18.05.12Fahrrad-Reparatur
Sparfüchse radeln in die Selbsthilfewerkstatt
Schlauch flicken oder Kette spannen: Dafür brauchen Fahrradfahrer nicht immer einen Mechaniker. Billiger geht das in einer Selbsthilfewerkstatt.
Von Marc Tirl
Foto: picture alliance / dpa-tmn/dpa-tmn
Schrauben und sparen: In Selbsthilfewerkstätten können Radfahrer ihren Drahtesel günstig in Eigenregie reparieren.
Berlin. Antje Wobig von der Selbsthilfewerkstatt "Fahrradklinik" in Berlin hat schon so einige Drahtesel kommen und fahren gesehen. Sie verbringt viel Zeit in der Werkstatt und weiß, dass ein Plattfuß am Rad, eine defekte Lichtanlage und eine haklige Schaltung die häufigsten Ursachen für Werkstattbesuche sind. "Dafür muss man sein Rad aber nicht extra zur Reparatur bringen", ergänzt ihre Kollegin Petra Lemberg. "Jeder, der weiß, wo rechts und links ist, kann sein Fahrrad hier selber reparieren."
Selbsthilfewerkstätten sind gerade in den Frühlings- und Sommermonaten eine gute Alternative zu Fachwerkstätten, die in diesen Jahreszeiten meist besonders prall gefüllte Auftragsbücher haben. Selbst für kleinere Reparaturen sind dann lange Wartezeiten die Regel. Das Prinzip einer Selbsthilfewerkstatt ist ganz einfach: Unter Aufsicht und Anleitung eines Mechanikers können sich Fahrradbesitzer stundenweise einen Arbeitsplatz mieten und ihr Velo selbst wieder flott machen. Das nötige Werkzeug wird gestellt, gebrauchte oder neue Ersatzteile können vor Ort gekauft werden.
Die ersten Selbsthilfewerkstätten für Fahrräder öffneten in den 80er Jahren unter dem Dach von Vereinen und Verbänden. Seit rund fünf Jahren werden es kontinuierlich mehr, vor allem in Großstädten. Hier hat sich der Drahtesel mittlerweile als ernstzunehmende Alternative zum Auto entwickelt – und entsprechend groß ist der Reparaturbedarf. Am Gesamtverkehr in Deutschland machen Fahrräder nach Erhebungen des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) bereits schon jetzt zehn Prozent aus. Eine Studie des Verkehrsministeriums in Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) hat herausgefunden, dass das Fahrrad in Deutschland für Strecken bis fünf Kilometer erste Wahl ist.
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"Viele Fahrradläden flicken doch heute keine kaputten Schläuche mehr, sondern bauen gleich neue ein", weiß Roland Huhn, Abteilungsleiter Technik des ADFC. "Das kann am Ende schon mal zehn Euro Preisunterschied ausmachen", sagt Huhn. Sich mit seinem Rad zu beschäftigen und ab und zu selber Hand anzulegen, hat für ihn den schönen Nebeneffekt, das Radler mit ihrem Fahrrad vertraut werden und kleine Reparaturen unterwegs auch selber erledigt können.
Drei bis fünf Euro pro Stunde kostet ein Arbeitsplatz inklusive Werkzeug in einer Selbsthilfewerkstatt, ein Mechaniker ist immer vor Ort. Der Platz sollte vorher telefonisch reserviert werden, um lange Wartezeiten zu vermeiden. Eine möglichst genaue Angabe zur Mietdauer des Arbeitsplatzes verhindert Zeitdruck und hektisches Arbeiten, gerade wenn man nicht regelmäßig am eigenen Rad schraubt.
Der Fachhandel sieht in den Selbsthilfewerkstätten "keine große Konkurrenz", sagt Yves Plage, Geschäftsführer des Bike Market Berlin. "In Selbsthilfewerkstätten werden meistens einfache Arbeiten durchgeführt, für die komplizierteren Sachen an hochpreisigen Rädern kommen die Kunden dann doch lieber in die Fachwerkstatt", fügt er hinzu. "Meistens sind es doch die Sparfüchse oder Bastler, die in Selbsthilfewerkstätten schrauben. Die würden ohnehin nicht in den Fachhandel kommen", betont Stephan Röper, Zweiradmechaniker aus Hamburg.
Nach Aussage von Gunnar Fehlau vom Pressedienst Fahrrad (pd-f) sehen Selbsthilfewerkstätten ihren Zweck vor allem darin, Menschen mit geringem Einkommen Mobilität zu ermöglichen und die Instandsetzung günstig gekaufter oder gebrauchter Räder zu ermöglichen. "Wir versuchen, die Leute zu bedienen, die nicht in der Lage sind, die aktuellen Reparaturpreise zu zahlen", erläutert Matthias Schnauss vom Büro für nachhaltige Entwicklung in Berlin, das in mehreren Städten unter anderem Selbsthilfewerkstätten betreibt.
Wenn man aufs Geld gucken müsse und man die nötigen Kenntnisse hat, seien Selbsthilfewerkstätten eine echte Alternative, sagt Fehlau. Und wenn man so das ein oder andere Rad noch vor dem Schrottplatz retten kann – umso besser.
+++Hier gibt es Selbsthilfewerkstätten in Hamburg+++
Vor einem Plattfuß ist kein Radler gefeit. Alles halb so wild, wenn man für den Pannenfall mit dem richtigen Werkzeug gerüstet ist – und dem Wissen, wie sich ein Loch im Schlauch am besten stopfen lässt.
Ein Zischen kündigt die Zwangspause an – und schon ist es mit der guten Stimmung auf der Fahrradtour vorbei. An Flickzeug hat keiner der Ausflügler gedacht, und eine Werkstatt ist weit und breit nicht in Sicht. "Damit das nicht passiert und die Reise zügig weitergehen kann, sollten Radfahrer auf diesen häufigen Pannenfall vorbereitet sein", sagt René Filippek. Der Experte vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) erklärt, welches Werkzeug ins Gepäck gehört, damit der Reifen schnell wieder prall ist.
Beim Zusammenstellen der Pannenausrüstung gibt es einiges zu beachten: "Erst sollte man am Fahrrad nachsehen und ausprobieren, welche Schraubenschlüssel in welcher Größe benötigt werden, um die Laufräder auszubauen", rät Filippek. Felgenbremsen müssen für die Demontage ausgehängt werden, was bei einigen Velos ebenfalls nur mit Werkzeug möglich ist. Und wichtig: die Luftpumpe nicht vergessen.
Bei der Wahl des Flickzeugs empfiehlt der Fachmann den Klassiker: ein kleines Kästchen, das Flicken in verschiedenen Größen, eine Tube mit Vulkanisierlösung, zwei Reifenheber aus Plastik und Schleifpapier enthält. Wer sich für den Pannenfall doppelt absichern will, kann noch einen Ersatzschlauch einpacken. Von selbstklebenden Flicken rät Filippek ab: "Die halten meist nicht dauerhaft." Gleiches gelte für Pannensprays, die durch das Ventil in einen defekten Schlauch gesprüht werden und kleinere Löcher vorübergehend abdichten, sowie für Spezialschläuche mit Dichtmittel-Füllung.
Ist die Luft raus aus dem Reifen, sollte das betroffene Laufrad zum Flicken ausgebaut werden. "Ein Plattfuß lässt sich so meist einfacher und schneller beheben, als wenn das Rad montiert bleibt", erklärt Filippek. Nur in Ausnahmen rät er vom Ausbau ab – etwa wenn ein Hollandrad mit geschlossenem Kettenkasten hinten platt ist oder es mit dem Seilzug der Nabenschaltung kompliziert wird.
Um an den defekten Schlauch heranzukommen, muss eine Seite des Mantels mit den Reifenhebern aus dem Flickzeug-Set von der Felge gehebelt werden. "Dafür niemals einen Schraubendreher oder andere Metallgegenstände benutzen", warnt Filippek. "Damit ruinieren Sie ganz schnell Felge und Reifen oder schlitzen den Schlauch so weit auf, dass er sich nicht mehr flicken lässt."
Die undichte Stelle lässt sich dem ADFC-Experten zufolge am schnellsten aufspüren, wenn man etwas Luft in den Schlauch pumpt und darauf achtet, wo es zischt. "Hat man das Loch gefunden, sollte man prüfen, ob spitze Fremdkörper wie Scherben, Steine oder Nägel im Mantel stecken und ob das Felgenband eventuell verrutscht ist, wodurch es ebenfalls zu einem Platten kommen kann."
Beim Schlauchflicken ist es wichtig, die schadhafte Stelle zunächst zu säubern und mit dem Schleifpapier aus dem Reparatur-Set anzurauen. "Anschließend etwas Vulkanisierflüssigkeit im Bereich des Lochs auf einer Fläche, die der Flickengröße entspricht, auftragen, mit der Kappe der Tube gleichmäßig verstreichen und mindestens fünf Minuten warten, bis sie angetrocknet ist", erläutert Filippek. Sobald die Lösung ihren feuchten Glanz verloren hat, kann die Aluminiumfolie von der Unterseite des Flickens abgezogen und dieser aufgesetzt werden. Luftbläschen lassen sich mit den Daumen von der Mitte zum Flickenrand hin wegstreifen.
Nach rund zwei Minuten ist die Vulkanisierung abgeschlossen, bei der sich das Schlauchgummi durch einen chemischen Prozess mit dem Flicken verbindet. "Die durchsichtige Folie erst ganz zum Schluss vom Flicken abziehen. Dabei zeigt sich, ob er hält", rät Filippek. Wenn in den reparierten Schlauch etwas Luft gepumpt wird, lässt er sich leichter unter den Mantel zurückstecken, ohne sich zu verdrehen. Um den Schlauch in die optimale Position zu bringen, hilft es, die Reifenflanken rundherum zusammenzudrücken, bevor man das Rad passend aufpumpt, die Ventilmutter festdreht und die Schutzkappe aufschraubt.
(dpa)