02.07.12

Arbeitsbelastung

Rettet den Feierabend: Freizeit und Arbeit verschmelzen häufig

Früher hatten viele Betriebe feste Arbeitszeiten. Heute sind Arbeit und Freizeit oft kaum sauber zu trennen. Das kann viel Stress machen.

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Rettet den Feierabend:Freizeit und Arbeit verschmelzen immer mehr
Hallo Chef! - Nicht selten werden Arbeitnehmer auch in der Freizeit von ihrem Vorgesetzten kontaktiert. Um Arbeit und Freizeit zu trennen, hilft deshalb manchmal nur eins: das Handy abschalten

Berlin. Früher war nicht alles besser, aber manches einfacher. Die Trennlinie zwischen Arbeit und Freizeit zum Beispiel ist heute oft nicht mehr klar zu ziehen. Wenn es zu Opas Zeiten "Feierabend!" hieß, dann war das in vielen Betrieben das Signal, dass nun Schluss mit der Arbeit sein sollte. So einfach ist das heute nicht mehr. Die "Entgrenzung von Arbeit und Freizeit" nennt Wolfgang Panter das. Er ist Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW). Wo sich beides nicht mehr auseinanderhalten lässt, gibt es keinen Feierabend mehr.

Das Thema hat mittlerweile auch die Politik entdeckt: Eine deutliche Trennung von Arbeit und Freizeit forderte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen erst kürzlich. Hilfreich dafür sei es, sich selbst klare Regeln zu geben, betont Wolfgang Panter. Etwa dafür, wann das Einloggen ins Firmennetzwerk am Wochenende definitiv tabu ist oder wann abends das Handy ausgeschaltet wird. Mails noch kurz vor dem Einschlafen zu lesen, sei ohnehin nicht zu empfehlen, sagt Panter. Wer das sein lässt, schläft in der Regel ruhiger. Hilfreich sei oft schon, sich klarzumachen, warum der Feierabend so heißt: "Ich feier', also genieße den Abend." Und dann sollte Zeit sein für Dinge, die mit der Arbeit nichts zu tun haben.

Dass der Druck am Arbeitsplatz zunimmt, ist nicht nur gefühlt so. Nach Einschätzung der Bundespsychotherapeutenkammer in Berlin fallen immer mehr Arbeitnehmer wegen psychischer Erkrankungen aus. Statistisch gesehen sind 12,5 Prozent aller Fehltage auf sie zurückzuführen. Vor allem die Zahl der Krankentage wegen Burnout-Symptomen hat erheblich zugenommen: Waren es 2004 nur 0,6 Fehltage pro 100 Versicherte, stieg die Zahl 2011 schon auf 9 Tage.

+++1400 Prozent mehr Fehltage durch Diagnose Burnout+++

+++Ständige Überstunden erhöhen Depressionsrisiko+++

Verlässliche Daten dazu, wie stark der Stress am Arbeitsplatz zugenommen hat, gebe es kaum, sagt Birgit Köper von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund. "Stress ist auch ein subjektives Phänomen." Grundsätzlich sei die Zunahme psychischer Belastungen und psychischer Erkrankungen aber unstrittig. Und während sich beim Thema Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit viel getan hat, seien die Betriebe bei der Prävention der neuen Gesundheitsrisiken noch ganz am Anfang.

Ein Grund für die Entwicklung ist nach Panters Überzeugung, dass die Arbeitszeitverkürzung der vergangenen Jahrzehnte zu einer Verdichtung der Arbeit geführt hat. Vor allem habe jedoch die Komplexität der Arbeit enorm zugenommen – zum Beispiel in den Handwerksberufen. Früher habe jeder Elektriker Schaltpläne problemlos lesen können. Inzwischen sei das so kompliziert geworden, dass es den ein oder anderen überfordere. "Wir hatten in den vergangenen 10 oder

15 Jahren insgesamt eine rasante technologische Entwicklung", sagt Panter.

"Für viele Arbeitnehmer bedeutet das ständige Änderungen." Wer sich gerade an eine Software-Version gewöhnt hat, muss kurz danach schon auf die nächste umlernen. Moderne Kommunikationstechnik wie Smartphones mache auch am Arbeitsplatz vieles leichter. "Aber sie hat auch einen hohen Komplexitätsgrad." Gerade Handys seien inzwischen ein Alltagsarbeitsmittel, die die Arbeitswelt weitreichend verändert haben. Viele Arbeitnehmer sind dadurch heute einfacher auch außerhalb der Arbeitszeit zu erreichen: "Wer früher im Urlaub war, der war weg, den konnte man nicht anrufen", sagt Panter.

Heute bekommen viele ein Diensthandy – und freuen sich im ersten Moment. "Aber natürlich geht es auch darum, sie leichter erreichen zu können", sagt Panter. Und wer erst ein Smartphone hat, mit dem man E-Mails überall und jederzeit lesen kann, der macht das bald auch.

Längst gebe es eine Kultur der ständigen Erreichbarkeit. Das gelte nicht für alle Arbeitnehmer, aber für immer mehr. Und Vorgesetzte, die gewohnt sind, praktisch immer angerufen werden zu können, vermitteln diese Haltung im Betrieb auch an andere, ist Panter überzeugt. Auch das trägt dazu bei, dass der Feierabend verschwindet: Wer immer erreichbar ist, hat keinen mehr. "Deshalb sollte man sich sagen 'Jetzt schalte ich das Ding ab'", empfiehlt der Mediziner.

Mobil zu arbeiten und bei den Arbeitszeiten flexibel zu sein, habe natürlich auch Vorteile, sagt Svenja Hofert, die als Coach in Hamburg arbeitet. "Viele Arbeitnehmer wünschen sich das ausdrücklich." In der IT-Branche beispielsweise sei das auch nichts Besonderes. "Kernarbeitszeiten von 9.00 bis 16.00 Uhr finden da viele doof." Aber unterm Strich führe das eben oft dazu, dass mehr gearbeitet wird. Hinzu kommt, dass nicht jeder perfekt in Selbstorganisation sei. Dann ufern die Arbeitszeiten schnell aus – und von Feierabend ist bald keine Rede mehr. "Wenn es einfach zu viel wird, sollte man das ansprechen – auch wenn die Hemmschwelle hoch ist", rät Svenja Hofert. "Am besten gegenüber dem direkten Vorgesetzten."

Dass sich viele das nicht trauen und einfach weitermachen, sei ja eine der Ursachen für die Zunahme der Burnout-Fälle, sagt Hofert. Über viel Arbeit zu klagen, kommt allerdings nicht immer gut an. "Besser ist deshalb, mit dem Chef zu besprechen, welche Aufgaben Priorität haben. Es gibt immer Dinge, die nicht sofort erledigt werden müssen." Vorgesetzte sollten in solchen Fällen nicht auf harten Hund machen: Für die Unternehmen wünscht sich VDBW-Präsident Panter "achtsame Führung".

Dazu gehöre auch, dass Vorgesetze kritisch hinschauen, wenn die Arbeitsbelastung für einzelne oder insgesamt zunimmt. Und jeder Chef könne auch ganz direkt dazu beitragen, den Stress zu verringern - durch "intelligentes Informationsmanagement", wie Panter es nennt: "Man kann sich zum Beispiel fragen, ob ich wirklich jede Mail schreiben muss – und ob sie an jeden gehen sollte, an den ich sie bisher üblicherweise geschickt habe."

(dpa)
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