Vermögen jedoch aus, um wenigstens die Kosten des Insolvenzverfahrens zu begleichen, so wird das Insolvenzverfahren eröffnet und der Insolvenzverwalter benannt. Dieser führt die Geschäfte weiter und fordert alle Gläubiger – also Personen, die noch Geld oder Ware vom insolventen Unternehmen bekommen – auf, ihre Forderungen innerhalb einer gesetzten Frist ordnungsgemäß bei ihm anzumelden. Wie das Beispiel Quelle zeigt, ist es möglich, dass der Betrieb für eine gewisse Zeit fortgeführt und die bestellte Ware ausgeliefert wird. Im Rahmen einer Insolvenz kann eine Lieferung der Ware jedoch nicht mehr möglich sein, wenn Großhändler das insolvente Unternehmen nicht mehr beliefern.

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+++ Zukunft von Neckermann.de unklar – Druck steigt +++

Ich habe Ware bestellt und per Vorkasse bezahlt. Wie komme ich an mein Geld?

Hierbei handelt es sich um eine Geldforderung gegen das insolvente Unternehmen. Es bleibt dem Kunden nichts anderes übrig, als seine Forderung beim zuständigen Insolvenzverwalter anzumelden. Aktuelle Informationen hierzu erfährt man zum Beispiel beim zuständigen Amtsgericht. Grundsätzlich besteht die Möglichkeit vom bestehenden Kaufvertrag zurückzutreten. Hat der Kunde jedoch bereits den vollen Kaufpreis geleistet oder einen Teil angezahlt, so müssen diese Forderungen beim Insolvenzverwalter angemeldet werden. In vielen Fällen erhält der Gläubiger im Rahmen der Abwicklung nur einen Bruchteil seines Geldes zurück.

An wen richte ich meinen Widerruf, wenn Neckermann insolvent geht?

Der Widerruf wird weiterhin an das Unternehmen selbst gerichtet. Das Unternehmen wird durch den Insolvenzverwalter vertreten. Möchte der Käufer von seinem gesetzlichen Widerrufsrecht Gebrauch machen, sollte er beachten, dass dies zwar möglich ist, aber eventuell kein Geld zurückerstattet wird, da das Unternehmen den Betrag nicht zurückerstatten kann. Sofern die Ware vollständig bezahlt wurde empfiehlt es sich also, diese auch zu behalten oder eventuell anderweitig zu verkaufen. Andernfalls müsste die Forderung zur Rückzahlung beim Insolvenzverwalter angemeldet werden.

Wie sieht es mit Gewährleistungsansprüchen aus?

Ein großes Problem: Das insolvente Unternehmen wird wahrscheinlich nicht mehr im Stande sein, Gewährleistungsansprüche zu erfüllen. Hat der Kunde jedoch eine Herstellergarantie auf seine Ware, so hat er Glück im Unglück: Tritt bei der Ware ein Defekt auf, so kann er beim Hersteller die Reparatur oder einen Austausch fordern, sofern der eintretende Fall durch die Garantiebedingungen des Herstellers abgedeckt ist. Hierbei ist die Garantie nicht mit der gesetzlichen Gewährleistung zu verwechseln. Eine Garantie ist ein freiwilliges Versprechen des Herstellers, der für einen bestimmten Zeitraum eine einwandfreie Funktionsweise garantiert.

Niedergang von Neckermann – eine Chronologie
Niedergang von Neckermann – eine Chronologie
Neckermann hat am 18. Juli 2012 Insolvenz angemeldet. Damit endet vorläufig eine über 60-jährige Unternehmensgeschichte. Den fetten Jahren folgten Krisenzeiten – eine Übersicht.
1. April 1950: Der Kaufmann Josef Neckermann gründet in Frankfurt/Main die Neckermann Versand KG.
1. Januar 2006: Das Unternehmen wird in "neckermann.de" umbenannt. Damit soll der gewachsenen Bedeutung des Internethandels Rechnung getragen werden.
28. November 2006: Der Handelskonzern Arcandor, zu dem neckermann.de gehört, gibt bekannt, sich von der Versandsparte zu trennen, um sich auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren.
12. Dezember 2007: Mit 51 Prozent geht die Mehrheit der Neckermann-Anteile ohne direkte finanzielle Gegenleistung an den amerikanischen Finanzinvestor Sun Capital Partners.
8. Oktober 2010: Nach der Insolvenz von Arcandor gehen auch die restlichen 49 Prozent Beteiligung an Sun Capital.
27. April 2012: Der Versandhändler kündigt an, den Kataloghandel komplett einzustellen. Zugleich gibt das Unternehmen bekannt, wegen anhaltender Umsatzeinbrüche mehr als jeden zweiten Arbeitsplatz in Deutschland streichen zu wollen. Von gut 2500 Stellen sollen 1380 wegfallen.
10. Mai 2012: Das von der Belegschaft erarbeitete Sanierungskonzept ist endgültig gescheitert. Das geben Arbeitnehmervertreter nach einem Gespräch mit Geschäftsleitung und Eigentümer bekannt.
21. Mai 2012: Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) lehnt staatliche Hilfe für Neckermann ab.
8. Juni 2012: Der Streit um Stellenkürzungen geht in die nächste Runde. Ver.di fordert die Einrichtung einer Transfergesellschaft.
2. Juli 2012: Die Neckermann-Beschäftigten rufen zu einem zweitägigen Streik auf. Damit will ver.di den Druck auf die Geschäftsführung und den Eigentümer Sun Capital erhöhen, die Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag mit Abfindungen wieder aufzunehmen. Zugleich äußert die Gewerkschaft Befürchtungen, wonach weitere 1.500 Beschäftigten entlassen werden könnten.
11. Juli 2012: Der Druck auf neckermann.de wächst. Die Verhandlungen in den Einigungsstellen seien endgültig gescheitert, teilt das Unternehmen mit. Dabei geht es um mögliche Abfindungen für von Entlassung bedrohte Mitarbeiter, auf die die Gewerkschaften pochen. Vergeblich: "Die dazu notwendigen finanziellen Mittel sind jedoch nicht vorhanden", teilt Neckermann mit.
18. Juli 2012: Neckermann stellt Insolvenzantrag. Die Verhandlungen über einen Sanierungsplan seien gescheitert, teilen das Unternehmen und die Gewerkschaft in Frankfurt am Main mit. (dapd)
Die größten Versandhändler in Deutschland
Die größten Versandhändler in Deutschland
Online schlägt Katalog: Der reine Internet-Händler Amazon schlägt beim Umsatz die alteingesessenen Versandhäuser in Deutschland – allerdings nur, wenn die Konzernfirmen Bonprix, Heine und Witt nicht zur Otto Group gerechnet werden.
Neckermann belegt nach den Zahlen des EHI Retail Institute für 2010 Platz vier.
1. Amazon (Umsatz 2800 Mio. Euro)
2. Otto Group (2100 Mio. Euro)
3. Weltbild (geschätzt 1150 Mio. Euro)
4. Neckermann (871 Mio. Euro)
5. Conrad Electronic (geschätzt 785 Mio. Euro)
6. Klingel (geschätzt 740 Mio. Euro)
7. QVC (719 Mio. Euro)
8. Heine (666 Mio. Euro)
9. Witt Weiden (603 Mio. Euro)
10. Bonprix (geschätzt 600 Mio. Euro) (dpa)
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